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Freitag, 11.03.2016

Tief unterm Neumarkt

Wo einst italienische Kaufleute residierten, graben jetzt Archäologen. Sie finden sogar Spuren aus dem Hochmittelalter.

René Fiedler bearbeitet behutsam die Funde am Neumarkt. Obwohl er den ganzen Tag auf Knien hockt, merkt er die Anstrengung erst hinterher. Zu sehr freut Fiedler sich über einen alten Brunnen, Krüge, Flaschen und sogar einen Würfel sowie eine Murmel.
René Fiedler bearbeitet behutsam die Funde am Neumarkt. Obwohl er den ganzen Tag auf Knien hockt, merkt er die Anstrengung erst hinterher. Zu sehr freut Fiedler sich über einen alten Brunnen, Krüge, Flaschen und sogar einen Würfel sowie eine Murmel.

© Sven Ellger

Dresden. Susanne Schöne steigt hinab ins 16. Jahrhundert. Dort geht René Fiedler auf die Knie. Jeden Tag, von früh bis zum Nachmittag. Der Mitarbeiter des sächsischen Landesamtes für Archäologie gräbt sich am Neumarkt in der Grube neben dem Kulturpalast durch längst vergangene Zeiten. Erst mit größerem Gerät, dann mit Schaufelchen, zuletzt mit einer Bürste. Findet er etwas, was kein Schmutz ist, hebt er es auf.

Die Funde vom Dresdner Neumarkt

Vor ihm liegen auf einem Stein mehrere Knochen und Scherben. Der 51-Jährige ist gelernter Tiefbauer, war lange als Fernfahrer unterwegs und macht jetzt sein Hobby zum bezahlten Job. Die Grabungen seien spannend und aufregend, aber auch anstrengend. „Die Schmerzen merke ich erst am Feierabend.“ Allerdings sind die vergessen, wenn Fiedler von seinen besonderen Funden erzählt, wie dem Würfel aus dem 16. oder 17. Jahrhundert – aus Horn oder Knochen. Gut erhalten, was selten vorkommt, wie Susanne Schöne erzählt.

Die 40-Jährige ist die Leiterin des fünfköpfigen Grabungsteams. Seit Mitte Januar untersuchen die Archäologen die Fläche an der Frauenstraße. Dort, wo ein Haus von der italienischen Kaufmannsfamilie Chiaponni gebaut worden war – nach dem preußischen Beschuss Dresdens im Jahr 1760 während des Siebenjährigen Krieges. Auf Mauern, die noch viel betagter waren. „Die langen Gewölbekeller kann man gut ins 16. Jahrhundert datieren“, sagt Schöne. Doch es finden sich weitaus mehr Spuren aus längst vergessenen Jahrhunderten.

Die ältesten reichen gar bis ins Hochmittelalter. Zumindest deuten Abdrücke von Flechtwerk auf verbrannten Lehmstücken darauf hin, dass hier um die Zeit der Ersterwähnung von Dresden zu Beginn des 13. Jahrhunderts bereits ein Holzhaus stand. Neben drei Latrinen, die zunächst als Abort und später als Abfallgrube genutzt wurden, sind auch zwei Brunnen freigelegt. Sie befinden sich fast nebeneinander. Und doch wusste niemand von der Existenz des einen aus dem 14. Jahrhundert, als um 1700 der neuere angelegt wurde, erklärt Schöne. Weil der ältere zugeschüttet war. Heute erkennen die Beobachter die Unterschiede sehr gut. Während einer aus unbehauenen, aufeinander gestapelten Steinen besteht, hat der andere eine gut verarbeitete Fassung aus Formsteinen.

Jede Schicht, jeder Fund wird von den Spezialisten im Detail fotografiert, mit 3-D-Technik vermessen und schriftlich dokumentiert. Am Ende der Grabungen entscheidet das Landesamt, ob Mauerreste oder Ähnliches in den geplanten Neubau einzubeziehen sind. „Hier ist das nicht der Fall“, sagt Abteilungsleiter Thomas Westphalen jetzt schon. Der Investor, Unser Schönes Dresden (USD), kann also im April starten. Die gerade freigelegten Kellergewölbe sind einfach zu instabil, um sie als tragende Mauern zu integrieren. Schuld ist vor allem der Brand nach den Luftangriffen im Februar 1945. Dabei herrschten Temperaturen von bis zu 800 Grad Celsius. Der helle Sandstein wurde mürbe und verfärbte sich in einen dunklen Rot-Ton.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde das Areal zugeschüttet. Denkmalschützer hatten zwar Interesse daran, nicht aber die DDR-Staatsführung. Wie anders ist es zu erklären, dass in den 1970er-Jahren ein Wärmekanal quer durch die rund 200 Quadratmeter große Fläche gezogen wurde? Die dicken Rohre lugen immer noch aus den Rändern der Baugrube.

Zurzeit sind die Dimensionen der alten Gemäuer von außen gut zu erkennen. Nur an der Westseite ist es schwierig, denn das Chiapponische Haus reichte bis an einen alten Straßenverlauf, auf dem heute der Kulturpalast steht. Bei der Rekonstruktion muss USD also eine „Kunstkante“ für den Neubau schaffen.

Vorher wird bis Ende März weitergegraben. Noch könnten sich beispielsweise in den Brunnenschächten archäologische Schätze verbergen. Wie die Murmeln, die Zahnbürsten aus Knochen, die kleine Figur, bei der nicht klar ist, ob sie einst zum Spielen oder für die Andacht gefertigt wurde, oder die Münzen, die Keramikkrüge und die Glasflasche mit dem Monogramm „A.R.“ – für „Augustus Rex“, also König August. Was einen gewissen Wert hat, sei es aus rein historischer Sicht, wird in die Depots des Amtes nach Klotzsche geschafft.