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Wachstumsrisiko Fachkräftemangel

Der Konjunkturbericht der IHK Dresden zeigt: Die Stimmung ist gut – und der Arbeitsmarkt wird zum normalen Markt.

06.10.2017
Von Lars Radau

risiko Fachkräftemangel
Hier entsteht ein „Staubsauger“: Im Kamenzer Gewerbegebiet Ochsenberg baut die Daimler-Tochter Accumotive ihre zweite Batteriefabrik am Standort. Für den Betrieb werden Fachkräfte benötigt, die in der Region ohnehin knapp sind.

© Rene Plaul

Das Wort „Staubsaugereffekt“ findet Detlef Hamann „nicht ganz passend“. Und wenn er mit besorgten Unternehmern in der Oberlausitz spricht, hat der Hauptgeschäftsführer der Dresdner Industrie- und Handelskammer (IHK) auch immer ein Gegenbeispiel parat. Als das Industriegebiet Kodersdorf bei Görlitz zu boomen anfing – unter anderem mit einer Tochter der Elbe Flugzeugwerke Dresden – und rund 2 000 Jobs zu besetzen waren, habe im Landkreis auch „keine einzige Firma wegen Personalmangels dichtmachen“ müssen.

Heute heißen die Staubsauger Accumotive in Kamenz, Sachsenmilch in Leppersdorf oder Bosch und Philipp Morris in Dresden. Sie alle erweitern ihre Werke im Freistaat oder bauen komplett neu. Bis zu 3 000 neue Arbeitsplätze, schätzt Hamann, entstehen so in naher Zukunft. „Die Wettbewerbssituation wird dadurch nicht besser.“

Abschied vom Niedriglohngebiet

Tatsächlich zieht sich die große Sorge, Fachkräfte zu finden und halten zu können, als prägendes Element durch die Herbst-Konjunkturumfrage der IHK, deren Ergebnisse Hamann und sein Wirtschaftsstatistik-Referatsleiter Jürgen Prescher am Donnerstag vorstellten. 60,6 Prozent der 480 befragten Unternehmen betrachten den Fachkräftemangel inzwischen als Risiko für ihre wirtschaftliche Entwicklung – im Vergleich zum Vorjahr ein Zuwachs um gut elf Prozent. Gleichzeitig plant fast ein Drittel der Unternehmen, in naher Zukunft neues Personal einzustellen. Und gleichzeitig braucht schon jetzt die Hälfte aller befragten Firmen mehr als zwei Monate, um freie Stellen besetzen zu können.

Für Hamann ist deshalb klar: „Die Unternehmen werden sich etwas einfallen lassen müssen.“ Der Arbeitsmarkt im Kammerbezirk, der neben dem Raum Dresden auch die Kreise Bautzen, Meißen, Sächsische Schweiz/Osterzgebirge und Görlitz umfasst, werde „immer mehr zum normalen Markt“, konstatiert Hamann. Das heißt: Angebot und Nachfrage regeln die Preise – konkret: die Löhne für Fachkräfte. Mittelfristig, ist der IHK-Hauptgeschäftsführer überzeugt, werden die Entgelte deshalb spürbar steigen, der Abschied vom Niedriglohn-Standort Sachsen sei eingeläutet. „Das war mehr als 20 Jahre lang ein entscheidender Wettbewerbsvorteil.“

Vor den Löhnen griffen die Firmen aber noch zu anderen Mitteln, um Fachkräfte zu überzeugen oder zu halten, sagt Hamann. „Dinge, die anderswo selbstverständlich sind, bekommen in Sachsen derzeit ein völlig neues Gewicht“, sagt der IHK-Manager. Vollzeitstellen etwa, unbefristete Arbeitsverträge, Weiterbildungsangebote und Urlaubs- oder Weihnachtsgeld seien zunehmend im Angebot der Arbeitgeber.

Allzeithoch bei Lage und Stimmung

Schlagen beim Thema Fachkräfte und Lohn „durchaus zwei Herzen“ in Hamanns Brust – als zweitgrößtes Zukunftsrisiko haben die befragten Betriebe nämlich die steigenden Arbeitskosten angegeben –, macht ihm die Präsentation der übrigen Umfrageergebnisse nach eigenem Bekunden „richtig Spaß“. Denn 64 Prozent der befragten Firmen bewerten ihre Geschäftslage derzeit mit Gut – ein Wert, der laut Jürgen Prescher „mindestens seit 2010, gefühlt aber in den letzten 20 Jahren“ nicht erreicht wurde. Dazu beigetragen hat sicherlich, dass im ersten Halbjahr 2017 die Umsätze aller Firmen im Vergleich zum Vorjahr um gut sechseinhalb Prozent zugelegt haben.

Besonders gut ist die Stimmung auf dem Bau – dort, sagt Hamann, seien die „Auftragsbücher voll bis obenhin“. Nachteile gebe es derzeit nur für die Kunden: „Wartezeiten und Preise haben zugelegt.“ Dass die Prognose für das nächste Halbjahr verhaltener ausfällt, ist für Hamann der „klassische Kurvenverlauf“: Für Bau und Tourismus sei die kommende Wintersaison eben eine absehbar schlechtere Zeit.

Zurückhaltung aus Unsicherheit

Der IHK-Hauptgeschäftsführer hat aber noch eine weitere Euphorie-Bremse ausgemacht. Einige Unternehmer hätten ihm berichtet, dass sie wirtschaftlich durchaus in ihre Betriebe investieren könnten – neue Maschinen hier, eine neue Halle da. Es gebe aber eine „Grundunsicherheit“, ob die positive Wirtschaftslage anhalte. Zwar betonen sowohl Detlef Hamann als auch Jürgen Prescher, dass es derzeit keine Anzeichen gebe, die dagegen sprächen. Viele Unternehmer hätten aber den Einbruch im Zuge der Finanzkrise 2008 mitgemacht – und seien deshalb noch immer besonders vorsichtig. Für entscheidender als diese abstrakten Sorgen hält Hamann indes, „wie die Ministerien in der kommenden Bundesregierung verteilt werden“. Die Bewertung der Firmen wird sich indes frühestens in der nächsten Konjunkturumfrage niederschlagen. Die Herbstumfrage war eine Woche vor der Wahl abgeschlossen.