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Mittwoch, 11.06.2014

Vom Wir zum Ich: Sprache nach dem Mauerfall

Mit dem Mauerfall 1989 prallten auch Sprachgewohnheiten aus Ost und West aufeinander. Nur wenige Wörter, die typisch für die Sprache der DDR waren, schafften den Sprung nach Westen.

Von Ulrike von Leszczynski,

5 Verschwundene DDR-typische Wörter

Der Broiler gehört zu den wenigen „wenderesistenten“ Worten, die weiterhin fast ausschließlich in Ostdeutschland benutzt werden.
Der Broiler gehört zu den wenigen „wenderesistenten“ Worten, die weiterhin fast ausschließlich in Ostdeutschland benutzt werden.

© dpa

Berlin. „Ham wa nich“ - das bekommt so mancher Gast im Osten Berlins zu hören, wenn im Restaurant die Buletten ausgegangen sind. Für den Touristen mag die schroffe Berliner Schnauze gewöhnungsbedürftig sein, Sprachforscher wundern sich weniger. Denn im Osten der Hauptstadt war der schnoddrige Berliner Dialekt zu DDR-Zeiten gewollt und beliebt, schon als subtile Verteidigungsstrategie gegen das Sächsische. Im Westen dagegen war penetrantes Berlinern nach dem Zweiten Weltkrieg verpönt, es galt als proletarisch. Mit dem Mauerfall 1989 prallten nicht nur in Berlin Sprachgewohnheiten aus Ost und West aufeinander.

Was also passierte, wenn in einem Restaurant im Westen die Hackbällchen knapp wurden? Sprachforscher Norbert Dittmar muss bei dieser Frage schmunzeln. „Da hat der Kellner wahrscheinlich gesagt: Muss ich erst mal gucken“, sagt der emeritierte Professor der Freien Universität. Doch das ist es dann auch schon. Ob nun Wortwahl oder Kommunikationsgewohnheiten - für Dittmar ist die sprachliche Wiedervereinigung seit mehr als zehn Jahren abgeschlossen. Das heißt, Worte und Codes haben heute in Ost und West eine identische Bedeutung.

„Westdeutsch“ als Zweitsprache

Das war nicht immer so. Doch Wiedervereinigung ist für den Linguisten Manfred Hellmann das falsche Wort. „Das war eine sprachliche Übernahme“, sagt er. Und die enorme Anpassungsleistung haben demnach die Ostdeutschen fast allein erbracht. Von 1964 bis 2001 hat Hellmann als Wissenschaftler für das Institut für Deutsche Sprache (IDS) die Redegewohnheiten im Osten studiert. Die Wendezeit ist ihm dabei als sprachlich-kommunikatives Chaos in Erinnerung geblieben.

Viele DDR-Bürger mussten „Westdeutsch“ wie eine Zweitsprache lernen, wie Hellmann sagt. Selbst, wenn sie viele Begriffe aus dem Westfernsehen kannten. Es hieß jetzt Personalakte statt Kaderakte und Team statt Kollektiv. Es gab auch Wörter, die gleich aussahen, aber eine andere Bedeutung hatten - wie Bilanz, Bewusstsein oder Freiheit. Und während der Westdeutsche locker „ich“ sagte, sprach der Ostdeutsche lieber von „man“ oder „wir“ - eine Folge von unterschiedlichen Gesellschaftssystemen, die 40 Jahre lang getrennt waren.

Verschwundene DDR-typische Wörter

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Berlin. Von den mehr als 1.000 Wörtern, die typisch für die Sprache der DDR waren, haben sich nur wenige gehalten. Noch weniger schafften den Sprung nach Westen. Einige Beispiele:

Begriffe aus der DDR-Verlautbarungssprache, die nach der Wende schnell verschwanden:

Abschnittsbevollmächtigter, Arbeiter-und-Bauern-Staat, Staatliche Plankommission, VEB (volkseigener Betrieb), sozialistische Menschengemeinschaft, Planauflage, Jahresendprämie, Brigadetagebuch, Winkelement, Erweiterte Oberschule (EOS), Jugendobjekt, Klassenfrage

Wörter aus der DDR-Alltagssprache, die nach der Wende oft durch „Westdeutsch“ ersetzt wurden:

Kaufhalle (Supermarkt), Feinfrost (Tiefkühlware), Plaste (Plastik), Kaderakte (Personalakte), Kollektiv (Team), Popgymnastik (Aerobic), Schallplattenunterhalter (DJ oder Discjockey), Polylux (Overheadprojektor)

DDR-Vokabular, das Eingang in die gesamtdeutsche Standardsprache fand:

abnicken, andenken, Fakt ist, Zielstellung, orientieren auf, Bündnis 90, Poliklinik, alleinstehende Mutter, Trabi

„Wenderesistente“ Worte, die weiterhin fast ausschließlich in Ostdeutschland benutzt werden:

Broiler, Datsche, in Größenordnungen, sich einen/keinen Kopf machen, Soljanka, Sättigungsbeilage, Arbeiterschließfach

„Die Ostdeutschen mussten alle neuen Bezeichnungen und Codes lernen, um sich zurechtzufinden“, sagt Doris Steffens. Früher forschte sie in Ost-Berlin, heute am IDS in Mannheim. „Zum Beispiel war das Wort Angebot im Sinne von günstig in der DDR nicht geläufig“, berichtet sie. „Wir waren ja schon froh, wenn bestimmte Waren überhaupt angeboten wurden.“

