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Samstag, 19.08.2017

Warum der IS in Europa gefährlich bleibt

Mit Terroranschlägen will der IS militärische Niederlagen kompensieren. Ein baldiges Ende der Miliz ist nicht in Sicht.

Von Jan Kuhlmann, Barcelona

Immer wieder überzieht die Terrormiliz IS europäische Städte mit Terror. Anschläge sind für die Extremisten eine der wichtigsten Mittel im Kampf gegen ihre Feinde.

Wie stark ist der IS noch angesichts der Niederlagen?

Als die Dschihadisten vor mehr als drei Jahren die irakische Großstadt Mossul überrannten, erreichte die Macht des IS ihren Höhepunkt. Die Terrormiliz kontrollierte riesige Gebiete im Irak und in Syrien. Den größten Teil davon hat sie wieder verloren, auch durch die Militärhilfe der Anti-IS-Koalition. Die militärische Niederlage der Dschihadisten in beiden Ländern scheint nur noch eine Frage der Zeit.

Besiegt ist der IS damit aber noch lange nicht. Es ist damit zu rechnen, dass die Extremisten untertauchen und auf eine Guerilla-Taktik setzen – so wie sie es früher schon erfolgreich getan haben. Die Unzufriedenheit bei vielen Menschen in beiden Ländern ist weiterhin so groß, dass der IS nach wie vor Sympathisanten findet.

Warum setzt der IS auf Terroranschläge?

Die Ausrufung des Kalifats vor drei Jahren in Syrien und im Irak war auch eine Machtdemonstration. Einen eigenen „Staat“ zu gründen hatte noch nicht einmal das Terrornetzwerk al-Qaida geschafft. Diese Stärke wirkte auf viele Sympathisanten attraktiv, in Scharen zogen Dschihadisten aus aller Welt in die Kampfgebiete. Jetzt versucht der IS, die militärischen Niederlagen durch Terroranschläge zu kompensieren. So will er seinen Anhängern vermitteln, dass er weiterhin mächtig und fähig zum Kampf ist. Für Anschläge brauchen die Extremisten auch keine ausgefeilte Logistik, ein Fahrzeug als Tatwaffe reicht aus. In Internetpublikationen gibt der IS Anweisungen, wie die Attentate am besten auszuführen sind. Dabei profitiert die Terrormiliz von der medialen Aufmerksamkeit, die die Anschläge weltweit erhalten. Zudem hat der IS das Ziel, die Gesellschaften seiner Gegner zu zersetzen und zu zerstören – in der Hoffnung, von Unsicherheit und möglichem Chaos zu profitieren.

Warum wird Europa immer wieder Ziel von Anschlägen?

Zahlreiche europäische Länder gehören zur Anti-IS-Koalition, in der der IS ein Bündnis von „Kreuzfahrern“ sieht, die den Islam zerstören wollen. Spanien steht nicht zuletzt auch deshalb im Blickpunkt, weil die Iberische Halbinsel im Mittelalter über Jahrhunderte von Muslimen beherrscht wurde. Unter Migranten und Konvertiten findet der IS zudem in Europa potenzielle Attentäter.

Terroranschläge sind auch ein Mittel der asymmetrischen Kriegsführung. Militärisch ist der IS seinen Gegnern unterlegen – mit Attentaten versuchen die Extremisten aber, sie zu zermürben. Dabei gibt es allerdings in etlichen islamischen Ländern viel häufiger Terrorangriffe als in Europa.

Hören die Anschläge auf, wenn der IS in Syrien besiegt ist?

Ein militärisch besiegter IS könnte noch viel häufiger auf Terrorangriffe setzen. Selbst wenn die wichtigsten Köpfe des IS sterben sollten, bleibt die radikale Ideologie der Extremisten erhalten. Über das Internet wird sie von unzähligen Helfern weltweit dezentral verbreitet.

Was muss passieren, um den IS endgültig zu zerschlagen?

Nicht seine eigene Stärke hat den IS groß gemacht, sondern die Schwäche seiner Gegner. Beispiel Irak: Der von korrupten Eliten beherrschte Staat erfüllt schon seit Langem seine Aufgaben nicht mehr. Die von der Mehrheit der Schiiten dominierte Regierung diskriminiert die Sunniten und vernachlässigt seit Jahren ihre Regionen – ein Nährboden für die Ideologie des sunnitischen IS. (dpa)