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Sonntag, 29.11.2015

Teil 9: Verengte Herzkranzgefäße

Fett- und Kalkablagerungen können zum Tode führen. Ärzte haben verschiedene Möglichkeiten für die Diagnostik – der Katheter sollte immer die letzte sein.

Von Steffen Klameth

Die Tabelle

© Illustration: dpa PA/Science Photo/Sebastian Kaulitzki

Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind hierzulande mit Abstand die häufigste Todesursache – und darunter rangiert die Koronare Herzkrankheit an erster Stelle. Rund 130 000 Menschen starben im Jahr 2012 an einer Durchblutungsstörung im Herzen. „Viele Fälle könnten durch einen gesünderen Lebensstil vermieden werden“, sagt Professor Stefan Spitzer. Der Kardiologe und Sportmediziner ist Geschäftsführender Gesellschafter der Praxisklinik Herz und Gefäße in Dresden. Die Einrichtung mit mehr als 180 Mitarbeitern behandelt jährlich rund 45 000 Patienten an drei Standorten in Sachsen und Brandenburg, darunter etwa 3 200 mit dem Linksherzkatheter auf ambulanter und selektiver Basis. Für unsere Leser erklärt Prof. Spitzer, was man über die Koronare Herzkrankheit wissen muss und wie sie behandelt wird.

Warum ist die Koronare Herzkrankheit so gefährlich?

Der Herzmuskel wird von Arterien mit sauerstoffreichem Blut versorgt, die das Herz wie ein Kranz umschließen – daher der medizinische Name Koronargefäße. Jeder Mensch hat ein linkes und ein rechtes Herzkranzgefäß, wobei sich das linke noch einmal in zwei große Äste teilt. Fett- und Kalkablagerungen an der Innenwand des Gefäßes können zu einer Verengung führen. „Diese Stenose sorgt dafür, dass das Herz nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird“, erläutert Stefan Spitzer. Die Folge: Bei körperlicher oder psychischer Anstrengung, aber auch bei Kälte oder nach dem Genuss fettiger Speisen spürt der Betroffene Luftnot und ein Engegefühl in der Brust (Angina pectoris). Die Schmerzen können in andere Körperteile ausstrahlen. Im späteren Stadium treten die Schmerzen auch im Ruhezustand auf. Nicht selten kommt es in der Folge zu einem Herzinfarkt oder zu einer Herzschwäche – oder zum Tod.

Welche Menschen sind besonders gefährdet?

Es gibt vier große Risikofaktoren: Bluthochdruck, Nikotin, Cholesterin und Diabetes. Die Deutsche Herzstiftung verweist darauf, dass „Patienten mit Herzinfarkten zum Zeitpunkt des klinischen Ereignisses in nahezu zwei Drittel einen Diabetes mellitus oder zumindest eine gestörte Glukosetoleranz aufweisen.“ Der Umkehrschluss: Wüssten diese Patienten von dem Zusammenhang, und würden sie auf Rauchen und ungesundes Essen verzichten, wären viele schwere Verläufe vermeidbar.

Daneben gibt es aber Risikofaktoren, die nicht beeinflussbar sind: genetische Veranlagung, Alter und Geschlecht. Männer erkranken häufiger an verengten Herzkranzgefäßen, erst nach dem 75. Lebensjahr gleicht sich dieser Unterschied aus.

Wie wird die Erkrankung diagnostiziert und behandelt?

Sofern es sich nicht um einen Notfall handelt, ist der Hausarzt der erste Ansprechpartner. Er nimmt eine körperliche Untersuchung vor, kann mit Blutanalysen Risikofaktoren bestimmen und mittels Elektrokardiogramm (EKG) Durchblutungsstörungen im Herzen erkennen. Häufig folgt noch ein Belastungs-EKG. Per Ultraschall (Echokardiografie) kann der Kardiologe beispielsweise erkennen, ob sich der Herzmuskel an einer bestimmten Stelle nicht mehr ausreichend bewegt.

Die Tabelle

In unserer PDF-Tabelle erfahren Sie detailliert, wie zufrieden sächsische Patienten mit Herzkatheter-OPs sind. Hier finden Sie die Tabelle.

