erweiterte Suche
Freitag, 20.10.2017

Warum die Insekten sterben

Drei Viertel weniger Bienen, Schmetterlinge und Käfer in den letzten 27 Jahren zählten Forscher – was bedeutet das?

Die Streifenwanze ist eine von mehr als 20000 Insektenarten in Sachsen – eigentlich recht häufig, ist auch sie bedroht.
Die Streifenwanze ist eine von mehr als 20 000 Insektenarten in Sachsen – eigentlich recht häufig, ist auch sie bedroht.

© Udo Lemke

Meißen/Radebeul. Für Aufsehen sorgte jetzt eine Langzeitstudie, die Krefelder Insektenkundler gemeinsam mit niederländischen und englischen Kollegen in 63 deutschen Naturschutzgebieten durchgeführt haben. Dabei stellten sie einen Rückgang der Anzahl der Insekten von 75 Prozent in den vergangenen 27 Jahren fest. Ein Ergebnis, das Anlass zu größter Sorge bietet, meint der Radebeuler Schmetterlingsspezialist Matthias Nuss vom Senckenberg Naturkundemuseum in Dresden, der gerade in Meißen vor Lehrern zum Erhalt der Artenvielfalt gesprochen hat.

Herr Nuss, was ist für Sie die wichtigste Aussage der Studie?

Es ist seit einiger Zeit bekannt, dass die Insekten zurückgehen, sowohl in der Zahl als auch bei verschiedenen Arten, bis hin zu ihrem Aussterben, das in den Roten Listen dokumentiert wird. Das Neue an der jetzigen Untersuchung ist, dass sie einen sehr großen Datensatz ausgewertet hat. Das war deshalb möglich, weil die Krefelder Insektenkundler schon in den 1980er Jahren begonnen haben, standardisierte Bestandserfassungen zu machen. Das heißt, dass wir ein Archiv haben, mit dem wir mehr als 30 Jahre in die Vergangenheit zurückschauen können. Alle Untersuchungen wurden in Schutzgebieten durchgeführt – in Naturschutz- und Landschaftsschutzgebieten, aber auch in Lebensräumen, die von Naturschutzverbänden gepflegt werden. Überall dort ist die Insektenbiomasse um rund 75 Prozent zurückgegangen. Das heißt, dass nicht nur seltene Arten betroffen sind, sondern alle, auch die häufigen.

Was hat der gravierende Rückgang der Insekten für Folgen?

Nicht nur die Bienen – die auch seltener werden – haben große Bedeutung für die Landwirtschaft. Auch andere Insekten wie Schmetterlinge, Schwebfliegen oder Käfer, die Nutz- und Wildpflanzen bestäuben. Viele Pflanzen können nur von diesen Insekten bestäubt werden, weil ihr Blütenbau an diese angepasst ist. Das ist ein Beispiel für die Wichtigkeit der Insekten. Ein anderes lässt sich anhand von Australien erklären. Da wurden zwar irgendwann Kühe eingeführt, aber nicht die Käfer, die den Dung zersetzen, so dass nach kurzer Zeit die Weiden zugesch . . . waren und sich nicht mehr regenerieren konnten, sodass schleunigst die entsprechenden Käferarten importiert werden mussten.

Bei uns funktioniert das aber noch mit den dungzersetzenden Käfern.

Nur bedingt, denn diese Käfer sind in doppelter Weise von der Chemie betroffen. Zum einen bekommen sie es mit den Antibiotika zu tun, mit denen unsere Haustiere behandelt werden, die natürlich auch ausgeschieden werden. Und zum anderen haben sie es mit den Insektiziden zu tun, die auf den Feldern versprüht werden.

Damit wären wir bei der konventionellen Landwirtschaft. Was müsste da geschehen, um das Insektensterben zu stoppen?

Die Vermutung liegt nahe, dass sowohl Düngemittel als auch Pestizide ausgewaschen werden und so in die Schutzgebiete gelangen und natürlich befinden sie sich auf den Landwirtschaftsflächen. Es geht nicht darum, dass die Landwirte weder Dünger noch Pestizide einsetzen, sondern, dass die Dosierungen reduziert werden. Offizielle Statistiken zeigen, dass im Zeitraum der Krefelder Langzeitstudie der Einsatz von Pestiziden zugenommen hat. Wurden 1993 deutschlandweit etwa 30 000 Tonnen Wirkstoffe ausgebracht, so liegen wir heute bei etwa 40 000 Tonnen. Diese Mengen müssen heruntergefahren werden. Es muss aufhören, Pestizide vorbeugend einzusetzen, mechanische Unkrautbekämpfung muss vor chemischer stehen und es müssen alternative Wege zur Schädlingsbekämpfung, wie der Einsatz von Bakterienpräparaten, verbessert werden.

Was sagt die Langzeitstudie in Bezug auf die Pestizide aus?

Es besteht der Verdacht, dass einige der Wirkstoffe, die noch nicht vor 27 Jahren eingesetzt worden sind, aber heute, eine größere Toxizität aufweisen. Hier müssen wir ebenso ansetzen wie bei der Menge der eingesetzten Pestizide.

Die Fragen stellte Udo Lemke.