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Samstag, 20.08.2016

Warum Castro und nicht der Mauerbau?

In der SZ vom 13. August huldigen Sie Fidel Castro mit einer kompletten Innenseite zu seinem 90. Geburtstag. Am gleichen Tag jährte sich der Bau der Berliner Mauer zum 55. Mal, er wurde mit keiner Silbe erwähnt. Wie sollen jüngere Menschen die deutsche Geschichte verstehen, wenn solche Ereignisse ausgeblendet werden? MfG D. Bockelmann

Sehr geehrter Herr Bockelmann,

Fidel Castro hat die SZ eine ganze Seite gewidmet, weil die drei wichtigsten Kriterien für die Auswahl eines solchen Themas dafür sprachen. Erstens ist er eine hochinteressante Person der Zeitgeschichte, die lange die Geschicke in Kuba prägte, auf der internationalen Bühne eine wichtige Rolle spielte und den in der DDR jedes Kind kannte. Zweitens ist sein 90. Geburtstag ein guter Anlass, um sich mit einer der prägenden Figuren des 20. Jahrhunderts auseinanderzusetzen. Und drittens hatte die SZ eine starke Geschichte: Lateinamerika-Korrespondentin Sandra Weiss porträtierte Castro als „Mythos einer Revolution“, der versucht, den Wandel Kubas noch im Hintergrund zu beeinflussen, obwohl er kaum noch dazu in der Lage ist. Von Huldigung ist diese Auseinandersetzung weit entfernt. Vielleicht irritierten Sie die Fotos mit Honecker und Co.? Im Übrigen haben sich alle großen Zeitungen für umfangreiche Castro-Beiträge entschieden.

Und warum kein großer Beitrag zum Jahrestag des Mauerbaus? Das Ereignis ist zweifellos von großer Tragweite, gerade für Jüngere ist es wichtig, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Der „halbrunde“ 55. Jahrestag ist dafür ein möglicher, aber kein zwingender Anlass, aktuelle Bezüge drängen sich nicht auf. Vor allem aber fehlte diesmal die starke Geschichte, die einen solchen Beitrag trägt. Selbstverständlich wird die SZ dieses Thema wieder aufgreifen, so wie sie es in der Vergangenheit bereits oft und ausführlich getan hat. Die SZ ist sich ihrer Verantwortung sehr wohl bewusst.

In eine gute Zeitung gehören zeitgeschichtliche Beiträge, keine Frage Herr Bockelmann. Allerdings gibt es eben jeden Tag mehr spannende Themen und interessante Jahrestage, als in eine Zeitung passen. Ein Geschichtsbuch soll sie ja auch nicht werden. Deshalb müssen Journalisten auswählen. Sie tun das kollektiv, um zu einem guten Ergebnis zu kommen und immer in der Absicht, jeden Tag eine interessante Zeitung zu produzieren. Die drei Kriterien – starkes Thema, starker Anlass, starke Geschichte – sind dabei ein guter Leitfaden.

Ihr Olaf Kittel

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