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Sonntag, 15.11.2015

Teil 5: Diagnose Grauer Star

Die meisten Katarakt-OPs werden heute ambulant durchgeführt. Patienten können danach wieder gut sehen – ohne OP kann es bis zur Erblindung kommen.

Von Steffen Klameth

Die Tabelle

© Mauritius Images

Die Seerosen hatten es Claude Monet angetan. Er malte sie wieder und wieder, und wer die Bilder heute vergleicht, stellt fest: Die Konturen schwinden, die Farben verblassen. Kunstexperten mögen dafür viele wichtige Gründe anführen, keiner ist für den Dresdner Augenarzt Privatdozent Dr. Helmut Sachs indes so plausibel wie Monets Erkrankung: „Der Maler litt unter beidseitigem Grauen Star.“ Betroffene sehen ihre Umwelt wie durch einen Nebel, Kontraste verschwimmen, Farben verlieren ihre Leuchtkraft. Zweimal unterzog sich Monet einer Operation, ehe sich sein Zustand wieder besserte. Heute ist die Katarakt-OP – so der Fachbegriff – ein Routineeingriff, der überwiegend ambulant durchgeführt wird – nicht nur von niedergelassenen Ärzten, sondern auch in einer Reihe von Krankenhäusern, darunter im Städtischen Klinikum Dresden-Friedrichstadt. Hier ist Dr. Helmut Sachs Chefarzt der Augenklinik. Für unsere Leser erklärt er Ursachen und Behandlung des Grauen Stars.

Wie entsteht der Graue Star?

Bei einem gesunden Menschen sorgt die Augenlinse dafür, dass er alles scharf sehen kann. „Mit den Jahren altert die Linse, das Gewebe wird dichter und härter“, erläutert Dr. Sachs. Die Folge: Die Linse trübt sich ein. Außerdem wird sie zunehmend brauner und gelber. Diese Veränderung bietet der Netzhaut auch einen gewissen natürlichen Schutz vor kurzwelligem (blauem) Licht mit hoher Energie, das die Makula schädigen kann.

Früher ging man davon aus, dass die Trübung von einer Substanz, die hinter der Pupille herabfließt, verursacht wird. So ist der Fachbegriff Katarakt entstanden. Er kommt aus dem Griechischen und bedeutet Wasserfall bzw. Stromschnelle.

Wer ist von der Erkrankung besonders betroffen?

Die Trübung der Linse ist ein permanenter Prozess – „und sie bleibt niemandem erspart“, betont Helmut Sachs. Menschen nehmen die Auswirkungen allerdings unterschiedlich stark wahr. Nach Angaben der Techniker Krankenkasse hat von den 52- bis 64-Jährigen etwa jeder Zweite einen Grauen Star, ohne davon etwas zu bemerken. Bei den 65- bis 75-Jährigen sollen über 90 Prozent betroffen sein. Ab dem 75. Lebensjahr nimmt die Hälfte auch Beeinträchtigungen wahr. Mitunter kommen Kinder damit bereits zur Welt, was auf andere Grunderkrankungen hinweist. Deshalb gehört die Kontrolle der Augenlinsen zum Umfang der zweiten kinderärztlichen Untersuchung (U2)

Wie stellen Ärzte die Diagnose Grauer Star?

Häufig wird die Erkrankung zufällig bei Routineuntersuchungen entdeckt, meistens bemerken aber die Betroffenen zuerst Anzeichen von eingeschränktem Sehvermögen. Der Satz „Ich sehe alles wie durch einen Nebel“ sei ein deutliches Indiz für den Grauen Star, sagt der Chefarzt. Im fortgeschrittenen Stadium können Ärzte die Trübung mit bloßem Auge erkennen.

Die Tabelle

In unserer PDF-Tabelle erfahren Sie detailliert, wie zufrieden sächsische Patienten mit Katarakt-OPs sind. Hier finden Sie die Tabelle.

Für eine zweifelsfreie Diagnose nutzt der Augenarzt eine Spaltlampe. Mithilfe dieses speziellen Mikroskops kann er die Trübung erkennen und ihren Schweregrad beurteilen.

