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Freitag, 03.02.2006

Vorzeige-Züge werden zur Lachnummer

Tschechien. Die modernen „Pendolinos“ der Bahn sorgen für Negativ-Schlagzeilen.

Von Hans-Jörg Schmidt,SZ-Korrespondent in Prag

Was hatten sie sich in Prag gefreut, als der erste supermoderne Neigezug vom Typ Pendolino am 11. Dezember zu seiner Jungfernfahrt ins mährische Ostrava (Mährisch-Ostrau) aufbrach. Verkehrsminister Milan Simonovsky und die italienischen Hersteller der Firma Alstom schwärmten geradezu. Bahn-Sprecher Petr Stahlavsky verglich den Zug gar mit dem französischen TGV. Der neue Zug biete eine ebenso schnelle Verbindung zwischen beiden Städten wie das Flugzeug.

Doch der Stolz der tschechischen Bahnen ist zur Lachnummer geworden. Abgesehen davon, dass die Züge erst mit fast sechsjähriger Verspätung eingeführt werden konnten, sorgten sie seit Dezember nur für Negativ-Schlagzeilen.

Statt der Spitzengeschwindigkeit von 160 km/h belief sich die Durchschnittsgeschwindigkeit auf null: Die sieben Zugpaare, für die Tschechien rund 4,4 Milliarden Kronen (150 Millionen Euro) hinblättern musste, stehen nämlich vorzugsweise. Unerklärliche Probleme mit der komplizierten Software führten immer wieder zu Totalausfällen.

Die Fahrgäste, die für die 350 Kilometer lange Strecke umgerechnet 17 Euro zu zahlen hatten, mussten mit alten Ersatzzügen an ihr Ziel gebracht werden und erhielten fünf Prozent des Fahrpreises zurück. Anfang Januar fielen an einem Tag gleich zwei Züge auf diese Weise aus.

Daraufhin kursierten schon die ersten Witze. Rechenaufgabe: Um acht Uhr startet ein Pendolino in Prag und um neun Uhr in Ostrava. Wo treffen sie sich? – Im Reparaturdepot. Oder: Schleicht eine Oma auf den Gleisen entlang. Kommt ein Pendolino. Der Fahrer hält und lädt das Großmütterchen ein, doch mitzufahren. „Nein danke, heute nicht“ , antwortet die Oma. „Ich habe es nämlich eilig. “

Als Mitte Januar sechs der sieben Züge lahm gelegt waren, platzte dem Verkehrsminister der Kragen. „Wenn die Ursache der Ausfälle nicht binnen zwei Wochen geklärt ist, werden wir über die Rückgabe der Züge verhandeln“, drohte der entnervte Simonovsky.

Wetten auf Unpünktlichkeit

Wettbüros nahmen daraufhin Wetten entgegen, ob wohl am 1. Februar alle Pendolinos pünktlich an ihrem Zielbahnhof ankommen werden. Die Leute standen Schlange deshalb. Drei Viertel der Wetter waren sich sicher, dass die Züge wieder ausfallen werden. Jetzt bekommen sie aber ihren Wetteinsatz zurück, weil die Italiener sich lediglich trauten, an diesem Tag einen der Züge auf die Reise zu schicken.

Immerhin kam der auch in Ostrava an, zwar mit einer ausgefallenen Klimaanlage, aber immerhin pünktlich. Ein Witzbold legte daraufhin im Internet dem Lokführer die Erklärung in den Mund: „Ich will Ihnen ja nicht die Freude verderben, aber die pünktliche Ankunft hängt nur damit zusammen, dass wir verfrüht in Prag losgefahren sind.“

Die zuständigen Stellen an der Moldau finden das alles aber nach wie vor gar nicht lustig. Der Verkehrsminister bezifferte den durch die ständigen Ausfälle eingetretenen Schaden auf „dutzende Millionen Kronen“. Er gehe davon aus, dass die italienische Produktionsfirma zumindest einen Teil dieser Summe übernehmen werde.

An diesem Wochenende sollen nun fünf der sieben Züge fahrplanmäßig eingesetzt werden. Wenn denn die Technik mitspielt. Eine Dame im Internet äußerte schon mal Zweifel: „Was haben italienische Schuhe, Männer, Autos und der Pendolino gemeinsam? – Auf den ersten Blick sind sie ganz hübsch. Aber mit ihrer Haltbarkeit ist es nicht weit her.“