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Sonntag, 22.03.2015

Vorurteile von Arbeitgebern bremsen Behinderte am Arbeitsmarkt

Während die Zahl der Arbeitslosen in Sachsen seit einiger Zeit zurückgeht, steigt die Quote behinderter Arbeitsloser an. Nur wenige Arbeitgeber stellen Betroffene ein.

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Fast schon die Ausnahme: Eine im Rollstuhl sitzende Frau hat Arbeit als Telefonserviceberater im Servicecenter in Leipzig gefunden. (Archivbild)
Fast schon die Ausnahme: Eine im Rollstuhl sitzende Frau hat Arbeit als Telefonserviceberater im Servicecenter in Leipzig gefunden. (Archivbild)

© dpa

Dresden. „Vorurteile in der Gesellschaft, Ängste und Bedenken gegenüber der Leistungsfähigkeit machen es uns nicht leicht, diese Frauen und Männer in Arbeit zu bringen.“ Mit diesen Worten beschreibt Klaus Schuberth die Situation, vor der Behinderte im Freistaat stehen, die arbeiten wollen. Schuberth ist Chef der Regionaldirektion Sachsen der Bundesagentur für Arbeit.

„Im Zweifel gegen das Unbekannte“ entscheiden sich Arbeitgeber, wenn sie vor der Entscheidung stehen, wem sie eine berufliche Chance geben. Das berichtet der Geschäftsführer Standortpolitik bei der Industrie- und Handelskammer Dresden, Lars Flieher. Doch diejenigen, die Behinderte einstellen, schwärmen oft von deren Leistungsfähigkeit.

Schon seit Jahren, so Fiehler, seien die Industrie- und Handelskammern sowie die Handwerkskammern im Freistaat bemüht, Vorbehalte bei den Betrieben abzubauen. Doch arbeitsrechtliche Bedenken („Die wird man doch nie wieder los, wenn es nicht klappt“), Ängste, was den Umgang mit Behinderten oder auch das Verhalten der eigenen Belegschaft mit behinderten Neukollegen angeht, sowie die Scheu vor Investitionen - das alles begegnet den Kammern häufig, wenn das Thema angesprochen wird. „Das ist ein ganz dickes Brett, was es da zu bohren gibt“, sagt Flieher.

Arbeitslosigkeit noch unverändert hoch

„Ich weiß, dass auch Menschen mit einer Behinderung volle Leistung bringen können und wollen“, unterstreicht Schuberth. Und dennoch muss seine Behörde Monat für Monat feststellen, dass Schwerbehinderte nicht von der positiven Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt profitieren: Während sich die Arbeitslosigkeit in Sachsen im Zeitraum von 2005 bis 2014 nahezu halbiert hat, blieb sie unter den Schwerbehinderten fast gleich. Im Jahr 2014 waren 10 865 Schwerbehinderte arbeitslos gemeldet, das waren 615 oder sechs Prozent mehr als 2005. Im Februar 2015 stieg die Zahl der Betroffenen sogar auf 11 167.

Wie Fiehler weiter erläutert, werden die Beratungsangebote der Kammer nur sehr selten in Anspruch genommen. Ausgenommen sei interessanter Weise der Bereich der Berufsbildung. „Was passiert, wenn ein Azubi zum Beispiel durch einen Unfall eine Beeinträchtigung erfährt?“, ist eine der öfter gestellten Fragen. Arbeitgeber, die Behinderte in ihren Belegschaften haben, berichten laut Fiehler immer wieder von „hochmotivierten Mitarbeitern, die dem Unternehmen viel Treue entgegenbringen.“

Das bestätigt Daniel Rabe von der Fahrzeugelektrik Pirna (FEP). „Wir beschäftigen bei uns Menschen mit Behinderungen, die hier ihr Potenzial abrufen können“, sagt der FEP-Personalleiter, dessen Unternehmen erst kürzlich für sein Engagement ausgezeichnet wurde. Schon zu DDR-Zeiten habe man gute Erfahrungen damit gemacht. So nennt er als Beispiel eine Mitarbeiterin, die erblindete. „Zunächst war sie in der Telefonzentrale, jetzt ist sie in der Verpackung tätig.“ Ein andere Mitarbeiter zeige trotz eines fehlenden Beins in der Logistik hohe Leistungsfähigkeit. „Durch die Umgestaltung von Arbeitsplätzen kann vieles ermöglicht werden.“ (dpa)

Leser-Kommentare

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Insgesamt 7 Kommentare

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  1. Dresdner

    Nein, es ist nicht die Angst vor dem Unbekannten. Es ist auch nicht die Angst vor dem, falls es nicht paßt. Es sind ganz klar die Gesetze, welche die Einstellung behinderter Menschen verhindern. Man schaue sich einfach mal an, was passiert, wenn Mitarbeiter aus betrieblichen Gründen entlassen werden müssen. Das ist bei Behinderten praktisch erst mit Einstellung des Betriebs möglich. Dann ist es aber zu spät, der Betrieb existiert dann nicht mehr. Und aus genau diesem Grund zahlen Arbeitgeber lieber die Umlage. Das Risiko ist einfach zu hoch.

  2. H.

    @Dresdner Da haben Sie leider!!! recht.

  3. Meister

    @ Dresdner, daß ist die eine Seite. Hinzu kommt noch der finanzielle Aufwand des behindertengerechten Umbaus des Gebäudes. Gerade in Altbauten sind die Türen zu schmal, Schwellen und Treppen vorhanden. Toilettenanlagen umbauen usw. kosten enorm viel. Investitionen welche sich für 1oder 2 Rollstuhlfahrer niemals rechnen können, unabhängig davon ob der Mitarbeiter dann wirklich der geeignetere ist. Ich möchte niemanden zu nahe treten, aber immer nur fordern bringt nichts. Betriebsleiter müssen auch ökonomisch denken, ob die Kammern es wollen oder nicht.

  4. GBartscht

    Leider wurde ich, schwerbehindert G,aG und H zu 100% persönlich auch schon vom Dresdener Ordnungsamt zu einem Knöllchen wegen angeblichem Falschparken verdonnert. Es ist sehr beschämend, aber sehr bezeichnend für ganz Sachsen, was in dieser Stadt passiert!!!

  5. Jan

    Geld, Geld, Geld, .... Hauptsache mir geht es gut. Sie sollten sich schämen, solche Gedanken in den Vordergrund zu schieben. Seien Sie froh, dass sie selber nicht betroffen sind und schrauben doch einfach mal Ihren Egoismus nach unten!!!

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