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Mittwoch, 24.02.2016

Vom Luxus der kleinen Freuden

Stadtführerin Anett Lentwojt bekommt überraschend Post aus England. Der Brief zeichnet sie aus als Gewinnerin.

Von Stefan Becker

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Die Stadttouren von Anett Lentwojt fallen aus dem Rahmen, die Urkunde bleibt im Zwinger aber brav hinterm Glas.
Die Stadttouren von Anett Lentwojt fallen aus dem Rahmen, die Urkunde bleibt im Zwinger aber brav hinterm Glas.

© Stefan Becker

Echt jetzt? Der Zwinger? Voller Ernst? Kann es nicht ein wenig weniger kitschig sein? Auf keinen Fall, Stadtführerin Anett Lentwojt steht zu ihrer Wahl und strahlt beim sonnigen Treffen in den historischen Mauern mit den goldenen Adlern des Kronentors um die Wette.

Die Frau mit den leuchtend blauen Augen und den schwarzen Haaren hat auch allen Grund zum Strahlen, denn in ihrer Tasche trägt sie einen kleinen Schatz. Der besteht aus einer einfachen Urkunde im schlichten hölzernen Rahmen. Auf dem schmucklosen Papier steht: Luxury Travel Guide, Global Awards 2016“ und dann das entscheidende Wort: „Winner“.

Bisher sah sich Anett Lentwojt aus Dresden eher als Kämpferin denn als Gewinnerin, denn in ihrem Gewerbe muss sie sich täglich gegen große Konkurrenz behaupten. Wie zum Beispiel den Verband der Gästeführer. Die Institution bleibe ihr als Interessenvertretung verwehrt, weil ihr deren eigene Zertifizierung fehle. Das Gästeführerdiplom nach EU-Norm, sozusagen. Und auch das städtische Tourismusportal von Dresden vermittle mittlerweile nur noch IHK-geprüfte Kandidaten. Wer sich diese knapp 1 000 Euro teure Weiterbildung zur Fachkraft nicht leisten kann oder will, müsse leider draußen bleiben.

Die 41-Jährige aus dem Erzgebirge macht den Job ja erst seit knapp zwanzig Jahren und beschäftigte sich einst an der TU Dresden beim Studium der Wirtschaftspädagogik im Nebenfach mit dem Tourismus, doch dafür erhielt sie dann zum Abschluss ein anderes Diplom. Mit dem in der Tasche reiste sie nach Baden-Württemberg und absolvierte ihr Referendariat an einer Berufsschule in Waiblingen.

Die Phase sei ganz interessant gewesen, doch vermisste sie im Beruf die Berufung und entschied sich gegen die Laufbahn als Lehrerin samt sturem Unterricht in Klassenzimmern. Stattdessen zog es Lentwojt zurück auf die Straße und zurück in ihren Kiez – die Dresdner Neustadt. Dort heuerte sie an bei der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung und baute zum Beispiel Iglus: „Die Kinder rechneten die nötigen Schneemengen aus und bekamen dabei gar nicht mit, dass sie gerade Mathe machten“, erinnert sich Lentwojt: „Den Kindern wieder Wind unter die Flügel pusten, damit sie weiterkommen.“

Doch nicht nur im Schnee beweist die passionierte Wintersportlerin einen langen Atem. Auch im Stadtteilarchiv der Neustadt ist die quirlige Ökonomin aktiv. Nachdem die ursprüngliche Sammlung im Jahre 2004 in Brand geriet, half sie beim Aufbau der neuen und managt jetzt den Wust an Dokumenten. Damit der stetig zunimmt und das bunte Leben festhält, fotografiert sich die Echtzeit-Historikerin kreuz und quer durch den Stadtteil. Doch nichts Spannendes verschwindet auf Nimmerwiedersehen in den Annalen des Archivs, die wirklich coolen Dinge landen entweder im Museum der Bunten Republik oder gelangen wieder zurück auf die Straße in Form einer aktualisierten Stadtführung. Jede neue Werkstatt oder Galerie, jedes neue Restaurant oder Café testet die Fachfrau für Tourismusfragen selbst, hebt oder senkt im Stillen den Daumen und nimmt die Gäste dann auch an die Hand beim Betreten der Läden. „Da gibt es eine große Scheu bei den Besuchern, einfach in die kleinen Geschäfte zu gehen und zu schauen – und viele sind dann plötzlich völlig erstaunt über die Tiefe der Geschäfte oder die Zahl der Geschosse“, sagt Lentwojt. In der Neustadt gibt es offenen Auges eben viel zu entdecken, und so zählt selbstverständlich die Streetart zum festen Bestandteil der Führung, monumentale Werke der Bandits ebenso wie die Cutouts der Twenty Freaks.

