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Freitag, 05.05.2017

Verwirrende Zahlen?

In einem SZ-Artikel heißt es, dass „lediglich um die 15 Prozent der Deutsch-Türken Erdogan unterstützen“, wegen der niedrigen Wahlbeteiligung. Bei der Saarlandwahl aber hat die SZ die 40 Prozent der CDU als richtungsweisend für die Bundestagswahl erklärt, obwohl es nach dieser Berechnung nur 28 Prozent waren. Was nun? MfG, Thomas Häntschke

Sehr geehrter Herr Häntschke,

Zahlen können Sachverhalte wunderbar erhellen, sie können aber – ob nun falsch zusammengestellt oder falsch interpretiert – eher für Verwirrung sorgen. Wie ist das nun bei Ihrem Beispiel?

Beim Türkei-Referendum haben in Deutschland 63 Prozent für Erdogans Präsidialsystem gestimmt, also eine klare Mehrheit. Da aber kaum die Hälfte der hier lebenden türkischstämmigen Menschen wahlberechtigt ist und damit nur 15 Prozent von ihnen Erdogan unterstützt haben, hat ein Wahlforscher darauf hingewiesen, dass man aus diesen Zahlen nicht schließen könne, die Integration dieser Menschen hierzulande sei gescheitert. Diese richtige und wichtige Feststellung hat die Nachrichtenagentur dpa, deren Text die SZ gedruckt hat, mit einer falschen Schlussfolgerung verbunden: „Das heißt, dass lediglich 15 Prozent der Deutsch-Türken Erdogan unterstützen.“ Richtig wäre gewesen: Nur 15 Prozent haben für ihn gestimmt. Wie die anderen denken, die nicht abstimmen konnten, wissen wir nicht.

Und wie war das bei der Saarlandwahl? Da hat die CDU mit über 40 Prozent einen klaren Wahlsieg eingefahren. Die von Ihnen berechneten 28 Prozent für die CDU, wenn alle Saarländer zur Wahl gegangen wären, bringen keinen ersichtlichen Erkenntnisgewinn. Richtig war die Interpretation, die die SZ vorgenommen hat: Die CDU hat klar gewonnen, dies stärkt die Partei im Bundestagswahlkampf – aber sie hat die Wahl vor allem dem sehr guten Ruf ihrer Ministerpräsidentin zu verdanken. Dass die CDU das Ergebnis euphorischer feiert, hat die SZ sachlich, aber durchaus distanziert wiedergegeben.

Klingt kompliziert, ist es im Alltag des Zeitungsmachens auch. Journalisten ist das bewusst, sie stellen sich deshalb immer wieder folgende Fragen: Sind die Zahlen exakt? Sind sie richtig interpretiert? Helfen Zahlen, Zusammenhänge zu verstehen oder sorgen immer noch mehr Zahlen eher für Verwirrung? Dies trifft vor allem auf umfangreiche Studien und Umfragen zu, die sich nicht so einfach in ein Zeitungsformat übertragen lassen.

Ihr Olaf Kittel

Alle Fragen, alle Antworten: www.sz-link.de/leserfragen