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Dienstag, 19.09.2017

Vor dem Fall

DRAMA: „In den letzten Tagen der Stadt“ von Tamer El Said

Regisseur Tamer El Said entwirft ein vielschichtiges Portrait von Ägypten im angehenden Ausnahmezustand. Foto: PR
Regisseur Tamer El Said entwirft ein vielschichtiges Portrait von Ägypten im angehenden Ausnahmezustand. Foto: PR

2009 hat es in Ägypten schon rumort. Von der groß angelegten Revolution, die zwei Jahre später übers Land kommen sollte, waren die Vorzeichen zu spüren. Doch noch verkündet das Radio brav, dass Präsident Mubarak in Kairo ein Fußballspiel besucht und beiden Mannschaften Glück wünscht, auf dass ihr Spiel zum Zusammenhalt des Volkes beitragen soll. Aber die letzten Tage der Stadt haben längst begonnen.

Khalid ist Filmemacher und arbeitet an einem Porträt seiner Heimatstadt Kairo. Die Geschichten seiner Protagonisten und Protagonistinnen scheinen von irgendwoher aus seinem Inneren zu stammen, in der Außenwelt aber sucht er nach Anknüpfungspunkten. Doch je mehr Khalid sucht, desto mehr scheinen diese Punkte zu verschwinden. Nicht abrupt, sondern in Momenten voller Zartheit verabschiedet er sich von seiner Freundin, die sich von ihm trennt, von seiner kranken Mutter, von Freunden, die zu Besuch in der Stadt waren.

Für sie stellt Kairo ein Fixpunkt dar: Der Eine hat Bagdad verlassen und lebt als Flüchtling in Berlin, der andere ist dortgeblieben, der Dritte lebt im aufgewühlten Beirut. Als sie beschließen, Khalid Videomaterial aus ihren Städten zu schicken, geht es weniger darum, ihm bei seinem Film zu helfen, als dadurch die Verbindung zu etwas aufrechtzuerhalten, das sie noch in Kairo verorten, wohl wissend, dass es bereits im Reich des Fantastischen abgelegt ist.

Tamer El Saids preisgekrönter Film ist vielschichtig. Die Geschichte überholt hier die Zeit. MkF