Dass so viele Kreative in dem Gründerzeitviertel ein Zuhause gefunden haben, wundert niemanden – doch an welchen Bauelementen zeigt sich gleich noch mal der Klassizismus? Die Stadtführerin erzählt dann bei der Architekturtour souverän von Säulen und Kapitälen und Blättern. Das spezifische Wissen dazu lieferten entweder die Baukünstler oder Besitzer der Eigenheime. Die Stadtführerin gibt auch erst Ruhe, wenn sie es begriffen hat. So definiert sie ihre Weiterbildung ohne Zertifikat. Zum Glück gebe es aber auch einfachere Aufgaben, sagt die. Wie der Junggesellenabschied mit dem Fokus auf Bier und Burger. Die Damen mit vergleichbaren Absichten favorisieren dagegen gepflegte Cocktails passend zum Nagellack und rauchfreie Räume.

Kraft tanken im Barock

Manchmal aber verlässt Anett Lentwojt die Neustadt, dann schwingt sie sich in den Sattel und radelt mit ihren Gästen eine dreistündige Runde durch die Stadt. Dabei strampeln die Gäste natürlich auch durch die Altstadt, zum Start der Tour tanken sie Kraft im Zwinger. Der barocke Komplex sei trotz seines Kultstatus beim klassischen Sightseeing auch für sie immer wieder ein besonderer Ort, sagt sie, eine Oase der Ruhe innerhalb einer recht lauten Stadt.

Und dieser Platz passt perfekt zur schlichten Gewinnerurkunde des Luxury Travel Guides. Das Reisemagazin fliegt in einer Auflage von einer halben Million mit den Maschinen von United Airlines um den Globus und liegt weltweit in den Lounges der Fluglinie aus. Das kleine Ein-Frau-Unternehmen „Kennst-Du-Dresden?“ wurde von anonymen Reisespezialisten aus dem englischsprachigen Raum für den Preis nominiert, vom Magazin gekürt und wirbt nun indirekt für Dresden und ganz direkt für sich selbst. Wie sich das für Gewinner so gehört.

Ob das Zertifikat nun Hunderte angloamerikanische Gäste nach Elbflorenz und in den Zwinger lockt, wird sich zeigen. Doch angesichts sinkender Besucherzahlen freut sich die Stadt über jede Initiative zur Belebung des Tourismus. Und Anett Lentwojt hält nun die Bestätigung in den Händen, dass ihr Business auch ohne Zertifikate funktioniert.

››› www.kennst-du-dresden.de

Leser-Kommentare

Insgesamt 2 Kommentare

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  1. lofi

    Glückwunsch. Und schön dass es noch andere Dresdner gibt, denn Montagsspaziergänger locken nun mal bestimmt keine Touristen an.

  2. Antilofi

    woher willst du wissen, dass sie da nicht dabei ist? Und außerdem ist mir neu, dass zu der Zeit Führungen im Zwinger sind... Ähm und von den nur als poetisch zu bezeichnenden Artikel, der die Kulturepochen wild durcheinander würfelt (Lofi hättest du das gewußt?), geh ich mal davon aus, dass die Dame das richtig weiß und ihren Gästen auch so weitergibt. Ihre Auszeichnung spricht dafür und dazu gratuliere ich ihr.

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