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Freitag, 22.12.2017

Und welche Macke haben Sie?

Jeder hat einen Spleen, sagt eine Psychologin – und findet das sogar positiv. Warum, erklärt sie im Interview.

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Ein gemähter Rasen kann anstrebenswert sein. Aber ist es noch normal, wenn der Hobbygärtner dem Gänseblümchen mit der Schere zu Leibe rückt?
Ein gemähter Rasen kann anstrebenswert sein. Aber ist es noch normal, wenn der Hobbygärtner dem Gänseblümchen mit der Schere zu Leibe rückt?

© F. Röder/ Imagebroker

  • Ein gemähter Rasen kann anstrebenswert sein. Aber ist es noch normal, wenn der Hobbygärtner dem Gänseblümchen mit der Schere zu Leibe rückt?
    Ein gemähter Rasen kann anstrebenswert sein. Aber ist es noch normal, wenn der Hobbygärtner dem Gänseblümchen mit der Schere zu Leibe rückt?
  • Fanny Jiménez, 38, ist Wissenschaftsjournalistin und Psychologin. Sie hat über Fernbeziehungen promoviert.
    Fanny Jiménez, 38, ist Wissenschaftsjournalistin und Psychologin. Sie hat über Fernbeziehungen promoviert.

Wenn nicht alles symmetrisch ausgerichtet ist, kann Michael es kaum ertragen, am Tisch zu sitzen: Das Glas muss mittig auf dem Untersetzer stehen, das
Besteck im exakten Abstand zum Teller
liegen. Alles andere macht ihn unruhig. Das schreibt er auf myspleen.de, einem Portal, auf dem sich Menschen über ihre schrägen Verhaltensweisen austauschen. Das klingt ein bisschen irre, ist es aber nicht. Denn solche Marotten haben eine Funktion, sagt die Psychologin Fanny Jiménez und hat darüber ein Buch geschrieben: „Ich und mein Spleen“. Die Sächsische Zeitung wollte wissen, welche das sein soll.

Frau Jiménez, wie kommt man denn auf die Idee, ausgerechnet über Spleens ein Buch zu schreiben?

Ich habe ein Jahr lang in der Welt am Sonntag eine Kolumne über Marotten geschrieben. Die hieß „Bin ich noch normal, wenn...“. Die Leute hat das sehr beschäftigt, weil sie ihre kleinen Macken nicht einordnen konnten. Viele haben mir geschrieben – und daraus haben wir das Buch gemacht.

Welche Macken sind Ihnen dabei am häufigsten geschildert worden?

Die meisten Spleens spiegeln drei verschiedene Grundbedürfnisse der Menschen wider. Das ist zum einen die Sicherheit. Fast alle sind sehr darauf bedacht. Die Welt ist sehr unsicher und es gibt viele Gründe, sich Sorgen zu machen. Das sieht man an den Vorsichtsmaßnahmen oder Routinen: Manche Leute müssen mehrfach checken, ob sie tatsächlich abgeschlossen oder den Herd ausgemacht haben. Aber auch das Abendritual gehört dazu. Das haben nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene.

Zum Beispiel?

Eine Frau, deren Freund sie verlassen hatte, berichtete, dass sie sich so einsam fühlte, dass sie ihren alten Teddy wieder rausgeholt hat und mit ihm kuschelt. Sie wollte wissen, ob das OK oder irgendwie krankhaft wäre.

Was haben Sie ihr geantwortet?

Dass sie sich keine Sorgen machen muss. Ihr Teddy war in der Ausnahmesituation ihr emotionaler Anker, der ihr Halt und Trost gab. Er hat ihr schon früher durch Krisen geholfen. Dass sie sich in Zeiten der seelischen Not auf altbewährte Verhaltensmuster zurückbesinnt, ist eine Schutzhandlung. Das hilft bei der Angstbewältigung und stellt das psychische Gleichgewicht wieder her.

Und die anderen Grundbedürfnisse?

Zum zweiten ist es das Essen. Das ist unglaublich emotional, weil viele Leute ihre Gefühle darüber regeln. Wenn es mir schlecht geht, steuere ich mit Grießbrei gegen. Bei anderen ist es Hühnersuppe oder Kaiserschmarrn. Der dritte Bereich ist die Ordnung. Menschen sortieren, zählen und räumen sehr gern Sachen hin und her. Dazu gehört, wie man die Wäsche aufhängt, dass man sie der Größe oder Farbe nach sortiert oder mit bestimmten farbigen Klammern fixiert. Auch der ewige Streitpunkt, wie man die Spülmaschine oder den Kühlschrank einräumt, zählt dazu. Das hat oft überhaupt nichts mit Effizienz zu tun, sondern viel mehr damit, im eigenen Revier entscheiden zu können, was wo wie zu stehen hat. Das gibt einem das Gefühl von persönlicher Kontrolle in einer Welt, die oft nicht steuerbar ist.

