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Freitag, 23.10.2015

Übigauer beenden Protest

Tom Walthersen von „Wir sind Übigau“ bringt zur Erinnerung an den Protest einen Aufkleber an.
Tom Walthersen von „Wir sind Übigau“ bringt zur Erinnerung an den Protest einen Aufkleber an.

© SZ/C. Juppe

Dresden. Drei Wochen und zwei Tage haben mehrere Dutzend Anwohner in Übigau gegen eine geplante Unterkunft für Flüchtlinge der Stadt Dresden protestiert. Tag und Nacht wachten sie an einer Zufahrt zu der Turnhalle in der Thätertstraße, nachdem bekannt wurde, dass die Stadt auch dort Asylbewerber unterbringen will. Tom Walthersen, einer der Sprecher der Initiative, die sich „Wir sind Übigau“ nannte, sagte am Freitagabend: „Wir wollen unseren Protest bis zum Schluss in Ruhe und Frieden zu Ende bringen.“ Symbolisch haben die Anwohner daher gegen 17 Uhr ihr Partyzelt abgebaut, so wie sie es in einer Besprechung am Abend zuvor abgestimmt hatten.

Am Donnerstag bezogen die ersten 40 Asylbewerber die Halle in Übigau, insgesamt sollen dort einmal 59 Menschen untergebracht werden. Die Polizei rückte um 9 Uhr mit einem Großaufgebot an, um einen Zugang zu der Halle zu ermöglichen. Die Uniformierten trugen sechs Protestler zur Seite, die am Hintereingang in der Carrierastraße eine „symbolische“ Sitzblockade gebildet hatten. Es blieb während der gesamten Aktion friedlich - lediglich Journalisten wurden wiederholt von wütenden Anwohnern bedrängt und unter anderem als „Lügenpresse“ beschimpft.

Auch nachdem die Asylbewerber eingetroffen waren, waren viele Anwohner mit der städtischen Entscheidung nicht einverstanden. Einige behaupteten, die Flüchtlinge hätten den Hitlergruß gezeigt, als sie aus ihren Bussen ausstiegen und zur Turnhalle liefen. Ein Rentner sagte, er wolle die „Täter“ nun anzeigen. Tatsächlich hatten manche Flüchtlinge jedoch nicht fotografiert werden wollen und deswegen ihre Hand erhoben. Manche riefen „No Foto“.

Tom Walthersen, der auf seiner Facebook-Seite OrakelDebakel über den Protest informiert, hat nun zum Abschluss des Protestes einen Aufkleber an eine Säule des Hallentors geklebt: „Wir sind Übigau“, steht darauf. „Es ist ein Gedenkpunkt, an dem wir daran erinnern wollen, dass hier vergangene Woche einer von uns schwer verletzt wurde. Der 37-Jährige wurde am Sonntag gegen 3.30 Uhr von zwei Unbekannten angegriffen. Der Mann hatte die Täter bemerkt, die um das Zelt geschlichen waren. Als der Mann aus dem Zelt ging und die Männer ansprach, wurde er unvermittelt zu Boden geschubst. Der 37-Jährige sei erst am Donnerstag operiert worden, sagte Walthersen am Freitag.

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Für Walthersen war das Protestcamp eine gute Erfahrung. Es sei schön zu sehen, wie die Anwohner und Nachbarn nun in den vergangenen drei Wochen wieder etwas enger aneinandergerückt seien. Zunächst sei der Protest eine klare Abwehrhaltung gegenüber den zugewiesenen Flüchtlingen gewesen. Bis heute kritisiert die Initiative, dass die Stadt nie ernsthaft das Gespräch mit den Anwohnern gesucht habe, als die überraschendenden Pläne, in der betagten Halle aus DDR-Zeiten 59 Asylbewerber einzuquartieren. Tatsächlich war Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) bereits am Donnerstag, 1. Oktober, dem zweiten Tag des Protestes vor Ort, um mit den „besorgten Bürgern“ zu sprechen. Die Anwohner forderten von ihm etwa ein Sicherheitskonzept und klare Aussagen, wie es nun weitergehen solle. In beiden Fällen musste der OB passen. Er sagte jedoch auch klar, dass es nicht angehe, die Flüchtlinge pauschal als Kriminelle darzustellen. Auch Ortsamtsleiter Christian Wintrich war mehrfach dort und hörte sich einiges an. Es war alles dabei, ernste Sorgen, krude Vorurteile und offener Hass.

Die Initiative hat auch Vorschläge unterbreitet, an welchen anderen Orten in Übigau Flüchtlinge untergebracht werden könnten. Etwa im DRK-Ausbildungszentrum in der Klingerstraße oder in dem Gästehaus am Übigauer Schloss. Der für die Unterbringung von Asylbewerbern zuständige Projektleiter Sven Mania entgegnete, beide Standorte seien geprüft worden, aber untauglich. Das Gästehaus etwa sehe nur von außen gut aus, müsste jedoch umfangreich umgebaut werden. Feuerwehr und Bauaufsicht hätten sich das Gebäude angesehen. Mania: „Das ist eine langfristige Sache. Wir brauchen aber kurzfristige Möglichkeiten.“

Zuletzt war das Hauptargument der Initiative gegen die Unterbringung von Asylbewerbern in der Halle, es sei dort keine menschenwürdige Unterkunft möglich. Doch auch von diesen Argumenten habe sich die Stadt nicht beeindrucken lassen, sagt Tom Walthersen. (lex)