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Vom Twitter-Spalter zum Tröster?

Chaos im Weißen Haus, Nordkorea, Naturkatastrophen und nun das schlimmste Blutbad in der US-Kriminalgeschichte: Donald Trumps erstes Jahr im Amt ist reich an Krisen. Wie meistert sie der „Twitterer in Chief“?

05.10.2017
Von Gabriele Chwallek,

er-Spalter zum Tröster?
US-Präsident Donald Trump (2.v.l.) und First Lady Melania Trump (2.v.r.) besuchen am 4. Oktober 2017 das University Medical Center in Las Vegas, um Opfer und Rettungskräfte nach dem Konzert-Massaker vom 2. Oktober 2017 zu treffen.

© dpa

Las Vegas/Washington. In Las Vegas traf Donald Trump den richtigen Ton. „Wir sind eine Nation in Trauer“, „wir beten zu Gott, das Leiden (der Verletzten) zu mildern“, „wir stehen an eurer Seite, um zu helfen, euren Schmerz zu tragen“ - das ist das, was sich Menschen nach einer Tragödie von ihrem Staatsoberhaupt erhoffen: Trost, Beruhigung, ein Gefühl der Sicherheit, Hoffnung.

Es war zwar kein Bill Clinton, der mit seiner gefühlvollen Stimme sozusagen als eine Art „Tröster in Chief“ in nationalen Trauerzeiten in die Geschichte einging. Auch kein sozialkritisch-reflektierender Barack Obama, der in einer Trauerfeier nach tödlichen Schüssen in einer Schwarzenkirche 2015 das Lied „Amazing Grace“ anstimmte.

Aber es war ein anderer Trump als jener, der den Hurrikan-Opfern im verwüsteten Puerto Rico nur einen Tag vorher zu verstehen gegeben hatte, dass sie mit 16 Toten noch ganz gut weggekommen seien. Der ihnen praktisch vorhielt, wie viel dieses US-Außengebiet die Washingtoner Kasse doch koste. Und der mit einer lässigen Interview-Äußerung über einen möglichen Zahlungsausfall der hoch verschuldeten Karibikinsel deren Anleihen vorübergehend abstürzen ließ.

Wer ist der wirkliche Donald Trump?

Zwei verschiedene Trumps? Die Erklärung dafür ist einfach: In Puerto Rico und im Interview sprach Trump frei von der Seele, bei seiner Abschlussrede in Las Vegas von einem Skript. Wer ist der wirkliche Trump?

Ganz sicher kann man ihm nicht unterstellen, dass er nicht mit den Opfern des Massenmordes fühlt, nicht das Entsetzen und die Fassungslosigkeit angesichts der Enormität dieses Verbrechens teilt. Aber es fällt schwer, Trump den Tröster von dem zu trennen, wie er meistens überkommt, wenn er nicht abliest, sondern frei spricht. Oder, schlimmer noch, twittert. Oder, wie am Dienstag in Puerto Rico, notleidenden Menschen spielerisch Küchenrollen zuwirft. Oder der es, wie nach den Hurrikans „Harvey“, „Irma“ und „Maria“, nie versäumt, sich selber und die „unglaubliche“ Reaktion seiner Regierung zu loben.

Dann ist er Trump der Angreifer, Trump der Spalter, Trump der Showmann oder, in den Augen mancher Kritiker, Trump das Kind. Das ist es, was durchaus würdevolle Auftritte wie die in Las Vegas für viele zu einem eher flüchtigen Ereignis in der Erinnerung macht und Trumps Qualitäten als Krisenmanager in Zweifel zieht.

Dies gilt nicht nur nach Wirbelstürmen, Überschwemmungen oder Bluttaten. Wie sehr sich der Präsident von Spontaneitäten leiten lässt, hat sich in der jüngsten Vergangenheit erneut gleich mehrfach widergespiegelt: von Twitter-Drohungen gegen Nordkoreas „Rocket Man“ Kim Jong Un über Attacken gegen Football-Profis, die beim Absingen der Nationalhymne nicht stehen, bis hin zur jüngsten Brüskierung seines eigenen Außenministers Rex Tillerson.

Der hält es - im Kontrast zur Kriegsrhetorik Kims und seines eigenen Chefs Trump - für sinnvoll, einen Dialog mit Pjöngjang über dessen Atom- und Raketenprogramm zu suchen. „Eine Verschwendung von Zeit und Energie“ twitterte Trump dazu am vergangenen Wochenende. Ein klassisches Beispiel dafür, wie man selber eine neue Krise schafft, zum eigenen Schaden: Vor dem Hintergrund seines Tweets berichtete der Sender NBC am Mittwoch, dass Tillerson schon im Sommer wegen Meinungsverschiedenheiten mit Trump an einen Rücktritt gedacht und seinen Boss als Idioten bezeichnet hätte.

Es folgten Bekundungen des Vertrauens von Trump und Treueschwüre von Tillerson - aber der Schaden war bereits entstanden. Sobald die Air Force One mit Trump und First Lady Melania vom International Airport McCarran in Las Vegas abgehoben hatte, berichteten die größeren Fernsehsender prominenter über die - trotz Dementis - offensichtlichen Missstimmungen zwischen Trump und Tillerson als über den verbreitet positiv bewerteten Auftritt des Präsidenten in der Stadt.

Dabei ist es mittlerweile eine täglich neue Herausforderung, die Twitterstürme und Äußerungen aus dem Handgelenk des mächtigsten Mannes der Welt einzuordnen. Auch aus dem Weißen Haus selber gibt es widersprüchliche Signale. Die eine Botschaft lautet: Trump benutzt die sozialen Medien als Mittel, um seine Positionen zu kommunizieren, was er twittert, ist das, was er meint. Die andere, inoffiziellere, wiegelt ab, gibt zu verstehen, dass man Trump nicht immer twitter-wörtlich nehmen kann.

Aber Tatsache bleibt, dass er am vergangenen Samstag allein fast 20 Tweets absetzte, in denen er die US-Hilfsmaßnahmen für Puerto Rico lobte und die Bürgermeisterin der Insel-Hauptstadt San Juan angriff, weil diese die Washingtoner Antwort auf die Katastrophe als unzureichend kritisierte. Und am Wochenende davor, wenige Tage nach „Marias“ Zerstörungskurs in Puerto Rico, nutzte er den größten Teil seiner Zeit, um sich mit der National Football League und deren während der Hymne knieenden Stars anzulegen.

Das alles über Twitter, und von seinem Golfclub in New Jersey aus, wo er die meisten seiner Wochenenden im Sommer verbracht hat, weil es da in seinem anderen Club, Mar-al-Lago in Florida, zu heiß war. Trumps überzeugte Anhänger stört das alles nicht. Umgekehrt sehen sich seine Kritiker bestärkt. Bisher scheinen die Lager zementiert. Aber, so formulierte es am Mittwoch eine CNN-Analystin: Die nächste Krise kommt bestimmt, sei es von außen oder durch Trumps eigene Hand, sprich, seinen Twitter-Finger. (dpa)