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Montag, 09.05.2016

Unter Flüchtlingen: Christen und Jesiden fühlen sich bedrängt

In Deutschland herrscht Religionsfreiheit. Doch Christen und kurdische Jesiden fühlen sich in den Flüchtlingsunterkünften, in denen sie auf engstem Raum mit Muslimen zusammenleben, nicht immer frei.

Von Anne-Beatrice Clasmann

Pfarrer Dr. Gottfried Martens (l.) und Paulus Kurt (Zentralrat Orientalischer Christen in Deutschland) am 9. Mai bei einer Pressekonferenz von Open Doors Deutschland in Berlin.
Pfarrer Dr. Gottfried Martens (l.) und Paulus Kurt (Zentralrat Orientalischer Christen in Deutschland) am 9. Mai bei einer Pressekonferenz von Open Doors Deutschland in Berlin.

© dpa

Berlin. Deutschland, das ist für Fadi S. (25) ein Ort, der Sicherheit verheißt. Als sich der Syrer aus der vom Krieg gezeichneten Stadt Homs im Sommer 2015 auf den Weg nach Deutschland macht, ahnt er nicht, dass er auch in „Almania“ von Menschen bedrängt werden könnte, die ihn wegen seines christlichen Glaubens ablehnen. Die ersten Konflikte tauchen auf, als der ehemalige Zahnmedizin-Student mit 14 anderen Männern in einem Zelt untergebracht wird. Drei von ihnen sind Christen, die anderen sunnitische Muslime.

Später in der Erstaufnahmeeinrichtung hätten ihn erneut muslimische Mitbewohner drangsaliert, erzählt er. Sie hätten die gleichen islamischen Gesänge angehört wie er sie in den Jahren zuvor von islamistischen Kämpfern in Syrien gehört habe. Fadi S. sagt, da habe er Angst bekommen. Heute lebt der junge Mann in einer norddeutschen Großstadt. Ein Deutscher hat ihn vorübergehend in seiner Wohnung aufgenommen. Um den Hals trägt Fadi S. ein Lederband mit einem silbernen Kreuz, auf dem Kopf eine Baseballkappe. Sein Blick wandert hinter dicken Brillengläsern nervös hin und her.

„Das sind keine Einzelfälle, ich kenne keine Unterkunft von Garmisch bis nach Hamburg, wo wir nicht auf solche Fälle gestoßen sind“, sagt Paulus Kurt vom Zentralrat der Orientalischen Christen in Deutschland (ZOCD). „Ich habe Familien gesehen, die wegen Bedrohung freiwillig wieder zurückgekehrt sind“, fügt er hinzu. Kurt hält eine getrennte Unterbringung von Muslimen und Christen für den Königsweg. Er hat aber inzwischen festgestellt, dass dies politisch nicht durchsetzbar ist. Sein Alternativvorschlag: Christen sollten künftig nur noch in größeren Gruppen gemeinsam mit Angehörigen anderer Religionsgruppen untergebracht werden.

Von Schikane und Bedrohung seien nicht nur Christen betroffen, betont Karl Hafen von der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM). Die IGFM kümmert sich vor allem um jesidische Flüchtlinge aus dem Irak. Die meisten Angehörigen dieser religiösen Minderheit sind vor der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) geflohen. Ihr Misstrauen gegenüber Muslimen ist oft groß.

Besonders schlimm sei die Situation in Berlin, sagt Markus Rode vom christlichen Hilfswerk Open Doors. In der Hauptstadt werde zwar die besondere Schutzbedürftigkeit von Homosexuellen in den Unterkünften anerkannt. Die schwierige Situation der Christen werde aber weitgehend ignoriert. Außerdem seien unter dem Wachpersonal in den Unterkünften etliche Muslime, die selbst Vorurteile gegenüber Christen hätten. Auf die Anti-Islam-Kampagne der AfD angesprochen, betont Rode, ihm sei wichtig, dass den Betroffenen geholfen werde - „und dass dieses Thema nicht vermischt wird mit Politik und Populismus“.

Fadi S. und der Iraner Ramin F. sind zwei von mehr als 230 Christen, die Open Doors kürzlich für eine Studie zur religiös motivierten „Verfolgung“ von Christen in deutschen Flüchtlingsunterkünften befragt hat. Die beiden Flüchtlinge wollen aus Sicherheitsgründen nicht, dass ihre vollständigen Namen bekanntwerden. Fadi S. möchte auch nicht fotografiert werden.

Ramin F. lebt als einer von acht Christen in einem Heim in Brandenburg in der Nähe der polnischen Grenze. Er war früher Muslim, ist zum Christentum konvertiert. Der schmale, ernste Mann sagt, Bewohner der Unterkunft klopften nachts an sein Fenster klopfen, um ihn zu stören. Im Deutschkurs wollten sie nicht neben ihm sitzen.

Für Ramin F. ist klar, „das tun sie, weil ich Christ bin“. Für die Leiter der Unterkünfte und für Polizisten, die gerufen werden, wenn so ein Konflikt eskaliert, ist die Situation dagegen nicht immer eindeutig. Sie fragen oft: „Ist das ein normaler Streit unter Menschen, die in einer schwierigen Lebenslage auf engstem Raum zusammenleben müssen oder sind das religiös motivierte Übergriffe?“

Die Kirchen sind in einer schwierigen Situation. Auf der einen Seite wollen sie sich nicht dem Vorwurf aussetzen, sie ließen ihre Glaubensbrüder im Stich. Auf der anderen Seite sehen sie aber die Gefahr, dass muslimische Flüchtlinge unter Generalverdacht gestellt werden. Einrichtungen nur für Christen hält die katholische Kirche deshalb für nicht erstrebenswert. (dpa)