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Freitag, 09.12.2016

Vier Schachteln Zigaretten

Ein Altenberger bestreitet, Crystal gekauft zu haben. Die Ermittler hatten ihn und seinen Dealer aber schon länger im Visier.

Von Stephan Klingbeil

© dpa

Altenberg/ Dippoldiswalde. Es war dunkel, als der 32-jährige Angeklagte die Ware bekam. Ein alter Schulfreund, der ebenfalls in Altenberg wohnt, hatte sie ihm aus Tschechien mitgebracht. Die Übergabe ging an der Turnhalle am Altenberger Gymnasium über die Bühne, ein anderes Mal am Netto-Markt in der Bergstadt. Beide Male trafen sie sich am frühen Abend. Mindestens zweimal soll das nach den Erkenntnissen der Ermittler so abgelaufen sein, am 1. und am 11. Februar dieses Jahres.

Die Beamten sind sich sicher, dass der 32-jährige Altenberger von dem verurteilten Drogendealer beide Male Crystal gekauft hat. Deshalb musste sich der Altenberger vor Kurzem am Amtsgericht Dippoldiswalde verantworten. Die Anklage geht davon aus, dass der Beschuldigte je vier Gramm Crystal bestellt und gekauft hat.

Der 32-Jährige sagt nach der Anklageverlesung, er habe Druck auf Arbeit gehabt, die Vorwürfe gegen ihn bestreitet er allerdings vehement. „Was will ich mit acht Gramm Crystal, und woher haben Sie eigentlich diese Information?“, fragt er den Strafrichter sichtlich angesäuert. „Ich habe noch nie in meinen Leben Drogen genommen, da können Sie sofort einen Test mit mir machen.“ Das Gericht winkte aber ab. Schon deshalb, weil die Einnahme vieler verbotener Substanzen nach Monaten gar nicht mehr nachgewiesen werden könne.

Der Angeklagte, Niederlassungsleiter eines Bautzner Unternehmens, bestätigte dann, er habe sich häufiger mit seinem gleichaltrigen Schulfreund getroffen. Auch die Übergaben gibt er zu. Doch hätte es sich bei seinen Bestellungen nicht um vier Gramm Crystal gehandelt, sondern um – vier – Zigarettenschachteln. Wieso aber nur vier Schachteln? Und warum traf sich das Duo im Dunkeln, und nicht bei dem Dealer zu Hause? Das Gericht hegt schon früh im Prozess Zweifel an der Version des Beschuldigten. Der Mann verdiene doch rund 3 000 Euro im Monat, warum lässt er sich vier Schachteln Zigaretten aus Tschechien mitbringen? Und wieso die Treffen an der Turnhalle und beim Discounter? „In meinen Ohren würde sich das auch komisch anhören, und ich wollte die Schachteln nicht bei meinem Kumpel in der Wohnung kaufen“, sagt er. Er habe seine Gründe, er schweigt dazu.

Drogen per SMS bestellt?

Dass sein alter Schulfreund etwas mit Drogen zu tun habe, könne er nicht ausschließen. „Aber ich will damit auch nichts zu tun haben, und auch nichts dazu sagen, er sollte mir jedes Mal nur die Zigaretten mitbringen.“ Die Ermittler sehen das anders.

Bei einer Observation des vorbestraften Dealers kamen sie auch dem Angeklagten auf die Schliche. Dieser sei nicht der einzige Kunde gewesen. Auch habe er jedes Mal vorab per SMS „4“ bestellt. Dass es sich um Zigaretten handelte, halten die Beamten für unwahrscheinlich und ausgeschlossen.

„Viele Leute wurden von ihm per SMS angeschrieben. Warum wird das alles an mir festgemacht?“, wundert sich der Angeklagte vor Gericht. „Ich habe den Eindruck, dass hier irgendeiner herhalten muss, damit die Behörden an ihn heran kommen.“

Irgendeiner – damit meint er sich selbst. Sein Verdacht wurde jedoch bei der Verhandlung beiseite gewischt, zumal sein Kumpel, der Dealer ohnehin schon im Visier der Ermittler war und ist. Ein anderes Verfahren gegen den bereits zuvor am Amtsgericht Dresden zu einer Haftstrafe verurteilten Drogenhändler laufe noch. Der Dealer selbst bestätigte nun als Zeuge die Version mit den Zigarettenschachteln.

Das Dippoldiswalder Gericht glaubte jedoch weder ihm noch dem Angeklagten. Es verurteilte den Beschuldigten schließlich zu einer Geldstrafe. Es folgte dabei der Forderung der Staatsanwaltschaft. So soll der Mann wegen unerlaubter Einfuhr von Betäubungsmitteln 4 800 Euro (120 Tagessätze à 40 Euro) zahlen. Der Angeklagte war jedoch nicht einverstanden mit dem Urteil. Es ist noch nicht rechtskräftig.