Wie wird der Graue Star behandelt?

Die einzige Möglichkeit, die Krankheit wirksam zu behandeln, ist eine Operation. Dabei wird die trübe Linse entfernt und durch eine Linse aus Kunststoff ersetzt. „Wann der Star operiert werden muss, entscheidet aber fast immer der Patient selbst“, betont Helmut Sachs. Früher war es für Betroffene ein entscheidendes Kriterium, dass sie die Zeitung nicht mehr lesen konnten – in diesem Zustand ist das Sehvermögen etwa auf die Hälfte geschrumpft. Heute würden sich Betroffene meist deutlich früher für eine OP entscheiden. Autofahrer Wer oft in der Dunkelheit mit dem Auto unterwegs ist, leidet beispielsweise unter dem verstärkten Blendeffekt. Wichtig: Unbehandelt führt die Katarakt zur weiteren Verschlechterung des Sehvermögens bis hin zur Erblindung. Aus diesem Grund gibt es in Entwicklungsländern deutlich mehr blinde Menschen. „Medikamente können die Trübung weder beseitigen noch stoppen“, betont der Mediziner.

Welche Risiken bestehen bei einer Katarakt-OP?

Die Katarakt-OP ist nach Einschätzung von Dr. Sachs einer der sichersten Eingriffe überhaupt und wird überwiegend ambulant durchgeführt. Komplikationen wie Entzündungen und Wundheilungsstörungen seien möglich, aber sehr selten. „Ein Restrisiko bleibt immer“, sagt der Arzt. Im Normalfall komme es bei etwa 0,5 Prozent aller Eingriffe es zu einer Verletzung der Linsenkapsel, bei schwieriger Ausgangssituation steige die Wahrscheinlichkeit auf zwei bis drei Prozent. Wenn es durch den Riss der Kapsel zu Problemen mit dem Glaskörper (die gelartige Substanz, die das Auge ausfüllt) kommt, seien langfristig Netzhautprobleme möglich. Unabhängig davon leiden nach der OP manche Patienten unter einer Schwellung der Netzhaut, was eine medikamentöse Nachbehandlung erforderlich mache. In Sachsen erhalten Augenärzte von den Kassen für die längerfristige Beobachtung eine erhöhte Nachsorgepauschale.

Wie geht es nach der Operation weiter?

Die Patienten werden am Folgetag zu einer Nachuntersuchung bestellt; bis dahin können sie einen Augenverband tragen. Meist müssen für eine gewisse Zeit Augentropfen genommen werden, und es schließen sich weitere Nachuntersuchungen an. Relativ schnell, manchmal sogar schon am Folgetag, kann man wieder normal sehen – „in der Regel besser als vorher“, sagt Dr. Sachs. Denn dank des Eingriffs nehmen die Patienten ihre Umwelt nicht nur kontrastreicher wahr, sondern auch schärfer. Eine Brille wird – zumindest für den Fernbereich – meist überflüssig. Im Nahbereich braucht man eine Lesebrille.

Was kostet die Katarakt-OP? Übernimmt die Kasse alle Kosten?

Nach Auskunft der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen erhalten die Praxen für den ambulanten Eingriff je nach Aufwand 343,60 bzw. 505,80 Euro. Hinzu kommen die Kosten für die Linsen. Gesetzliche Krankenkassen übernehmen die Kosten für die OP und eine Monofokallinse. Für Nachuntersuchungen muss der Patient einen Teil der Kosten selbst zahlen.

Häufig bieten Augenärzte noch Zusatzleistungen (IGeL) ein, für die die Patienten selbst aufkommen müssen. Dazu gehören die Bestimmung der Kunstlinsenstärke mithilfe der Optischen Biometrie (50 bis 70 Euro) und höherwertige Linsen, die beispielsweise sowohl Weit- als auch Kurzsichtigkeit ausgleichen, nicht aber den Zwischenbereich (Multifokallinse/etwa 2 000 Euro pro Auge).

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