Donnerstag, 14.02.2013

Tschechien kämpft gegen Crystal

Die Aufputschdroge ist in der tschechischen Szene ein alter Bekannter, Tausende sind dort davon abhängig. In Deutschland herrscht Angst vor einer ähnlichen Drogenwelle.

Von Michael Heitmann, dpa

Prag. Der Suchtexperte Roman Gabrhelik kennt die ersten verhängnisvollen Schritte: Junge Menschen entdecken das Nachtleben, hören elektronische Musik und tanzen in Diskotheken. Dann preist ein Bekannter die „Wunderdroge“ Pervitin an. Der Konsument tanzt zwei Tage am Stück und bricht dann vor Erschöpfung zusammen.

„Die Abwärtsspirale nimmt ihren Lauf“, berichtet der 34 Jahre alte Psychologe der Prager Universitätsklinik. In Deutschland heißt das gefährliche Pulver modisch Crystal. In Tschechien benutzt man den alten deutschen Markennamen Pervitin. Das Aufputschmittel ist bei den östlichen Nachbarn seit Jahrzehnten auf dem Vormarsch.

„Das hat seinen Ursprung in den 1970er Jahren“, erklärt Gabrhelik. Harte Drogen aus dem Westen wie Kokain waren in der abgeschotteten Tschechoslowakei unzugänglich. Um sich einen Rausch zu verschaffen, brauten einige Außenseiter aus Medikamenten Pervitin. Im Zweiten Weltkrieg hatte die Wehrmacht den Stoff an Soldaten ausgegeben, allerdings in geringer Dosierung.

In Tschechien rechnen die Behörden mit 31.000 Abhängigen, die sich das Rauschmittel sogar intravenös als Spritze setzen. Hinzu kommen diejenigen, die es rauchen oder schnupfen. Dabei ist Pervitin keine harmlose Einstiegsdroge. „Eine solche Drogenkarriere kann tödlich enden“, warnt Suchtexperte Gabrhelik. Im Jahr 2011 starben 16 Tschechen an einer Überdosis, zehn Jahre zuvor waren es noch 5.

Seit Jahren steigt auch in Deutschland die Nachfrage nach Crystal. Aus Sachsen werden bereits tausende Konsumenten gemeldet. Auf beiden Seiten der deutsch-tschechischen Grenze beschlagnahmten Polizei und Zoll im vorigen Jahr insgesamt 82 Kilogramm Crystal. Zum Vergleich: Der Gesamtkonsum in Tschechien wird auf mindestens 4,6 Tonnen jährlich geschätzt.

„Das ist eine Gefahr für unsere jungen Leute“

Deutsche Sicherheitsbehörden sind alarmiert. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) warnte am Donnerstag bei einem Besuch in Prag, dass der körperliche Verfall bei Crystal-Konsumenten programmiert sei. „Das ist eine Gefahr für unsere jungen Leute“, sagte er. Das „Teufelszeug“ müsse verboten und verfolgt werden.

Wenn die Abhängigen in die Prager Entzugsklinik kommen, sind sie im Schnitt 27 Jahre alt. „Es dauert lange, bis die Süchtigen erkennen, dass ihnen die Droge mehr nimmt als sie gibt“, meint Gabrhelik. Viele leiden unter Abszessen und Venenproblemen, sind unterernährt, haben ein gestörtes Zeitempfinden und keine Arbeit.

Statt auf Repression setzt der Suchtexperte auf Aufklärung und Prävention. In Tschechien dürfen Apotheken die Rohstoffe für die Herstellung von Crystal - Erkältungsmittel - nur noch auf Rezept ausgeben. „Die Hauptquelle für die Grundsubstanz Pseudoephedrin sind derzeit Tabletten aus Polen“, sagt Petr Koci von der tschechischen Polizei. Innenminister Friedrich will Polen daher schon im Sommer an den deutsch-tschechischen Verhandlungstisch holen.

Deutsche Konsumenten decken sich mit Crystal oft gleich hinter der tschechischen Grenze ein. „Das Problem ist, dass diverse Asienmärkte im Grenzgebiet eine Welt für sich sind“, sagt Polizist Koci. Das erschwere die Ermittlungen. Der Kauf geringer Mengen bis zwei Gramm wird zudem bislang nicht als Straftat, sondern nur als Ordnungswidrigkeit geahndet.

Prags Innenminister Jan Kubice will die Toleranzgrenze nun deutlich senken - möglicherweise bis auf 0,5 Gramm. Er reagiert damit auch auf Druck aus Deutschland. In der Bundesrepublik liegt die Definition der „geringen Menge“ teilweise im Ermessen der Richter. „Das wird sich bei den Gerichten vereinheitlichen und harmonisieren“, sagte Innenminister Friedrich. Der Erfahrungsaustausch mit Prager Justizbehörden könne dazu beitragen. (dpa)

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