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Dienstag, 20.01.2015

Volle Pulle geschmacklos

Tierschützer in Island protestieren gegen ein mit geräucherten Walhoden gebrautes Bier: Das sei PR der Walfanglobby, wettern sie. Die Macher kontern mit Wikinger-Tradition.

Von André Anwar, SZ-Korrespondent in Skandinavien

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Freunde des Bieres genießen es zusammen mit vergammeltem Hai. Screenshot: SZ
Freunde des Bieres genießen es zusammen mit vergammeltem Hai. Screenshot: SZ

Dass die Isländer von ihrer Mentalität her ein ganz besonderes nordisches Völkchen sind, ist in ganz Skandinavien von Dänemark bis Schweden bekannt. Die geografische Isolation der einstigen Norwegenauswanderer auf ihrer weit entfernten Vulkaninsel hat viele alte Gewohnheiten und Bräuche konserviert.

So beginnen in Island auch heute noch jedes Jahr am Freitag zwischen dem 19. und dem 25. Januar die „Thorri“-Feierlichkeiten mit dem Mittwinterfest „Þorrablót“. Der Thorri ist ein altisländisches Wort für den vierten Wintermonat. Thorri ist, laut alten Sagen, auch der Name vom Sohn des Schnees, der als Beschützer des Winters gilt. Zu den Mittwinterfeierlichkeiten wird zu Ehren dieses Beschützers viel Traditionelles gespeist und getrunken.

Zum großen Ärger von Tierschützern wirbt die Brauerei Stedji dazu mit einem Bier, das mit Hoden von Finnwalen aromatisiert ist. Die Walhoden sind zudem „auf traditionelle Weise“ geräuchert: über einem Feuer aus getrocknetem Schafkot. Die Hälfte der Biere aus der Mikrobrauerei sind dem deutschen Reinheitsgebot verpflichtet, und die andere Hälfte kokettiert mit Aromen, die neben Hopfen und Malz auch noch Platz in den Flaschen haben. Dazu gehören Erdbeeren, Karamell, Lakritz und natürlich heimische Algen. Diese gemixt mit Kakao.

Der Verkauf des Walbiers beginnt am 23. Januar. Der sonderliche Gerstensaft wird bis zu fünf Wochen unter dem Namen „Hvalur 2“ vertrieben. Denn es gab im letzten Jahr bereits einen Vorgänger. Da hatte die Brauerei im nördlich der Hauptstadt Reykjavik liegenden Örtchen Borgarfjördur ihrem Hvalur Finnwalmehl beigemischt. Das hat die Lebensmittelbehörde damals als bedenklich eingestuft. Finnwalmehl war nicht für menschlichen Konsum genehmigt, so die Begründung. Dies, obwohl tatsächlich nur minimale Mengen beigemischt waren und das Bier eigentlich wie jedes andere schmeckte.

Die rund 5 000 Liter, die bis zum Verbot 2014 in die Geschäfte gelangten, waren blitzschnell ausverkauft. Ein heftiger Streit zwischen Lebensmittelbehörde und der Fischereiministerin Sigudur Johannsson entbrannte. Die bürgerliche Ministerin befürwortet den Walfang und hob das Verbot wieder auf. Doch letztlich bekam die Behörde recht und das Walmehlbier wurde erneut verboten.

Beim diesjährigen Walhodenbier haben die Behörde jedoch keine Bedenken. „Walhoden und Walspeck sind zugelassen. Wahlmehl dahingegen gehört zu Restprodukten, die nicht für den menschlichen Verbrauch genehmigt sind“, erklärte Gesundheitsamtsdirektor Helgi Helgason der Zeitung Frettabladid.

„Wir wollten eine authentische Thorri-Stimmung schaffen und benutzen deshalb die mit Schafkot geräucherten Finnwalhoden. Sie verbessern den Geschmack des Bieres“, begründete Brauereigentümer Dagbjartur Ariliusson. Zudem erwarte man einen reißenden Absatz bei den Isländern. Es gebe bereits zahlreiche Anfragen.

Tierschützer sind zutiefst erbost über die Geschmacklosigkeit. Die Walindustrie stecke hinter diesem Werbetrick für Walfleisch, vermuten sie. Denn das zähe und eigentlich nur mit raffinierten Soßen genießbare Walfleisch verliert immer mehr Umsatz auf Island.

Zeichen der Unabhängigkeit

Walfleisch wurde in früheren Zeiten vor allem gegessen, weil es kaum preiswerte Alternativen gab. Fisch, Hühnchen, Schwein und Rind schmecken den Isländern heute aber anscheinend besser. Doch der weltweit verpönte Walfang und andere Eigenheiten der Isländer bleiben für eine Vielzahl der patriotischen Insulaner wichtige Zeichen ihrer Selbstbestimmung und Unabhängigkeit.

Die erlangte Island erst 1944 von Dänemark. Der Fischfang war zudem lange Zeit die mit Abstand größte Einnahmequelle und hat noch heute große wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung neben dem Tourismus, der auch von sonderlichen Traditionen profitiert.

Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. Pieter Paulsson

    Danke für die INFOS. Aber macht doch aus dem Fischereiminister keine MinisterIN. Der Mann heißt Sigudur Johannsson. Und wenn man Island kennt, weiß man, dass der Nachname sagt, wessen Geschlechts der Träger ist. Johannson - Johans Sohn. Sie hieße Johannsdottir - Johanns Tochter. So viel Zeit muss sein. Und sie macht einen gut recherchierten Artikel zu dem, was er ist. Petri Heil

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