erweiterte Suche
Mittwoch, 01.02.2017

Von Robotron- zur Kultur-Kantine?

Der Bauausschuss beschließt den Plan für die Lingnerstadt. Zwei Netzwerke unternehmen einen letzten Rettungsversuch.

Von Lars Kühl

Konzept für die ehemalige Robotron-Kantine. Eine größere Grafik finden Sie unter diesem Text.
Konzept für die ehemalige Robotron-Kantine. Eine größere Grafik finden Sie unter diesem Text.

Das Schicksal der Robotron-Kantine entscheidet sich am Mittwoch. Im Bauausschuss soll der Bebauungsplan für die Lingnerstadt beschlossen werden. Der Kasseler Investor Immovation plant, auf dem früheren Robotron-Gelände bis zu 3 000 Wohnungen zu errichten. Zwei alte Gebäuderiegel sind unter der Abrissbirne bereits gefallen. Die ehemalige Betriebsgaststätte steht dagegen noch, obwohl ihr Ende eigentlich besiegelt war. Immovation hat sogar schon die Abrissgenehmigung.

Doch der Widerstand gegen den Rückbau der flachen Kantine ebbt nicht ab. Die Mitglieder des Bauausschusses werden sich festlegen müssen. Während sich vor allem Linke und Grüne einsetzen, das DDR-Relikt zu erhalten, kann beispielsweise Holger Zastrow von der FDP der Diskussion nichts abgewinnen. „Wir sind klar für den Abriss und für die einmalige Chance der Erweiterung des Blüherparkes.“ Historische Sichtachsen könnten wiederhergestellt und „Fehler der Nachkriegsarchitektur in der Lingnerstadt“ zumindest teilweise behoben werden.

Fehlerhaft finden dies die Verfechter für den Verbleib der Speisegaststätte nun überhaupt nicht. Die Netzwerke ostmodern und Industrie.Kultur.Ost nutzen die wahrscheinlich letzte Chance, den aus ihrer Sicht „eleganten Solitär“ im neuen Stadtviertel zu bewahren, und rufen auf, den Flachbau zur „Kultur-Kantine“ umzugestalten. Sie möchten nicht nur, dass das Gebäude als „überdurchschnittliches Zeugnis“ der Nachkriegsmoderne stehen bleibt und damit für nachfolgende Generationen Zeitgeschichte anschaulich macht. Die Initiatoren wollen einen Ausbau und zeigen konkrete Nutzungsmöglichkeiten auf.

Neben der Einrichtung eines Cafés im 1970er-Stil könnte es ein Parkrestaurant mit einer kleinen Bühne geben. Die Geschichte der sächsischen Mikroelektronik mit dem Robotron-Kombinat als Wiege der DDR-Computerschmiede soll in einer Dauerausstellung gezeigt werden. Neben einem Veranstaltungsraum wäre auch noch Platz für einen Saal, in dem zeitgenössische Kunst und Fotografie präsentiert werden. Außerdem könnte das Dresdner Stadtmodell hier einen zentralen Platz finden.

Wenn das benachbarte Deutsche Hygiene-Museum 2020 die vierte Sächsische Landesausstellung zum Thema „Industriekultur“ ausrichtet, soll die Kantine involviert werden. Ein Besucherzentrum sei genauso denkbar wie eine Sonderschau zur späteren Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Und noch ein Stück weiter in die Zukunft blicken die Initiativen, falls sich Dresden 2025 mit dem Titel „Europäische Kulturhauptstadt“ schmücken darf. Der Flachbau könnte als Visitor-Centre für die internationalen Gäste genutzt werden.

Der Zustand des Gebäudes ist nach Ansicht der Netzwerke in einem so guten Zustand, dass es kaum saniert werden muss und eine Umgestaltung – wie auch immer – problemlos machbar sei. Wichtig ist ostmodern und Industrie.Kultur.Ost aber gleichermaßen, dass die als Kunst am Bau an einem der beiden früheren Speisesäle vorhandene Formsteinwand des Dresdner Bildhauers Eberhard Wolf, der heute noch lebt, erhalten bleibt.

Der Bauausschuss hat als letzte Instanz die Möglichkeit, den Robotron-Kantinen-Abriss zu stoppen. Wenn sich eine Mehrheit für den vorgeschlagenen Bebauungsplan findet, wird die begradigte Fläche entsiegelt. Auf dem Areal werden dann ab 2019 Grünflächen angelegt, damit der Blüherpark, dessen Ursprung bis ins 17. Jahrhundert zurückgeht, das Hygiene-Museum wieder komplett einschließt. Das Amt für Stadtgrün möchte ein grünes Band vom Großen Garten durch die Lingnerstadt bis zum Rathausvorplatz, wo es auf den noch fertig zu gestaltenden Promenadenring um das historische Zentrum treffen soll.


>> Grafik in einer größeren Ansicht anzeigen