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Samstag, 31.01.2009

Vom Glück, anders zu sein

Von Cornelia Thau

Versprich mir, ich muss sie nicht mit nach Hause nehmen.“ Als ich diesen Satz von Antje Weber hörte, klopfte mein Herz genauso schnell wie das meiner Interviewpartnerin. Wie wäre es mir ergangen, wenn ich nach der Geburt meiner Tochter die Diagnose „Trisomie 21“ gehört hätte? Zu Beginn der Dreharbeiten habe ich mir diese Frage oft gestellt, doch je mehr ich die Familien kennenlernte – und besonders deren Kinder – um so unwichtiger schien diese Frage für mich zu werden.

Die Protagonisten meines Dokumentarfilms „Vier Leben“ – Jörg, Carina, Anica und Finnian – kamen zwischen 1969 und 2002 zur Welt. Alle haben Down-Syndrom.

Ich halte mich für einen aufgeklärten Menschen. Ich versuche möglichst wenig Vorurteile zu haben. Doch während der vierjährigen Drehzeit musste ich – und mit mir das gesamte Team – feststellen, dass ich die Behinderten so sah, wie der größte Teil der Gesellschaft das auch tut: als Menschen, die viele Dinge nicht können; als Menschen eben, die nicht normal sind.

Um es vorweg zu nehmen: Wir haben eine Menge gelernt von Jörg, Carina, Anica und Finnian. Wir haben ausgesprochen viel Normales an ihnen entdeckt, und oftmals haben wir sie für ihren Mut bewundert. Etwa, als Jörg (39) sich standhaft weigerte, während des Lese- Rechtschreibkurses an die Tafel zu gehen. Oh ja, da kamen bei uns Erinnerungen hoch. An die Tafel – wie schrecklich! Natürlich haben wir uns damals nicht getraut, der Lehrerin zu widersprechen. Jörg tat es einfach.

Das ist vielleicht das Einzige, von dem ich sagen kann, dass es typisch für Menschen mit Down-Syndrom ist: für sie ist der Moment wichtig. Dann sind sie ehrlich, authentisch und völlig klar.

Mit Carina (23) haben wir eine ehrgeizige junge Frau kennengelernt. Sie ist verärgert, wenn sie beim Hundertmeterlauf nur als Dritte durchs Ziel kommt. Dabei hat Carina ihren Hauptschulabschluss geschafft! Darauf ist sie stolz, besonders weil sie auch noch Klassenbeste in Englisch war.

Ich glaube, ob ein Mensch seinen Weg geht oder nicht, hat sehr viel damit zu tun, dass man es ihm zutraut. Das gilt übrigens nicht nur für Behinderte. Jeder Mensch braucht Bestärkung und Unterstützung, wenn er erfolgreich sein soll. Freilich haben Menschen mit Down-Syndrom intellektuelle Grenzen. Aber wo liegen sie beim Einzelnen? Die Lernfähigkeit ist bei Menschen mit Down-Syndrom so unterschiedlich, wie bei anderen Kindern auch. Aber nur wenn sie gefordert werden, können sie ihre eigenen Grenzen ausloten.

Die selbstbewusste Anica (14) besucht eine integrative Schule. „Hier lernen die Kinder“, sagt Anicas Mutter, „dass es normal ist, dass jeder anders ist als man selbst“. Währenddessen gibt sich Anica – bei einer Schultheaterprobe – ihrer Lieblingsbeschäftigung, dem Tanzen, hin. Gefühlvoll wiegt sie ihren Körper zu klassischer Musik, koordiniert ihre Bewegungen mit denen der anderen Schüler und befolgt aufmerksam die Regieanweisungen der Lehrerin.

Ich bin immer wieder Menschen mit Down-Syndrom begegnet, die musische Talente haben. Manche malen, andere spielen Theater oder tanzen. Gerade auf der Bühne ist es besonders wichtig, seine Mitspieler im Auge zu behalten und die eigenen Handlungen mit denen der anderen abzustimmen. Und natürlich ist eine besondere Ausdrucksfähigkeit nötig. Anica scheint ein Naturtalent zu sein.

Bei den Dreharbeiten waren sich alle vier Protagonisten stets bewusst, dass ihre Aktionen von einer Kamera aufgenommen wurden – selbst dem fünfjährigen Finnian. Wenn er in die Kamera kuckt, schmelzen die Herzen. Er ist ein echter Charmeur und sich seiner Wirkung durchaus bewusst.

Wie viele Kinder mit Down-Syndrom, lässt auch Finnian sich ziemlich viel Zeit beim Erlernen des Sprechens. Um dennoch kommunizieren zu können, lernt er eine Gebärdensprache, die speziell für diese Kinder entwickelt wurde. Konzentriert liest der Kleine aus seinem Bilderbuch vor, formt mit seinen Händen die Worte für Hund, Katze, Küken, Pferd. Er hat sichtlich Spaß dabei.

Die Kinder haben uns oft verblüfft, manchmal amüsiert, auf jeden Fall aber beeindruckt. Vor den Eltern aber hatten und haben wir größten Respekt. Niemand von ihnen wusste vor der Geburt, dass sie ein Kind mit Down-Syndrom bekommen würden. Alle nahmen schließlich die Herausforderung an. Die Eltern haben sich einer oft schwierigen Auseinandersetzung gestellt, nachdem ihr Lebenskonzept eine andere Richtung bekommen hatte. Sie mussten lernen, das langsame Entwicklungstempo ihrer Kinder zu akzeptieren, und sie mussten sich oft genug gegen Ämter und Behörden oder schlichte Ignoranz behaupten. All das hat die Mütter und Väter gestärkt.

Vor der Kamera reflektieren sie ihre Situation in einer Offenheit, die ihresgleichen sucht. Mit der Erfahrung von heute müssen sie gelegentlich schmunzeln, wenn sie an ihre eigenen Vorbehalte zurückdenken. Aber eins ist unübersehbar: Die Eltern lieben und schätzen ihre Kinder. Sie wissen und akzeptieren, dass auch ein Kind mit Down-Syndrom individuelle Wünsche und Bedürfnisse hat und eines Tages sein eigenes Leben führen wird.