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Mittwoch, 13.05.2009

Vom Kinderfliegen

Französische Gleichung: Fantasy + Drama + Komödie = François Ozons "Ricky"

Von Andreas Körner

Diesmal lässt es sich einfach nicht vermeiden. Es ist schlichtweg nicht zu schaffen, auf den neuesten Film des sonderbaren François Ozon aufmerksam zu machen, ohne dessen abenteuerlichen Genremix zu erwähnen. Dass sich Fantasy-Elemente mit denen des Dramas mischen können, nun gut. Dass sich im Realtragischen manchmal auch das Komische seine Nische sucht, ist ebenfalls nicht selten. Was aber, wenn man sich zunächst in einer eher nüchternen Sozialstudie wähnt und nach einer halben Stunde plötzlich einem Kind der Familie Flügel wachsen? Kleine „chicken wings“ dort, wo die Mutter eine Prellung, also eine Schandtat des Vaters vermutet? Willkommen, dann sind wir bei Ozon. Und fallen vielleicht in selbiges Loch.

Rückblende. Gleich der Beginn erfordert höchste Aufmerksamkeit. Die sichtbar verzweifelte Katie (Alexandra Lamy) steht weinend am Schalter eines Sozialamts und bittet um Hilfe. Vielleicht ein Heimplatz für die Kinder. Kinder? Als die Handlung einsetzt, hat Katie nur die zarte Lisa (Mélusine Mayance), mit der sie scheinbar zufrieden und allein in einer Pariser „Platte“ lebt. Gemeinsam fahren sie mit dem Motorroller zur Schule, danach geht Katie in die Fabrik ans Fließband, abends holt sie die Tochter wieder ab. Das kleine Leben. Ein Arrangement in Zuneigung. Geradezu hüpfend bewegt sich François Ozon in Zeitsprüngen weiter. Katies neuer Arbeitskollege, lustvolle Geräusche aus der Toilette, der Einzug Pacos (Sergi Lopez). Aus-zwei-mach-drei-mach-Vier, die Geburt eines properen Babys, das Ricky heißt, weil Lisa diesen Namen toll findet. Mit Paco und dem echten Kind hat sie zunächst ihre Schwierigkeiten.

Schein und Sein. Wieder ein Sprung. Nach acht Monaten bröckelt das junge Glück. Am Abend eines Tages, da Paco seinen Sohn zu versorgen hatte, entdeckt Katie auf Rickys Rücken einen großen roten Fleck. Sie bezichtigt Paco – leise noch – der häuslichen Gewalt, der schmeißt ihr als Reaktion die Wohnungsschlüssel vor die Füße und verschwindet. Ein Schuldgeständnis? Doch auch als Lisa auf ihren Bruder aufpasst, geschehen seltsame Dinge. Diesmal landet das Baby auf dem Schrank, ist der Fleck längst doppelt, die Flecke werden Beulen, die Beulen Flügelchen. Und Ozon wähnt sich mit seinem Film in einer Komödie. Denn wie Schwester und Mutter auf Rickys kleine Fremdkörper reagieren, ist schon eigen: Sie nehmen sie einfach an. Katie besorgt sich ein Buch über Anatomie, misst im Supermarkt bei Federvieh nach, wie denn Flügellänge und Gewicht im Verhältnis stehen, schneidert Schlitze in Hemdchen, kauft einen Sturzhelm und erfreut sich ihres kleinen Wunderkindes. Denn seit es Flügel hat, schläft es durch. Seit es Flügel hat, hat sie seinen Erzeuger vergessen. Und Katie gewinnt endlich im Lotto. 2000 Euro, mon dieu! Allerdings hält es Ricky ausgerechnet beim folgenden Einkaufsbummel nicht im Kinderwagen. Das vom herbeigerufenen Personal als „unbekanntes Flugobjekt“ eingeordnete Bündel erntet kollektives Interesse, natürlich auch das der Medien. Doch schon der behandelnde Arzt meinte nur: „Haben Sie daheim auch genügend Raum, damit Ricky sich entfalten kann?“

Allegorie. Der Zuschauer sollte sich bis hierhin längst entschieden haben, ob er den kunstgriffigen Kapriolen des Regisseurs noch folgen mag oder nicht. Denn besser oder eindeutiger wird es nicht mehr. Im Gegenteil. All die aufgetischten und sorgsam verhüllten Alle-gorien verdichten sich am Ende gar zu etwas, das man durchaus als Gesellschaftskritik, Parabel über Familie, Frauen und Väter oder das Ausgrenzen „andersartiger“ Kinder interpretieren darf. Darf, nicht muss, vielleicht – und diese Gefahr besteht berechtigterweise – gar nicht erst kann, weil nicht will.

Wagnis. François Ozon meint es durchaus ernst mit sich. „Wer nichts wagt, der nichts verliert“, könnte wiederum das Motto sein, nachdem der 42-Jährige in seinem bisherigen Schaffen noch für jede Verstörung gut war. Bequem war er nie. „Sitcom“ (1998) ist eine böse Familienfarce, „Tropfen auf heiße Steine“ (2000) die Adaption eines nie aufgeführten Fassbinder-Stücks – welch überzeugendes Scheitern! Mit „Unter dem Sand“ (2001) gelang Ozon das faszinierend-mysteriöse Abbild einer Ehe, die in „5 x 2“ (2004) eine gescheiterte, diesmal rückwärts erzählte Entsprechung im Realen finden sollte. Die theatralische Satire „8 Frauen“ (2002) wurde deftigst gefeiert, „Die Zeit, die bleibt“ (2005), das berührende, sehr intime Drama ums Sterben, kaum beachtet. Wie es wohl „Ricky“ ergehen wird?

Mutmaßung. Der Überraschungseffekt wird vermutlich schnell verpuffen, was kaum damit zu tun haben dürfte, dass zuviel verraten worden ist. Denn das größte Problem ist wohl, dass der Film nie wirklich anpackt, nie richtig nachhaltig ist, weder im dramatischen Teil, noch im komödiantischen oder fantastischen. Dass falsche Fährten zwar virtuos gelegt sind, aber nicht viel Wirkung nach sich ziehen. Dass François Ozon zwar spielt, aber um des Spielens willen. Einzig Arthur Peyret, das Baby, das echte, ist ein Wonnebrocken, an dem man sich nicht übersehen mag. Auch wenn er nur dasitzt.

Ricky - Kino in der Fabrik, DD