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Freitag, 18.11.2011

Überraschende Wende im Prozess gegen Drogenbande

Eigentlich wollte das Landgericht schon gestern sein Urteil fällen. Aber neue Erkenntnisse lassen den mit den Angeklagten geschlossenen Deal platzen.

Von Christoph Scharf

Sechs, sieben, acht und neun Jahre. So viel Gefängnis sollten vier Mitglieder einer Drogenbande kassieren – wenn es nach dem Deal gegangen wäre, den die Angeklagten für ihr Geständnis mit dem Landgericht ausgehandelt hatten.

Doch der steht seit gestern wieder auf der Kippe. Weil mittlerweile auch der mutmaßliche Lieferant des Quartetts bei den Behörden auspackte, tauchen im Verfahren neue Widersprüche auf. Den Angeklagten im Alter von 33 bis 37Jahren wird zur Last gelegt, 2011 kiloweise Haschisch in die Oberlausitz geschmuggelt zu haben (SZ berichtete). Demnach kauften die Männer den Stoff an einem Fitness-Treff in Spremberg, um ihn von dort mit mehreren Fahrzeugen Richtung Bautzen und Löbau zu schaffen. Dort wurde das Haschisch portioniert und an einen größeren Abnehmerkreis weiter verkauft.

Insgesamt sind 25Fälle zu je einem Kilogramm Haschisch angeklagt. Die Polizei hatte die Angeklagten monatelang observiert, ihre Telefongespräche und ihren SMS-Verkehr überwacht. Drei der vier Männer, ein Maurer, ein Dreher und ein Ungelernter, hatten die Taten freimütig eingeräumt – ohne sich an jedes Detail erinnern zu können. Ein vierter gab dagegen nur die eine Tat zu, bei der er aufgeflogen war. Dabei hatte er sich laut Anklage am Telefon gegenüber Freunden damit gebrüstet, monatlich bis zu 8.000 Euro Umsatz mit Drogengeschäften zu machen. Bei ihm kündigte das Gericht gestern bereits an, dass die Absprache über die Höchst-Haftstrafe nicht mehr gilt. Denn dafür wäre ein umfassendes Geständnis Voraussetzung – nicht nur das Einräumen von Taten, die ohnehin offenkundig sind. Aber auch bei den anderen drei Männern ist es seit gestern höchst fraglich, ob der geschlossene Deal Bestand hat. Zwar gaben diese Angeklagten sämtliche Anklagepunkte zu. Aber ihre Aussagen passen nicht so recht zu den Angaben, die ihr Lieferant B. mittlerweile bei den Behörden in Cottbus machte.

Demnach habe B. das später Richtung Bautzen weiter verkaufte Haschisch von seinem Dealer lediglich in Zehn-Kilo-Pakten beziehen können. Mit kleineren Mengen habe sich der Großhändler gar nicht abgegeben, weil sonst der Gewinn zu mager ausgefallen wäre. Nach B.s Angaben hätte die Bautzener Drogenbande aber nur 14Kilogramm von ihm abgenommen. Die Restmenge von sechs Kilo war bei einer Durchsuchung gefunden worden.

Nun schwebt der Verdacht im Raum, dass die Männer vor dem Landgericht Bautzen sogar mehr Haschisch-Handel zugeben, als sie eigentlich betrieben haben – nur um die geschlossene Absprache mit dem Gericht nicht zu gefährden. Denn die sieht auch vor, dass diverse andere gegen sie geführte Verfahren eingestellt werden. Dabei geht es nicht nur um den Handel mit Haschisch, sondern auch mit der synthetischen Droge Crystal.

Nach dem Prozesstag gestern ist gut möglich, dass der Staatsanwalt auch diese Akten wieder auf den Tisch legt. Dann muss alles wieder neu verhandelt werden – und den mehrfach vorbestraften Männern drohen am Ende sogar noch mehr Jahre hinter Gittern. Ein Urteil wird nun erst nächstes Jahr erwartet.