erweiterte Suche
Montag, 25.05.2015

(Un)gleiche Rivalen

Der eine wohnt ganz im Süden des Kreises, der andere ganz im Norden. Beide sind seit der Wende Kommunalpolitiker mit Leib und Seele. Beiden ist die Lausitz Heimat seit Kindertagen. Beide leben auf dem Land, schöpfen Kraft in der Natur und frönen einem besonderen Hobby. Der eine, Michael Harig aus Crostau, will Landrat bleiben. Der andere, Jens Bitzka aus Lauta, will ihm das Amt am 7. Juni streitig machen.

Von Jana Ulbrich

Bild 1 von 2

Der Herausforderer: Grünen-PolitikerJens Bitzka (44) auf seinem idyllischen Grundstück in Lauta. Er will für SPD, Linke und B90/Grüne Landrat werden.
Der Herausforderer: Grünen-PolitikerJens Bitzka (44) auf seinem idyllischen Grundstück in Lauta. Er will für SPD, Linke und B 90/Grüne Landrat werden.

© Gernot Menzel

  • Der Herausforderer: Grünen-PolitikerJens Bitzka (44) auf seinem idyllischen Grundstück in Lauta. Er will für SPD, Linke und B90/Grüne Landrat werden.
    Der Herausforderer: Grünen-PolitikerJens Bitzka (44) auf seinem idyllischen Grundstück in Lauta. Er will für SPD, Linke und B 90/Grüne Landrat werden.
  • Der Amtsinhaber:  Michael Harig (54) auf seiner Schafweide in Crostau. Der CDU-Politiker ist seit 15 Jahren Landrat in Bautzen – und will das auch bleiben.
    Der Amtsinhaber: Michael Harig (54) auf seiner Schafweide in Crostau. Der CDU-Politiker ist seit 15 Jahren Landrat in Bautzen – und will das auch bleiben.

Das Holz reicht noch lange nicht. Jens Bitzka hebt die Axt und schlägt zu. Er muss die kühle Morgenstunde vor dem langen Bürotag noch nutzen, der ihn heute wieder erwartet. Deshalb steht der 44-Jährige jetzt in grüner Arbeitsjacke hinterm Haus und spaltet Kiefer in handliche Scheite. Das Holz für die Heizung hat er im Winter aus dem Wald geholt. Der Wald beginnt hinterm Haus. Das ist von wildem Efeu bewachsen. Im Efeu brüten die Amseln. Hier draußen, ganz am Ortsrand von Lauta, lebt Bitzka seit Kindertagen. Nur Vogelgezwitscher ist hier und Grün. Im Wald hinterm Haus wohnt das Seenland-Wolfsrudel, ein paar Meter hinterm Zaun hat eine Wildschweinbache im April sieben Frischlinge zur Welt gebracht. „Ich brauche diese Natur hier“, sagt Jens Bitzka, der Ur-Grüne. Nach der Wende hat er die Grünen im Kreis mitgegründet. Seitdem mischt er sich ein in die kleine und die große Kommunalpolitik. Er weiß gut, wovon er redet. Wie viele aus der Gegend hat er in Schwarze Pumpe gelernt und bis zum Schluss in der Grube bei Knappenrode gearbeitet, ehe er ganz in die Politik ging. Heute ist er Kreisvorsitzender der Grünen und Büroleiter der Landtagsabgeordneten Franziska Schubert. Jetzt will er Landrat werden.

Der Landrat hat Gummistiefel angezogen. Wie jeden Morgen fährt Michael Harig hinaus zu seinen Schafen. Es ist schon fast ein Ritual vor den langen Arbeitstagen, wie er auch heute wieder einen vor sich hat. Seit 15 Jahren ist der 54-Jährige nun schon Landrat im Kreis Bautzen – ein Job, der einem viel abverlangt.

Über den Wiesen am Ortsrand von Crostau liegt noch der Morgentau. Eine Quelle füllt plätschernd den Wassertrog. Die Schafe grasen friedlich. Michael Harig braucht nur in die Hände zu klatschen, da kommen sie alle im Galopp: Schwarzköpfige Fleischschafe, eine seltene Rasse, gerade frisch geschoren. Die ganze Herde trottet jetzt hinter ihm her. Wenn es doch mit der Politik auch immer so einfach wäre. Michael Harig ist CDU-Mann seit dem 16. Januar 1990. „Es war viel Euphorie damals“, sagt er. „Ich dachte, man kann ja nicht bloß meckern, man muss auch etwas tun.“ Mit 29 wird er gleich 1990 Bürgermeister in Sohland/Spree, dem Dorf seiner Kindheit, das seinen Begriff von Heimat geprägt hat.

Die Euphorie der Nachwendezeit hat sich gelegt mit den Jahren, gibt er zu. Es gibt mehr Zwänge und weniger Gestaltungsspielräume in der Kreispolitik, als es ihm oft lieb wäre. Trotzdem ist da nach 15 Jahren keine Spur von Amtsmüdigkeit.

Jens Bitzka ist warm geworden vom Holzhacken. Er schaut auf die Uhr. Eine halbe Stunde hat er noch Zeit, ehe er zum Landtag nach Dresden fahren und die Post durchsehen wird. Franziska Schubert, seine Chefin, ist diese Woche nicht da. Da übernimmt er die Post. Die körperliche Arbeit ist ein guter Ausgleich zur Kopfarbeit im Büro, sagt er. Auf dem großen Grundstück ist immer zu tun. Auch Bitzkas Eltern wohnen noch hier. Er fühlt sich verantwortlich. Eine eigene Familie hat er nicht.