Erhärtet sich der Verdacht einer Koronaren Herzkrankheit, wird der Patient zu weiteren Spezialisten für zusätzliche Untersuchungen überwiesen. Stefan Spitzer: „Je nach Befundkonstellation veranlassen wir zunächst eine Myokardszintigrafie, die die Durchblutungsverteilung misst, oder eine Computertomografie.“ Erst wenn diese Untersuchungen Auffälligkeiten ans Licht bringen oder eine sehr hohe Vortestwahrscheinlichkeit für eine Koronare Herzkrankheit bestehe, sollte dem Patienten eine Herzkatheteruntersuchung vorgeschlagen werden – so fordern es die Leitlinien von den Kardiologen.

Welche Vorteile hat eine Katheteruntersuchung?

Sie gilt nach wie vor als beste Möglichkeit, Einengungen oder Verschlüsse in den Herzkranzgefäßen nachzuweisen. Im Gegensatz zu allen anderen Methoden ermöglicht sie zugleich eine Behandlung, indem die Engstelle mit einem Ballon gedehnt und in der Regel noch ein sogenannter Stent eingesetzt wird. Allerdings birgt die Katheteruntersuchung auch mehr Risiken.

Welche Komplikationen können bei der Untersuchung auftreten?

Nach den Worten von Prof. Spitzer kommt es in weniger als einem Prozent aller Fälle zu schweren unerwünschten Ereignissen. Vergleichsweise häufig sind kleine Nachblutungen an der Punktionsstelle. In weniger als einem Prozent kommt es zu einer schweren Verletzung der Arterien. Das Kontrastmittel kann allergische Reaktionen auslösen. Auch die Verletzung der Herzkranzgefäße, etwa bei der Ballondehnung, könne nie ganz ausgeschlossen werden.

Wann erfolgt der Eingriff ambulant?

Die Herzkatheteruntersuchung ist ein etablierter ambulanter Eingriff. Nur bei Hochrisikopatienten ist eine anschließende stationäre Nachbetreuung erforderlich. „Ein frischer Herzinfarkt kann tödliche Rhythmusstörungen nach sich ziehen, deshalb muss der Patient mindestens 48 Stunden unter intensiver Kontrolle bleiben“, erläutert der Kardiologe. Auch schwere und komplexe Begleiterkrankungen sprechen für eine stationäre Untersuchung. Dagegen können beispielsweise Dialysepatienten durchaus auch ambulant versorgt werden.

Wie geht es nach dem Eingriff weiter?

Die Einstichstelle wird nach dem Eingriff mit einem festen Druckverband versorgt. Nach einer einfachen Untersuchung kann der Patient die Praxis nach sechs bis sieben Stunden wieder verlassen; wurde eine PTCA mit Stentimplantation durchgeführt, muss er mindestens zwölf Stunden beobachtet werden und kann am Folgetag heim. Schwere Belastungen sind an den Folgetagen zu vermeiden. Die weitere Betreuung erfolgt in der Regel beim Hausarzt. Wer einen Stent erhalten hat, wird nach sechs bis zwölf Monaten zu einer Nachuntersuchung bei seinem Kardiologen bestellt. Ist die Engstelle im Herzen beseitigt, gehe es den Patienten häufig „wieder richtig gut“, betont Prof. Spitzer. Allerdings müssen sie lebenslang Medikamente einnehmen, denn: „Die Koronare Herzkrankheit ist eine chronische Erkrankung und nicht heilbar.“ Es könne immer wieder zu Ablagerungen in den Herzkranzgefäßen kommen, auch an der behandelten Stelle.

Was kostet der Eingriff ambulant und stationär?

Für die Katheteruntersuchung eines Patienten darf eine Praxis rund 510 Euro abrechnen, ein Krankenhaus erhält etwa das Doppelte. Bei gleichzeitiger PTCA-Behandlung erhöhen sich die Summen je nach Schwere auf etwa 1900 Euro (Praxis) bzw. 2 500 bis 7 900 Euro (Krankenhaus).