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Freitag, 08.12.2017

Was ist ein Hebammenkreißsaal?

Die Bischofswerdaer Geburtenklinik wird geschlossen. Doch es gibt Ideen, wie es trotzdem weitergehen könnte. Ein Modell findet dabei immer mehr Anhänger.

Von Nicole Preuß

Der Kreißsaal der Geburtsklinik Bischofswerda soll bald schließen. Einige Bischofswerdaer arbeiten aber an alternativen Ideen.
Der Kreißsaal der Geburtsklinik Bischofswerda soll bald schließen. Einige Bischofswerdaer arbeiten aber an alternativen Ideen.

© Thorsten Eckert

Bischofswerda. Die Schließung der Geburtsklinik in Bischofswerda noch vor Weihnachten ist besiegelt. Die Schiebocker denken allerdings schon länger über Alternativen nach, um den Geburtsstandort zu erhalten. Der Ortsverband der SPD brachte zum Beispiel schon vor einigen Wochen das Konzept eines Hebammenkreißsaals ins Spiel. Die Idee wurde auch in anderen Gruppen diskutiert. Zuletzt schloss sich sogar der Aufsichtsratsvorsitzende der Oberlausitz-Kliniken, Landrat Michael Harig (CDU), der Idee an. Das sei ein Vorschlag, der geprüft werden müsse, ließ er sich zitieren. Doch ist der Hebammenkreißsaal wirklich ein Modell für Bischofswerda? Der Deutsche Hebammenverband fördert den Austausch zwischen den Hebammenkreißsälen. Die Beirätin für den Angestelltenbereich, Susanne Steppat, kann daher Antworten geben.

Was versteht man unter einem Hebammenkreißsaal?
Der Name ist Programm. Ein Hebammenkreißsaal wird nicht von Ärzten geleitet, wie das in Kliniken normalerweise üblich ist, sondern von Hebammen. Das heißt, zur Geburt kommt kein Gynäkologe dazu. Das Modell stammt aus Skandinavien. „Der Hebammenkreißsaal ist im Prinzip ein Geburtshaus in der Klinik mit Netz und doppeltem Boden“, sagt Susanne Steppat. Denn in der Regel gibt es in den Kliniken auch noch einen Kreißsaal, der ärztlich geleitet wird. Wenn es also unerwarteterweise zu Komplikationen kommt, kann sofort ein Arzt eingreifen. Der Hebammenverband führt 17 solcher Kreißsäle in ganz Deutschland auf seiner Internetseite auf, es gibt aber wahrscheinlich noch mehr.

Welche Frauen entbinden in Hebammenkreißsälen?
Das ist ähnlich wie in Geburtshäusern geregelt. Die Schwangerschaft muss komplikationslos verlaufen sein und die Frau sollte voraussichtlich ein gesundes Kind erwarten. Die Hebammen dürfen allerdings keine Medikamente verabreichen. Wehentropf oder Periduralanästhesie (PDA) fallen damit für die Schwangeren weg.

Wer arbeitet in sogenannten Hebammenkreißsälen?
Die Hebammen, die in Hebammenkreißsälen arbeiten, sind in der Regel bei den Kliniken angestellt. Das unterscheidet sie von den Kollegen in Geburtshäusern, die freiberuflich arbeiten. „Die Hebammen müssen sich die Verantwortung aber auch zutrauen“, sagt Susanne Steppat. Hebammen, die lange in Kliniken gearbeitet haben, stehen dem oft skeptisch gegenüber. Es gebe aber auch Kollegen, die so arbeiten wollen. „Wenn so ein Kreißsaal eingerichtet wurde, haben die Kliniken in der Regel kein Problem, Personal dafür zu finden“, sagt Susanne Steppat vom Hebammenverband. Kliniken brauchen aber für ein solches Modell noch mehr Hebammen, weil zwei von ihnen bei der Geburt dabei sein müssen.

Welche Chancen hat ein solches Modell in Bischofswerda?
Die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Konzept in Schiebock durchsetzt, ist eher gering. Ein Hebammenkreißsaal braucht einen ärztlich geleiteten Kreißsaal in unmittelbarer Nachbarschaft und das ist in Bischofswerda bald nicht mehr gegeben. Die Vorsitzende der SPD in Bischofswerda und ihre Mitstreiter wollen trotzdem nicht aufgeben. „Die Sache ist entschieden. In Bischofswerda wird es keine Gynäkologie mehr geben. Die Frage ist doch aber: Wollen wir eine Alternative oder verzichten wir ganz?“, sagt Dr. Uta Strewe.

Welche Alternativen gibt es zum Hebammenkreißsaal?
Ein Geburtshaus in einer Klinik mit freiberuflichen Hebammen wäre ein Novum, aber eine Alternative. „Das wäre etwas ganz Ungewöhnliches“, sagt Susanne Steppat vom Hebammenverband. Das würde aber bedeuten, dass gewährleistet sein muss, dass Mutter und Kind in einem Notfall schnell in eine andere Klinik verlegt werden könnten. Die hohen Beiträge zur Haftpflichtversicherung, die vor Kurzem diskutiert wurden, dürften nicht mehr das unüberwindbare Problem sein. Einen Teil der Beiträge übernimmt die Krankenversicherung, den Hebammen bleiben 2 000 Euro pro Jahr, heißt es aus dem Verband.