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Montag, 02.10.2017

Todesmutig in die Flugplatzkurve

Ein Riesaer zwingt ein Polizeiauto zur Vollbremsung – und wird nun härter bestraft, weil er sich uneinsichtig zeigt.

Von Manfred Müller

Langgezogen und nicht gerade einfach einzusehen: In dieser Kurve auf der Großenhainer B-98-Ortsumgehung versuchte ein Riesaer dennoch zu überholen. Das brachte ihn vors Strafgericht.
Langgezogen und nicht gerade einfach einzusehen: In dieser Kurve auf der Großenhainer B-98-Ortsumgehung versuchte ein Riesaer dennoch zu überholen. Das brachte ihn vors Strafgericht.

© Kristin Richter

Großenhain/Riesa. Es ist wahrscheinlich die schlechtmöglichste Option für einen Verkehrssünder, ausgerechnet ein Polizeiauto in einen Unfall zu verwickeln. Ganz so weit kam es im Juni dieses Jahres auf der Bundesstraße 98 bei Großenhain zwar nicht. Aber der Vorfall reichte aus, um einen Riesaer auf die Anklagebank des Amtsgerichts in seiner Heimatstadt zu bringen. Was war passiert?

Der 51-Jährige kam mit seinem Mercedes aus Richtung Quersa und wollte in Höhe des Flugplatzes einen Renault überholen. Allerdings biegt sich die B 98 vor der Flugplatz-Einfahrt nach rechts, und man kann den Gegenverkehr nicht einsehen. Der Mercedes-Pilot – nennen wir ihn Johann – überholte trotzdem. In der Kurvenmitte sah er sich plötzlich einem Streifenwagen der Polizei gegenüber, der aus Richtung Großenhain kam. Dessen Fahrer musste eine Vollbremsung hinlegen, um einen Frontalzusammenstoß zu verhindern. Auch der überholte Renault bremste ab und wich, soweit es ging, nach rechts aus. Nur durch diese besonnenen Reaktionen hatte der Mercedes Platz, zwischen den beiden Fahrzeugen hindurch zu rutschen.

Nun muss sich Johann vor Gericht wegen fahrlässiger Gefährdung des Straßenverkehrs verantworten. Wobei: Auf der Anklagebank müsste er eigentlich nicht sitzen, hätte er nur den Strafbefehl der Staatsanwaltschaft akzeptiert. Der sah ein Vierteljahr Führerscheinentzug und eine Geldbuße von weniger als 1000 Euro vor. Das aber wollte der Riesaer nicht akzeptieren. Er hatte sich eine Geschichte ausgedacht, mit der er offenbar straffrei davonkommen wollte. Und die lautet so: Er habe den Renault schon ungefähr einen Kilometer vor der Kurve überholen wollen. Aber jedes Mal, wenn er mit dem Fahrzeug gleichauf war, habe dessen Fahrer wieder beschleunigt, so dass er den Überholvorgang abbrechen musste. So sei er quasi unabsichtlich bis in den Kurvenbereich gekommen.

Im Übrigen sei er ja nicht allein im Auto gewesen – es gebe Zeugen, die das alles bestätigen könnten. Aber zuerst tritt der Renaultfahrer in den Zeugenstand, und der gibt an, nichts von wiederholten Überholversuchen bemerkt zu haben. Er habe den Mercedes erst in der Kurve bemerkt – bei einem Blick in den Rückspiegel. Da sei er etwa 90 Kilometer pro Stunde gefahren – wohl wissend, dass vor der Flugplatzeinfahrt die Geschwindigkeit auf Tempo 70 verringert werden muss. Auch die vermeintlichen Entlastungszeugen können Johanns Version nicht bestätigen.

Entlastungszeugen helfen nicht

Seine Lebensgefährtin gibt an, auf dem Rücksitz in ein Gespräch vertieft gewesen zu sein und von der Vorgeschichte des Überholvorgangs nichts mitbekommen zu haben. Und selbst der Beifahrer erinnert sich nicht daran, dass der vorausfahrende Renault immer wieder beschleunigt hätte. Schlechte Karten also für den Risiko-Piloten. Der hatte sich im Vorfeld der Verhandlung auch noch darüber beschwert, dass die Polizisten sofort nach dem Beinahe-Zusammenstoß seinen Führerschein einzogen. Und das zu Recht, denn die Situation war immens gefährlich. Sie habe vor Schreck zunächst gar nicht aus dem Auto steigen können, sagt die Polizistin, die auf dem Beifahrersitz saß. Ihr Kollege am Steuer gibt an, beim Bremsen deutlich das Ruckeln des Antiblockiersystems gespürt zu haben. Er sei überdies nach rechts ausgewichen, aber da setzten die Leitplanken der Bundesstraße Grenzen. Ein paar Sekundenbruchteile später reagiert, und es wäre nichts mehr zu retten gewesen.

Richter Herbert Zapf stellt allen Beteiligten detaillierte Fragen zum Hergang des Beinahe-Unfalls und kommt zu dem Schluss, dass Johanns Geschichte nicht stimmen kann. Und selbst wenn das Unwahrscheinliche wirklich passiert sein sollte: Ein rücksichtsloser Vorausfahrer berechtigt niemanden dazu, selbst rücksichtslos zu fahren. Deshalb wird Johann seinen Führerschein für insgesamt sechs Monate los. Die Geldstrafe hingegen setzt das Gericht angesichts der Tatsache, dass der Riesaer Hartz-IV-Empfänger ist, etwas herunter. Die Kosten des Verfahrens muss er dennoch tragen. Hätte sich Johann im Vorfeld etwas einsichtiger gezeigt, wäre er insgesamt billiger aus der Sache herausgekommen.