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Samstag, 21.05.2016

Traumjob auf dem Deich

Maik Hahn ist einer der letzten Schäfer in Sachsen. Reich wird man in diesem Job nicht. Sorgen macht aber vor allem der Wolf.

Von Peggy Zill

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Maik Hahn ist einer der Letzten seiner Art: Der Coswiger hat in diesem Jahr seinen Tierwirtschaftsmeister Schwerpunkt Schafhaltung gemacht. Es gibt es nur vier Schulen, die diese Ausbildung noch anbieten, weil sich immer weniger junge Leute für diesen Job entscheiden.
Maik Hahn ist einer der Letzten seiner Art: Der Coswiger hat in diesem Jahr seinen Tierwirtschaftsmeister Schwerpunkt Schafhaltung gemacht. Es gibt es nur vier Schulen, die diese Ausbildung noch anbieten, weil sich immer weniger junge Leute für diesen Job entscheiden.

© Anne Hübschmann

  • Maik Hahn ist einer der Letzten seiner Art: Der Coswiger hat in diesem Jahr seinen Tierwirtschaftsmeister Schwerpunkt Schafhaltung gemacht. Es gibt es nur vier Schulen, die diese Ausbildung noch anbieten, weil sich immer weniger junge Leute für diesen Job entscheiden.
    Maik Hahn ist einer der Letzten seiner Art: Der Coswiger hat in diesem Jahr seinen Tierwirtschaftsmeister Schwerpunkt Schafhaltung gemacht. Es gibt es nur vier Schulen, die diese Ausbildung noch anbieten, weil sich immer weniger junge Leute für diesen Job entscheiden.
  • Reich wird man als Schäfer nicht. Umso schlimmer ist es, wenn der Wolf die Lämmer tötet, wie es Maik Hahn im Januar passiert ist.
    Reich wird man als Schäfer nicht. Umso schlimmer ist es, wenn der Wolf die Lämmer tötet, wie es Maik Hahn im Januar passiert ist.

Coswig/Meißen. Der Schäfer, der sich den Hut ins Gesicht zieht, auf einem Grashalm knabbert und in der Sonne liegend über den Lauf der Welt sinniert – diese romantische Vorstellung entspringt dem Märchen. Die Realität sieht so aus: Maik Hahn muss die Brennnesseln auf den Elbwiesen mit der Motorsense bekämpfen, damit die Schafe sie fressen. Er sammelt Müll ein, damit die Tiere sich nicht verletzten. Sommer wie Winter ist er mit ihnen draußen. Wenn er nicht bei seiner Herde ist, sitzt er am Schreibtisch. An 365 Tagen im Jahr kümmert er sich um die Tiere. Urlaub ist da nicht drin. Und trotzdem zieht er, seit er 16 Jahre alt ist, mit Schafen übers Land und manchmal sogar durch Städte. „Wenn die Lämmer geboren werden und wachsen, das gehört zu den schönen Seiten“, sagt der 34-Jährige. Er genieße die Ruhe. Und ein bisschen romantisch ist der Arbeitsplatz an der Elbe dann doch.

Gleich unterhalb vom Schloss in Diesbar-Seußlitz ist er seit ein paar Wochen und pflegt die Elbwiesen. „Wir arbeiten, wo andere Urlaub machen.“ Bis nach Riesa und zurück treibt Hahn seine Herde bis Ende November. Der Wahl-Coswiger wäre auch gern näher an seinem Wohnort. „Aber das schaffen wir nicht.“ Seine 280 Tiere haben so schon genug zu tun.

