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Dienstag, 13.02.2018

Von Eifersucht und Schuldzuweisungen

Ein ehemaliger Weißwasseraner soll zwei Frauen sexuell belästigt haben. Die Frauen verstrickten sich aber in Widersprüche.

Von Christian Köhler

Symbolbild.
Symbolbild.

© dpa

Weißwasser. Was sich im Gerichtssaal in Weißwasser abgespielt hat, hat Staatsanwalt Daniel Lakomy „noch nicht erlebt“. Er habe „selten Zeugen vernommen, die sich derart in Widersprüche verstrickt haben“, sagt er während seines Plädoyers am Ende der Verhandlung. Ein 32-jähriger Ex-Weißwasseraner ist dabei vom Vorwurf der sexuellen Nötigung in zwei Fällen vom Schöffengericht freigesprochen worden. Auch die Anklage wegen Hausfriedensbruch wurde fallengelassen. Der Staat trägt nun die Kosten des Verfahrens, das zwei Nieskyerinnen in Gang gesetzt hatten.

Sie haben nämlich im Juli 2016 Anzeige gegen den Mann gestellt. Lisa* hat im Verfahren als Hauptbelastungszeugin während der Verhandlung zuerst ausgesagt. „Unser gemeinsamer Sohn hatte Geburtstag“, berichtet die Ex des Angeklagten. Weil der Vater jedoch nicht zum Geburtstag des Kindes erschien, hatte er im Nachhinein ein Geschenk vorbeibringen wollen. „Er stellte den Fuß in die Tür und ich hatte nicht die Kraft, ihn aus der Wohnung zu drücken“, erzählt die 31-Jährige. Schnell will sie erkannt haben, dass der Ex-Freund kein Geschenk bei sich gehabt hatte, vielmehr habe er das Gespräch gesucht, sie immer wieder bedrängt, wieder zu ihm zurückzukommen.

Nachdem das Kind ins Kinderzimmer gebracht wurde, soll es dann zu Handgreiflichkeiten in der Stube gekommen sein, berichtet Lisa. „Er hat mich aufs Sofa geschmissen und wollte mit mir schlafen“, sagt die Frau. Nur mit Mühe habe sie ihn von sich abbringen können. Begrapscht soll er sie dennoch haben, sie immer weiter bedrängt haben. Auf Nachfrage des Gerichtes, wie genau die Situation gewesen sei, konnte die Zeugin sich jedoch nicht mehr erinnern. Beispielsweise hatte sie nicht mehr sagen können, ob der Beschuldigte sie geküsst oder angefasst hatte. Darüber hinaus stellte sie die Abläufe in der Wohnung völlig anders dar, als sie es noch bei der Anzeigeerstattung bei der Polizei getan hatte. Zudem sei nicht klar, ob Lisa und der Angeklagte zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch zusammen waren oder nicht.

„Sie sagen, er wollte Sie zurückhaben?“ fragte Verteidiger Gerd Konietzka. „Warum haben Sie sich dann, nach diesem von ihnen beschriebenen Vorfall, als Treue-Testerin zur Verfügung gestellt?“ Das nämlich berichtete der Angeklagte zu Beginn der Verhandlung. Nachdem er sich von Lisa getrennt hatte, lernte er Maike* kennen. Mit ihr hatte er in Niesky in einem Garten ihren Geburtstag gefeiert, als plötzlich Lisa auftauchte. „Ich wollte ihr sagen, was das für einer ist, mit dem sie sich da einlässt“, begründet Lisa ihr Erscheinen.

Beide Frauen aber sollen, so erklärt der Angeklagte, eine Absprache getroffen haben: Lisa verabredete sich – nach dem Vorfall in ihrer Wohnung – mit dem Angeklagten an einem See, während beide von Maike beobachtet wurden. „Dort hat Lisa“, so schildert es der 32-Jährige, „mich übelst angebaggert“. Nackt schwimmen habe sie mit ihm gehen wollen, „was ich jedoch ablehnte“. Als dann Maike aus dem Gebüsch kam, löste sich die Situation auf. Maike ist inzwischen ebenfalls vom Beschuldigten getrennt und befindet sich in psychologischer Betreuung. Sie soll er einige Tage später nämlich auch bedrängt haben. „Ich war im Bad, als ihn meine Tochter in die Wohnung ließ“, erzählt Maike. Dann soll er sich ins Bad begeben haben, als sie nur mit einem Handtuch bekleidet war. „Er wollte es mir runterziehen“, berichtet sie. Dann soll er gesagt haben: „Komm, du willst es doch auch.“ Auf Nachfrage des Gerichts, ob er sie wirklich bedrängt hatte, sagt Maike: „Na ja, so schlimm war es nicht.“

Sie sei eben leicht beeinflussbar, könne oft nicht unterscheiden, wer es mit ihr ernst meint. Ohnehin schildert Maike, dass der Angeklagte und Lisa wohl weder miteinander noch ohne einander können. „Ich denke, er wollte sie wieder, und sie wollte ihn auch. Deshalb war ich mir überhaupt nicht sicher, was ich von allem halten soll. Am Ende will ich mit der ganzen Sache nichts mehr zu tun haben“, gesteht die 31-jährige Maike. Mit Lisa war sie zudem in einer WhatsApp-Gruppe. „Girls have fun“ soll sie geheißen haben. Dort hatten sich die Frauen über den Angeklagten ausgetauscht. „Die Frauen haben sich gegen mich verbündet“, erklärt der Beschuldigte. Fotos sollen dort gepostet worden sein, auf denen das Auto des Angeklagten mit Hundekot eingeschmiert ist.

Verteidiger Gerd Konietzka hielt es dann nicht mehr im Sessel: „Was hat das Ihrer Ansicht nach zu bedeuten?“, fragt er Lisa. Sie hingegen erklärt, sie wolle dazu keine Angaben machen, könne sich an solche Dinge nicht erinnern. Nach rechtlicher Belehrung des Gerichtes, dass sie keine Angaben machen müsse, bei denen sie sich selbst mit einer Straftat belaste, schwieg sie gänzlich.

Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die Verteidigung verzichteten anschließend auf die Einvernahme weiterer Zeugen. „Ich denke, mein Mandant ist freizusprechen“, sagt Gerd Konietzka. Dem pflichtete im Urteil der Vorsitzende des Schöffengerichtes, Ralph Rehm, bei. „Die Zeugen können sich an elementare Zusammenhänge nicht mehr erinnern“, sagt der Richter und ergänzt, „es liegt nahe, dass hier Absprachen unter den Zeugen getroffen wurden.“ Aufgrund der Aussagen der Geschädigten habe das Gericht „so massive Zweifel, dass sich eine sexuelle Nötigung zugetragen hat, dass er freizusprechen ist“. Man sehe weder eine Gewaltanwendung noch einen Hausfriedensbruch, sondern eine Beziehung, die von Eifersucht und Hinterhältigkeit getrieben zu sein scheint.

*Name geändert.