Also sind Marotten nichts Schlimmes?

Sie sind sogar gesund, solange sie keinen Schaden anrichten und sich niemand dadurch gestört fühlt. Diese kleinen Ticks sind eine Art unsichtbarer Freund. Sie springen immer dann ein, wenn man sie wirklich braucht, ohne dass sie sich bemerkbar machen würden. Wenn ich einen doofen Tag habe, in die Kantine gehe und mir einen Grießbrei hole, denke ich nicht darüber nach, dass der mir jetzt gut tun wird, weil er mich an früher erinnert. Das ist ein unbewusst ablaufender Prozess, aber mein Gehirn hat diesen Link zwischen „Grießbrei und Wohlfühlen“. Diese Verknüpfung ist unbewusst da und automatisiert. Auch die Abendroutinen oder die Art, wie man die Wäsche aufhängt, sind kleine Hilfen, die über den Alltag verteilt werden. Die verleihen das Gefühl, dass man sicher ist und es einem gut geht.

Sie beschreiben den bizarren Spleen eines Mannes, der vor dem Duschen checkt, ob wirklich Wasser oder eine ätzende Flüssigkeit aus dem Hahn kommt. Ist das auch normal?

Ja. Wenn man die Leute danach fragt, wissen sie, dass so ein Verhalten komplett irrational und der befürchtete Fall sehr unwahrscheinlich ist. Manche können nicht schlafen, bevor sie nicht überprüft haben, ob sich unter dem Bett jemand versteckt hat. Diese großen Ängste haben eine evolutionäre Ursache. Sie waren mal sehr sinnvoll und bestehen immer noch.

Also leiten sich die Marotten von unserer Evolutionsgeschichte ab?

Ja, in unbewussten Prozessen ist unser Verhalten immer noch von der Entwicklungsstufe des Höhlenmenschen geprägt. Da orientieren wir uns an sehr alten Reflexen, weil sie lange das Überleben der Menschheit gesichert haben. Heute sind das kleine Sicherheitsmechanismen, die wir in unseren Alltag eingebaut haben, um in Ruhe schlafen zu können.

Kennen Sie jemanden, der keine Macke hat?

Nein. Ich habe noch keinen gefunden.

Nun gibt es nicht nur harmlose Ticks, sondern auch ausgewachsene Meisen. Wie die Panik vor öffentlichen WCs, die in Großbritannien als Angststörung anerkannt ist. Wie kriege ich denn raus, ob mir mein Spleen entgleitet?

Wenn man sich Sorgen macht über ein komisches Verhalten, sollte man versuchen, es zu unterbinden. Kann man die Wäsche dann problemlos wild durcheinander aufhängen, ist alles in Ordnung. Geht das nicht, sollte man sich Gedanken machen. Die Definition, wann es zu einem wirklichen Problem wird, ist aus Sicht der Therapeuten der Leidensdruck: Etwa, dass ich nicht zur Arbeit gehen kann, bevor ich nicht dreimal kontrolliert habe, ob der Herd wirklich aus war. Dann ist die Angst, die dieser Spleen regulieren soll, zu stark. Sie ist nicht mehr gesund, sondern übersteigert. Sie lässt sich nicht mehr beruhigen. Deshalb kommt das Bedürfnis, den Herd zu kontrollieren, immer wieder.

Wenn der Spleen nicht mehr helfen kann, raten Sie also zum Therapeuten?

Ja. Wenn es so schlimm wird.

Sind Selbstgespräche komisch?

Nein, überhaupt nicht, sie sind sogar ziemlich wichtig. Denn sie helfen, die eigenen Gedanken zu sortieren. Untersuchungen zeigen, dass Kinder alle Selbstgespräche führen. Ab einem bestimmten Alter wird das Gesprochene internalisiert. Man denkt sich dann nur noch, was man sonst gesagt hätte. Wenn Erwachsene mit sich selbst sprechen, tun sie das in der Regel, wenn sie überfordert sind oder etwas besonders Schwieriges machen. Selbstgespräche sind also kleine Konfliktlöser, die einem helfen, sich durch schwierige Situationen hindurch zu navigieren.

Wie viele Spleens kann man denn haben, bevor es echt komisch wird?

Das ist schwierig, denn oft sind es ja tatsächlich Gewohnheiten, die nur auffallen, wenn sie einen speziellen Touch haben. Bis zu zehn hat bestimmt jeder.

Warum entwickeln Singles eher einen Spleen als Menschen in Beziehungen?

Partner sind emotionale Anker, Bindungsfiguren, die helfen, schlechte Gefühle zu regulieren, emotionalen Ballast zu managen. Wenn man die nicht hat, behilft sich die Psyche. Man entwickelt ein paar mehr von den Routinen, die Sicherheit geben.

Das Gespräch führte Susanne Plecher.

„Ich und mein Spleen. Was wir tun, wenn wir alleine sind“, C.H.Beck, München, 171 Seiten, 11,95 Euro.