Der Wind weht einen eigenartigen Geruch herüber. „Das sind die Phenole, die das Grundwasser verseucht haben“,erklärt er. Es gibt zwar schon lange kein Aluminiumwerk mehr in Lauta, aber die Phenole, die übriggeblieben sind, die wird es noch lange geben. Sie färben das Wasser im kleinen Bächlein vor dem Grundstück blau. Die Eisenhydroxide, die das nach dem Bergbau nun wieder aufsteigende Grundwasser ausschwemmt, färben das Wasser im kleinen Graben hinter dem Grundstück braun. Aber das alles ist längst nichts mehr gegen die Zeiten, in denen die Mutter bei Ostwind keine Wäsche aufhängen konnte, sagt Bitzka.

Heute Abend fährt er nach Cottbus zu einem Termin, bei dem es um den Ausstieg aus der Braunkohle geht. Es müssen keine Dörfer mehr abgebaggert werden, ist Jens Bitzka überzeugt. Es wird trotzdem noch genügend Arbeit geben für die Bergleute.

Michael Harig treibt die Muttertiere mit den jüngsten Lämmern in den Stall. Am Vormittag kommt der Tierarzt und braucht die Tiere griffbereit. Seit drei Jahren betreiben Harig und seine Frau Andrea die aufwendige Schafzucht. Vier Dutzend Tiere hat die Herde. Harigs verkaufen sie vor allem als Zuchttiere. Es sollen mal richtig gute Zuchttiere werden, wünscht sich der Hobbylandwirt, solche, die er auf der Bundes-Eliteschau ausstellen könnte.

Michael Harig stiefelt rüber zu den Einjährigen. Die 16 humpelt. Das muss er dann gleich seiner Frau sagen. Sie wird da sein, wenn der Tierarzt kommt. Er wollte selbst gern Tierarzt werden, erzählt er. Aber in der DDR hat man ihn nicht studieren lassen. Noch einmal atmet er jetzt tief die klare Luft ein und genießt den weiten Blick über die Weiden und das sanfte Hügelland um die Kälbersteine. Ein vertrautes, friedliches Bild. Diese Landschaft und das Haus in Crostau sind Harigs Rückzugsorte. Die Momente zu Hause sind kostbar. „Sie geben mir Kraft“, sagt er.

Seine Arbeitstage enden selten vor 22 Uhr. Auch heute wird es wieder spät werden. Dann gleich fährt er zur Sitzung des Sozialausschusses vom Städtetag nach Dresden, danach zur Personalratssitzung ins Landratsamt. Am Nachmittag folgt ein wichtiges Gespräch zum Nahverkehr und dem Problem der unterschiedlichen Tarifsysteme im Kreis. Am Abend kommt ein Staatssekretär aus dem Innenministerium. Und der MDR will noch ein Interview.

Aus dem Wald hinterm Haus in Lauta ruft der Kuckuck. Jens Bitzka hat das frisch gehackte Holz gestapelt. Drei große Feimen sind schon aufgebaut. Vor dem Winter wird er wohl noch mal was holen müssen mit seinem Traktor. Sein Traktor ist ein Fahr, Baujahr 1957. Er hat ihn in unzähligen Stunden originalgetreu restauriert. Der Fahr ist Bitzkas ganzer Stolz. Am Tag vor der Wahl will er damit nach Dresden tuckern. Apropos Dresden: Jetzt muss er aber wirklich los. Nach Dresden kann er von Lauta aus bequem mit dem Zug fahren. Aber heute Nachmittag zur Bürgersprechstunde in den Grünen Laden nach Bautzen muss er das Auto nehmen. Das regt ihn auf, sagt er. Er hat’s mal mit dem Bus probiert: Zweieinhalb Stunden hat er gebraucht für die 50 Kilometer – und zwei Fahrkarten. „Ein Unding“, sagt er. „Das muss man doch ändern können!“ Er hat dieselbe Jacke angezogen wie auf seinem Wahlplakat. Jens Bitzka ist kein Schlipsträger. Eigentlich ist er jetzt auch nicht mehr nur ein Grüner. Er ist zugleich auch der Landrats-Kandidat der Linken und der SPD. Das hat es noch nie gegeben im Kreis Bautzen. Er schmunzelt bescheiden. Im Stillen aber scheint er sich wirklich diebisch zu freuen.

Auch Michael Harig muss sich jetzt auf dem Weg nach Dresden machen. Er schätzt das Privileg, einen Fahrer zu haben. Das gibt ihm die Möglichkeit, die Zeit im Auto zum Arbeiten zu nutzen. Er will gut vorbereitet sein auf jeden Termin, der im Kalender steht. „Wenn man ernst genommen werden will, muss man in den Themen stecken und ein bisschen Bescheid wissen“, sagt er. Dabei helfen ihm die Mitarbeiter in den Fachbereichen, die ihm zuarbeiten und von denen er sich vor jeder Sitzung und jedem Gespräch gut briefen lässt. Oft nimmt er die Unterlagen zum Vorbereiten abends oder übers Wochenende mit nach Hause. Anders ist so ein Pensum nicht zu bewältigen, sagt er. Zeit zum Lesen, Musikhören, Wandern oder zum Radfahren findet sich aber doch immer irgendwie. Jetzt muss er sich beeilen. Sportlich schwingt er die Beine über den Elektrozaun und schaltet wieder Strom auf. Noch einmal schaut er sich um zur Herde, ehe er ins Auto steigt. „Hier draußen“, sagt Michael Harig, „hier bleibt man geerdet.“