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Was dürfen Karikaturen?

Immer mal wieder ärgere ich mich über Karikaturen „Unter dem Strich“, so am 8. September. Da sagt eine Frau zu ihrem Mann über ihren Sohn: „Millionen Kinder sind auf der Flucht. Unser Klausi könnte sich ruhig mal ein Beispiel nehmen.“ Es ist schon sehr makaber, sich über das Unglück anderer lustig zu machen. MfG Hilde Neufert

18.10.2016

Sehr geehrte Frau Neufert,

kann man so sehen wie Sie. Ich habe die Karikatur von Mario Lars allerdings anders empfunden: Er macht sich meiner Meinung nach nicht über Flüchtlinge lustig, sondern über Klausi, den erwachsenen Sohn des Ehepaars, der partout das elterliche Nest nicht verlassen will. Um diesen Konflikt deutlich zu machen, spitzt der Karikaturist zu und verbindet ihn mit dem aktuellen Flüchtlingsthema. Ich finde, das geht so und ich kann darüber lachen. Obwohl ich ein Herz für Flüchtlinge habe.

Aber natürlich kann man über Karikaturen streiten. Es ist ja nicht so, dass jede Kari jeden Leser zum Schenkelklatschen veranlasst oder wenigstens zum Schmunzeln. Mancher Leser verbindet mit einem bestimmten Thema bestimmte Erfahrungen, die ihn auf Distanz gehen lassen zu einer Karikatur. Das ist völlig normal.

Letztlich geht es immer wieder um die Frage: Was dürfen Karikaturen? Und um die Antwort, die einst Kurt Tucholsky darauf gegeben hat: alles. Er hat sich damals dagegen verwahrt, dass der Staat eingreift, wenn Menschen sich in ihren religiösen Gefühlen verletzt sehen. Gerade dazu gibt es ja aktuelle Bezüge: Sind die Mohammed-Karikaturen zulässig, auch wenn der Islam bildliche Darstellungen des Religionsbegründers verbietet? Oder: Darf Jesus Christus als Klorolle gezeigt werden? Meine Antwort ist: ja, darf man. Ob eine Zeitung so etwas auch druckt, ist eine ganz andere Sache. Ich finde, sie sollte da zurückhaltend sein.

Aber das sind Extremfälle. Dazwischen liegen viele, mehr oder weniger lustige Einfälle von Karikaturisten, die einen tollen, gar nicht einfachen Job machen. Die Sächsische Zeitung hält diese Zeichnungen für so wertvoll, dass sie täglich einen Platz auf dem Titel frei hält und jedes Jahr einen Karikaturenwettbewerb initiiert, der inzwischen zu den renommiertesten in Deutschland zählt. Wenn man dann die Ausstellung der Wettbewerbsarbeiten besucht, kann man die unterschiedlichen Reaktionen zu ein und derselben Karikatur live erleben: schallendes Lachen, Ratlosigkeit, Kopfschütteln. So ist das Leben.

Ihr Olaf Kittel

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