Vor Kurzem hat Maik Hahn sein Zertifikat Tierwirtschaftsmeister Schwerpunkt Schafhaltung erhalten. Nur noch vier Schulen bieten diese Ausbildung an. „Das will kaum noch jemand machen. Es ist schlecht bezahlt und schwer Land zu bekommen“, erklärt der gebürtige Brandenburger, der in Zukunft Nachwuchs ausbilden möchte. Dass neue Betriebe öffnen, komme nur noch selten vor. Die Bedingungen für die Selbstständigkeit seien schwer. Vor einem Jahr wagte Hahn diesen Schritt. Mit 50 Schafen. „Da waren wir noch naiv und voller Tatendrang“, lacht Hahn. Kurz danach dachte er schon wieder ans Aufgeben. Die beantragte Agrarförderung wurde abgelehnt. Begründung: Die Elbwiesen seien keine landwirtschaftliche Nutzfläche und verwildert. Es bestehe kein öffentliches Interesse an der Pflege. Bis zu 1,60 Meter hoch stehen die Brennnesseln an der Elbe. Und dass die verschwinden, dafür werden Hahn und seine vierbeinigen Rasenmäher nun doch bezahlt – von den Besitzern der Wiesen. Denn die Deichpflege ist auch Hochwasserschutz. Deshalb habe der Nünchritzer Bürgermeister lange darum gekämpft, dass ein Schäfer auf die Wiesen kommt. Reich wird Hahn damit nicht. „Aber zufrieden“, sagt Sabine Hahn, seine Frau. Beide können von der Schäferei nicht leben. Deshalb arbeitet die 30-Jährige noch im Supermarkt.

Für finanzielle Sorgen und Bürokratie sorgt zusätzlich der Wolf. 90 Zentimeter hohe Wolfsnetze hat sich Hahn gekauft. Dafür sollte es eigentlich Fördermittel vom Freistaat geben. Nur bisher ist nichts angekommen. Und auf die Entschädigung für die im Januar gerissenen Lämmer wartet Maik Hahn auch noch. Es passierte auf der Winterweide bei Senftenberg. Am Neujahrsmorgen lagen 13 tote Lämmer auf der Wiese. „Ein grausamer Anblick“, so Hahn. Das Geld vom Freistaat ersetze den entstandenen Schaden nicht. Auch wenn immer verbreitet wird, dass die Schäfer sich keine Sorgen machen müssen, weil es Entschädigungen gibt. Dass die Wölfe so gehegt und gepflegt werden, versteht der 34-Jährige nicht. „Wir schützen ein Tier, das nicht vom Aussterben bedroht ist.“

Überspitzt gesagt: Man könne eine Oma totfahren und würde nicht so hart bestraft werden, wie ein Jäger, der einen Wolf erschießt. Weil der Wolf unterdessen schon überall sei, sorgt sich Hahn auch um die Herde an der Elbe. Hier hätte es der Wolf auch gar nicht schwer. Zum Fluss hin steht kein Zaun, weil die Schafe Wasser brauchen. Selbst wenn. Die 90 Zentimeter sind kein Hindernis für den Wolf.

„Ein Schäfer sollte eigentlich von seinen Lämmern leben können. Das geht schon lange nicht mehr“, so Maik Hahn. Immerhin sind die Lammpreise wieder etwas gestiegen. Aber viel billiges Fleisch wird noch immer importiert. Einen Abnehmer für die Wolle hat der Schäfer zwar, aber auch den zu finden, war schwer. Denn die Wolle zählt zu Gefahrgütern, muss deshalb speziell transportiert werden. Noch brauchen Hahns die Lämmer als Fresser. Irgendwann wollen sie sie gern regional vermarkten. „Man muss sich so aufstellen, dass man nicht von Fördermitteln abhängig ist“, sagt Sabine Hahn. Langsam würden die Bemühungen des ersten Jahres fruchten.

Und noch eine Geschäftsidee schwirrt ihnen im Kopf rum: Gestresste Manager zum Schafehüten einladen. Man höre oft von Leuten, die nach einem Burnout zum Schäfer werden. „Das soll nicht heißen, dass das ein ruhiger Job ist, aber es ist ein anderer Stress. Man ist größtenteils frei hier draußen.“