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Samstag, 20.02.2016

Warum Görlitz Alaska toppt

Zwei Frauen aus dem Norden der USA erkunden Görlitz als Probewohner. Sie können sich vorstellen, hier zu leben.

Von Ingo Kramer

Marita Kaplan (links) und Kathy Drabek aus Alaska sind derzeit zum Probewohnen in Görlitz. Sie haben sich das Schlesische Museum als Ort für das Foto ausgesucht, weil sie schon zweimal drinnen waren und begeistert sind vom Gebäude und den Ausstellungen.
Marita Kaplan (links) und Kathy Drabek aus Alaska sind derzeit zum Probewohnen in Görlitz. Sie haben sich das Schlesische Museum als Ort für das Foto ausgesucht, weil sie schon zweimal drinnen waren und begeistert sind vom Gebäude und den Ausstellungen.

© pawel sosnowski/80studio.net

Die Kombination passt ideal. Marita Kaplan hat Geschichte studiert und Kathy Drabek Architektur. „Da ist Görlitz ein perfekter Ort für uns beide“, sagt Kathy Drabek. Vor allem die Altstadt hat es der 68-Jährigen angetan. Ihre elf Jahre jüngere Freundin zieht den Radius noch weiter. „Ich mag die Altstadt sehr, aber die Gründerzeit auch“, sagt Marita Kaplan.

Die beiden Frauen aus Alaska sind für zwei Wochen in Görlitz – als Teilnehmerinnen beim Projekt Probewohnen, das die städtische Tochtergesellschaft Kommwohnen seit September in drei Altstadt-Wohnungen in der Schwarze Straße anbietet. Auf Görlitz sind sie eher zufällig gestoßen. „Ich suchte nach einem englischsprachigen Universitätsprogramm für meinen Sohn“, sagt Marita Kaplan. Da habe sie die Neisse University entdeckt, in der Deutsche, Polen und Tschechen im Dreiländereck zusammenarbeiten. „Drei Länder, das klang interessant“, sagt sie. Alles Weitere ergab die folgende Internet-Recherche.

Die beiden Frauen kennen sich über ihre Arbeit schon seit fünf oder sechs Jahren, stammen aber ursprünglich aus verschiedenen Gegenden. Kathy Drabek wurde in Seattle im US-Staat Washington als Tochter nordeuropäischer Einwanderer geboren. Als Jugendliche zog sie nach Kodiak Island, einer Insel im Süden von Alaska. Es ist nach Hawaii die zweitgrößte Insel und auch der zweitgrößte Fischereihafen der USA. Jahrelang managte sie dort das Hafenbüro.

Marita Kaplan hingegen hat ihre Wurzeln in Bielefeld, wo sie auch die Universität abschloss. „1985 aber bin ich nach Alaska gezogen, weil ich keine Lust mehr auf Deutschland hatte“, sagt sie. Obwohl sie dort niemanden kannte, reizte sie das Neue: „Ich konnte mir nicht vorstellen, mich in Deutschland irgendwo niederzulassen und dann dort zu bleiben.“ 16 Jahre lang leitete sie auf Kodiak Island schließlich ein Programm in einem Tageszentrum für Senioren. Mittlerweile aber sind ihre Kinder beide nach Europa gegangen: Die Tochter nach Madrid, der Sohn ins Erzgebirge, wo Freunde der Familie leben. So wuchs auch bei Marita Kaplan der Wunsch, nach Deutschland zu ziehen. Und hier wiederum findet sie besonders den Osten spannend, in den sie früher nie gekommen ist: „Ich habe das Gefühl, dass es hier mehr Möglichkeiten gibt, etwas zu machen.“ Auch der Menschenschlag gefalle ihr.

Voriges Jahr brachte sie ihre Freundin erstmals mit nach Deutschland. Die beiden Frauen schauten sich Berlin, Dresden und Erfurt an. Doch sie sind keine Großstadtmenschen und so ist Görlitz nun genau das Richtige für sie. Kathy Drabek kann sich ernsthaft vorstellen, künftig jeden Winter für zwei bis drei Monate hier zu leben: „Das Klima ist hier viel angenehmer, in Alaska ist es im Winter so stürmisch und neblig.“ Dazu kommen die Architektur, die Größe der Stadt und die Nähe zu Polen. In Zgorzelec waren die beiden schon mehrfach und in einem dortigen Café hat Kathy Drabek Cookies entdeckt, „die mich so sehr an diese wundervollen norwegischen Cookies aus meiner Jugend erinnert haben.“

Marita Kaplan kann sich sogar vorstellen, komplett nach Görlitz zu ziehen. In Alaska hat sie zwar noch ein Haus, aber das ist jetzt vermietet. Sie hat dort gerade ihren Job gekündigt und ihre Zelte abgebrochen. Nur mit einem Rucksack ist sie nach Deutschland zurückgekehrt – „genau wie 1985 in die andere Richtung.“ Aktuell arbeitet sie für sechs Monate als Lehrerin in Annaberg-Buchholz. In den Ferien ist sie für zwei Wochen in Görlitz. Sie will gern noch zehn bis 15 Jahre berufstätig bleiben. „Wenn ich in Görlitz einen Job finde, würde ich hierher ziehen“, ist sie nach ihrer Zeit als Probewohnerin überzeugt.

Solche Einschätzungen freuen auch Lisa Gutjahr von Kommwohnen. Die überwiegende Motivation der Bewerber für das Probewohnen sei ausgeprägtes Interesse an der Stadt Görlitz und große Neugier auf das Wohnen in der Altstadt. Etwa zwei Drittel hätten angegeben, auf der Suche nach einem neuen Wohnort zu sein. Die Bewerber kommen vor allem aus Deutschland, aber auch den Niederlanden, Kroatien und Bosnien-Herzegowina. „Und im März wird eine Dame aus Phoenix in den USA zum Probewohnen zu uns kommen“, sagt sie. Kathy Drabek hingegen fliegt an diesem Wochenende wieder zurück in die USA. Das Probewohnen sei eine tolle Sache. „In Alaska werde ich viel Werbung für Görlitz machen“, kündigt sie an. Und da die Leute aus Alaska im Allgemeinen gern reisen, würden sicher auch mal welche auf ihre Empfehlung hin nach Görlitz kommen.