Donnerstag, 17.01.2013
Und keiner hat’s gesehen
Niemand freut sich über das Dschungelcamp – und doch holt es Traumquoten. Warum nur?
Fies gewinnt: Wenn die Moderatoren Sonja Zietlow und Daniel Hartwich ihre Bosheiten über die Campbewohner absondern, dann freut sich der Zuschauer. Foto: RTL
Drittklassige Prominente, die Kakerlaken lutschen. Die Madenkuchen und Känguruhoden essen. Die im Hamsterbikini durch wütende Ameisenvölker waten. Alle Jahre wieder kämpfen irgendwie bekannte Menschen im australischen Dschungel um ihren Status, Sterne fürs Essen und den absurden Titel „Dschungelkönig“ – und die RTL-Kameras sind dabei. Doch für wen eigentlich? Offiziell interessiert dieses „Ekel-TV“ doch überhaupt niemanden.
Als das Thema vor einigen Tagen auf der Facebook-Seite von sz-online auftauchte, echauffierte sich die Mehrheit der Nutzer in mehr als 60 Kommentaren. „Solange es noch genügend Schwachmaten gibt, die sich diesen ... reinziehen, hört die Volksverdummung nicht auf“, schrieb eine Nutzerin. „Eh nur Hartz-4-TV für die entsprechende Zielgruppe!!!“, ätzte ein anderer.
Wortreich und wortgewaltig versuchten sie, jeden Verdacht von sich zu weisen, sie selbst könnten womöglich mit RTL oder gar dem Dschungelcamp in Verbindung gebracht werden.
Seltsam: Dieser Tage läuft die siebte Staffel von „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ – und die Einschaltquoten sind sensationell. Regelmäßig schalten mehr als sieben Millionen Zuschauer ein – und das mitten in der Woche um 22.15 Uhr. In der Lieblingsaltersgruppe von RTL zwischen 14 und 49 Jahren schaut um diese Zeit fast jeder zweite Dschungelcamp. Die erste Staffel ohne Paradiesvogel Dirk Bach, der im Oktober überraschend mit 51 Jahren starb, könnte in Sachen Zuschauerzuspruch eine Rekordstaffel werden.
„Das Dschungelcamp ist eine faszinierende parodistisch verfremdete Miniaturversion der Mediengesellschaft“, sagt die Hamburger Medienwissenschaftlerin Joan Kristin Bleicher. Das Format kombiniere eine Reihe erfolgsbewährter Elemente wie exotisches Setting, Comedy und mediales Straflager für nervige Promis. „Während etwa in den Casting-Shows gleichbleibende Inszenierungsmuster der Kandidaten die Zuschauer langweilen, kann der Zuschauer im Dschungelcamp tagelang beobachten, wie Inszenierungsstrategien angesichts der Herausforderungen scheitern.“ Heißt auf gut Deutsch: Wenn Promis vor ihren Augen versagen und gedemütigt werden, dann freut sich der Zuschauer. Besonders über die fiesen Kommentare der Moderatoren, die ohne Dirk Bach noch garstiger rüberkommen.
Marktforscher von Media Control sagen übrigens, dass vor allem Frauen schuld am dauerhaften Erfolg des Formats sind. Forscherin Bleicher: „Frauen sind ja generell an zwischenmenschlichen Beziehungen interessiert.“ Und davon gebe es im Camp einige zu sehen. Besonders sie wollten den echten Menschen hinter der Star-Fassade entdecken. „Sie glauben, dass sich in Extremsituationen das wahre Gesicht der Ex-Prominenten zeigt.“
Mit der Besetzung bedient RTL auch in diesem Jahr wieder beliebte Klischees: Dragqueen Olivia Jones behält als Camp-Mutti die Fäden in der Hand und fungiert gleich noch als Exotin. Dummbatz vom Dienst und gleichzeitig pflegebedürftiges Küken ist „DSDS“-Teilnehmer Joey Heindle („Ich will nicht tot aufwachen“). Dann wären da natürlich noch die hübschen Zicken, diesmal Model Fiona Erdmann und „Bachelor“-Kandidatin Georgina. „Playboy“-Bunny ist diesmal „Unter uns“-Schauspielerin Claudelle Deckert, und für die weiblichen Zuschauer wurden die Sixpacks und knackigen Hintern von den Sängern Silva Gonzalez und Patrick Nuo eingeflogen.
Offen ist noch, wem die übliche romantische Dschungel-Liaison ins Drehbuch geschrieben wurde. Schauspieler Rocco Stark und Sängerin Kim Gloss schossen ja im vergangenen Jahr in dieser Rolle ein bisschen über das Ziel hinaus. Inzwischen erwarten sie ein gemeinsames Kind. (SZ/hbe mit dpa)
„Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“, täglich 22.15 Uhr auf RTL.