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Mittwoch, 16.12.2009

Tschechien erlaubt geringe Drogen-Mengen

Die Prager Regierung hat jetzt Obergrenzen für den Besitz von Rauschgift festgelegt. Die Regelungen bleiben liberal.

Von Hans-Jörg Schmidt, SZ-Korrespondent in Prag

Als im Sommer zwei Polizisten aus Litomerice (Leitmeritz) in einem nahe gelegenen Dorf Franta einen überraschenden Besuch abstatteten, waren sie einem anonymen Hinweis nachgegangen. Franta würde angeblich in seinem Keller sythetische Drogen herstellen, die er dann in Prag auch noch illegal verkaufe, lautete der Verdacht. Doch der Hinweis war falsch, und die Beamten zogen wieder ab.

Dass Franta in seinem Garten auch mehrere Cannabis-Pflanzen stehen hatte, übersahen die beiden Polizisten großzügig. Kein Wunder: Der Anbau solcher Drogen gilt in Tschechien noch immer als Kavaliersdelikt.

Bis jetzt war unklar, wie viele Marihuana-Pflanzen man züchten darf. Es lag allein im Ermessen der Behörden, ob sie jemanden mit einem Ordnungsgeld belegten oder den Fall der Staatsanwaltschaft übergaben. Und vor Gericht kamen die Betroffenen in der Regel glimpflich davon.

Drogen im Sozialismus

Ein „Drogenproblem“ hatte schon die vorrevolutionäre Tschechoslowakei. Dort kannte man auch Suchtkliniken für Drogenabhängige – unter den damaligen sozialistischen Staaten etwas ziemlich Einmaliges.

Mit der „Wende“ von 1989 hat sich das Problem deutlich verschärft. Jeder zweite Schüler hat Erfahrungen mit sogenannten weichen Drogen. Damit liegen die Tschechen EU-weit an der Spitze. Es gab verschiedene Anläufe, die Sache irgendwie zu regeln. Aber jeder Versuch scheiterte an einer an die Mathematik erinnernden Formel: „Wie groß ist mehr als eine kleine Menge?“ Jetzt hat sich die amtierende Beamtenregierung unter Ministerpräsident Jan Fischer an diese Rechenaufgabe gemacht. Sie fixierte Obergrenzen für den Anbau von Drogenpflanzen, Kakteen oder Pilzen, deren Extrakt drogenähnliche Wirkungen hat.

Bei fünf Cannabis-Pflanzen und ebenso vielen Kakteen wird ein Auge zugedrückt. Bei Pilzen dürfen es 40 sein. Strafbar macht sich erst der, der mehr als 15 Gramm Marihuana, ein Gramm Kokain, 1,5 Gramm Heroin oder vier Ecstasy-Pillen besitzt. Auch Rauschmittel wie Amphetamine oder Halluzinogene sind in der neuen Tabelle enthalten. Alles in allem eine sehr liberale Regelung, die sich in etwa an die derzeitige Praxis bei Gericht anlehnt, betonte Justizministerin Daniela Kovarova.

Die Tschechen verfolgten die Debatte vor der Entscheidung der Regierung relativ unaufgeregt. Niemand hatte ernsthaft erwartet, dass der Staat die liberale Praxis aufgibt und die Zügel fester anzieht. In Zeitungskommentaren hieß es, der Tscheche sei ein mündiger Bürger und müsse selbst wissen, wie er mit seiner Gesundheit und seinem Leben umgehe. Drogensucht wurde mit der Alkoholsucht auf eine Stufe gestellt. „So wie sich kaum jemand auf Arbeit sinnlos betrinken werde, wenn er nicht seinen Job riskieren wolle, werde sich auch kaum jemand hinter der Werkbank oder im Büro zukiffen“, bemerkte beispielsweise die auflagenstärkste seriöse Tageszeitung „Mlada fronta DNES“.

Auch Nachbar Franta sieht die Entscheidung der Regierung gelassen. Mit fünf Marihuana-Pflanzen komme er zwar nicht über die Runden, sagt er. „Aber meine Schwester wohnt ja auch hier im Dorf. Da pflanze ich eben in deren Garten noch fünf an.“