Die Nietenhose setzte sich nicht durch

Die Unterschiede kamen nicht von ungefähr. Spätestens seit dem Ringen um internationale Anerkennung in den 70er Jahren wollte sich die DDR auch sprachlich vom Westen abgrenzen. Die Verlautbarungssprache von SED und Medien sei in Wortwahl und Grammatik - zum Beispiel mit langen, dem Russischen nachempfundenen Genitivattributen - auffällig gewesen, sagt Steffens. „Aber mit der Alltagssprache hatte sie wenig zu tun.“

Am liebsten hätte die DDR eine vierte Variante des Deutschen etabliert, neben der Bundesrepublik, der Schweiz und Österreich. „Aber da haben die meisten Wissenschaftler nicht mitgemacht“, betont Steffens. Auch in der Bevölkerung hätten sich Wörter wie „Nietenhose“ für die begehrte Jeans aus dem Westen nie durchgesetzt. Und dass jemand in der DDR „Jahresendflügelfigur“ zum Weihnachtsengel gesagt habe, sei schlicht eine Wende-Legende. Den Begriff habe es als Verpackungsaufdruck im Handel gegeben, sagt die Forscherin. „Aber so hat doch bei uns kein Mensch gesprochen.“

Bald nach dem Mauerfall verschwanden fast alle Wörter und Begriffe, die an das DDR-System gebunden waren - weil die Institutionen auch verschwanden. Neu hinzu kam dafür in beiden deutschen Hälften ein „Wendewortschatz“ als Reaktion auf die politischen Ereignisse: Botschaftsflüchtling, Übersiedlerflut, Wendehals oder Hierbleiber. Doch das waren temporäre Begriffe, die bald wieder verschwanden.

„Abnicken“ überlebte

Sprachforscher haben 1989 allerdings nicht damit gerechnet, dass auch Teile des Wortschatzes aus der DDR-Alltagssprache verloren gehen würden - wenn es dafür im Westen andere Begriffe gab: Supermarkt statt Kaufhalle, Tiefkühlgemüse statt Feinfrost. Aber es passiert einfach - und sei es, weil sich Ostdeutsche nicht sofort als „Ossis“ outen wollten.

Nur eine Handvoll spezifisch ostdeutscher Wörter fand Eingang in die westdeutsche Alltagssprache. Bis heute gehören „abnicken“ und „angedacht“ dazu. Dafür eint Ost und West bis heute ein gemeinsames Wörter-Erbe aus der Zeit um und kurz nach 1989 - von Mauerfall über Einigungsvertrag bis Stasi-Akte. „Die Wende“ ist Stichwort im Universalwörterbuch geworden.

Und auch Berlin habe sich sprachlich verändert, sagt der Soziolinguist Peter Schlobinski. Der Osten berlinere durch viele Zugezogene in den Szene-Kiezen ein bisschen weniger, der Westen dafür ein bisschen mehr - auch eine Art von Annäherung. (dpa)

Leser-Kommentare

Insgesamt 5 Kommentare

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  1. Martin H.

    "Perspektivisch" für "zukünftig" ist auch im Osten geboren und jetzt in Gesamtdeutschland im Einsatz. Hat früher im Westen niemand gesagt. Und selbst das Wort "Kollektiv" für "Team" wird im Westen viel öfter gebraucht als früher. War einst "politisch" belastet- jetzt nicht mehr.

  2. Rabenkolk

    Nuja, frieher gabs ähmde in Sachsn viele Räbchen, das woorn Lausejungen, die bloß bleedsinn im Koppe, indr Birne haddn und manchmal ooch es bisschn griminell woorn. Räbchn fandmer oft bei der VP und indr Bartei, die zeichn wolldn, wer ze saachn hadde, weilde Baddei immer rech hamm wollde. Heide is der Begriff "Räbchn" in Sachsn bald raus aus der Mode. Nuja, manchmal saachtmer, dass in manchn Verwaldungen immer noch "Räbchn" meendn, ze saachn ze hamm, ooch driehm im Wesdn, wo Schdasi-Räbchn hingeloofn sinn und nue als Oberräbchn wieder mal was ze saachn hamm wulln, aber de Elbländr meen, dassesich von Oberräbchn nischte mehrsaachen lassen duun deerfn.

  3. Johanna

    "Plaste" und "Plastik" sind zwei grundverschiedene Dinge. Warum im Westen immer Plastik statt Plast(e) gesagt wird, ist mir schleierhaft. Plast(e) sind Werkstoffe, unterschieden in Duroplast (z. B. Trabi-Karosserie) und Thermoplast (Campinggeschirr), Eine Plastik ist dagegen eine Figur, die aus Plast, aber auch aus Holz, Stein o. a. sein kann.

  4. Plastiker

    Stimmt es, Frau Johanna, das Marxens Karlchen in Chemnitz eine Plastik aus Plaste ist? Dann haben Sie ja mit Ihrem Eintrag hier Recht. Und stimmt es, dass eine 15-jährige Schülerin während einer Klassenfahrt in Chemnitz auf die Frage, wer die Plastik aus Plaste sei, so in etwa geantwortet hat: "Das ist Kohls Helmut, der unddie grünen Wiesen und die Freiheit gebacht hat." Plastischer kann man wohl eine Plastik aus Plaste nicht beschreiben. Oder?

  5. Linguomäkler

    Ich habe immer noch Schwierigkeiten mit einem bestimmten Vokabular. Zum Beispiel gerät das Wort Sonnabend immer mehr ins Hintertreffen. Und das Wort Weißrussland ist für mich immer noch gewöhnungsbedürftig (wenn man doch 40 Jahre lang Belorussland gesagt hat). Seltsam: Dann müsste Jugoslawien von an "Südslawien" genannt werden. Immer so ein Problem mit den Übernahmen - politisch wie sparchlich.

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