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Mittwoch, 11.11.2015

Teil 4: Überleben mit Herzschrittmacher

Ein Schrittmacher kann heute schon ambulant eingesetzt werden. Davon profitieren vor allem ältere Patienten.

Von Stephanie Wesely

Die Tabelle

© Illustration: Picture alliance/Science photo

Sachsen hat in Deutschland die höchste Sterberate an Herzerkrankungen, besagt der aktuelle Herzbericht von 2014. Das hohe Durchschnittsalter der Bevölkerung und zu wenige Einrichtungen für Herznotfälle werden als Gründe dafür genannt. Die häufigste Erkrankung am Herzen sind Herzrhythmusstörungen.

Große Erfahrung mit ihrer Behandlung hat die Kardiologische Gemeinschaftspraxis der vier Chemnitzer Herzspezialisten Dr. Gert Kaltofen, Dr. Michael Schubert, Dr. Ulrike Gerner und Dr. René Jurowsky. Nach eigenen Angaben haben sie im vorigen Jahr fast 300 Herzschrittmacher implantiert. Und das alles ambulant. Gert Kaltofen erklärt, wie das geht und worauf es ankommt.

Können Herzschrittmacher generell ambulant eingesetzt werden?

„Prinzipiell kommen für die ambulante OP alle Patienten in Betracht“, sagt Dr. Gert Kaltofen. Ausnahmen sind Menschen mit schweren Begleiterkrankungen, die eine spezielle Nachbehandlung brauchen. Sie müssen ins Krankenhaus. Zu diesen Krankheiten gehören schwere Gerinnungsstörungen, schwere Nierenfunktionsstörungen sowie schwere neurologisch-psychiatrische Erkrankungen. Auch nach einer Herzklappenoperation sollten Rhythmusstörungen stationär behandelt werden.

Und warum werden trotzdem so viele ins Krankenhaus eingewiesen?

„Das ist meist eine Organisationsfrage“, sagt Dr. Michael Döring, Kardiologe am Herzzentrum Leipzig. Im Herzzentrum Leipzig werden die meisten Schrittmacher stationär eingesetzt. „Da nach der Implantation viele Nachuntersuchungen erforderlich sind wie zum Beispiel Röntgen, Herzultraschall, Abfrage und Programmierung, lässt sich das im Krankenhaus besser machen.“ Auch die Abrechnung mit den Krankenkassen sei stationär einfacher. Von der Schwere des Eingriffs her spreche aber vieles für eine ambulante Implantation.

Ist die Herzschrittmacher-OP eine Kassenleistung?

Ja. Sowohl Neu-Implantation als auch Aggregatwechsel werden von der Kasse übernommen.

Welche Herzrhythmusstörungen kommen am häufigsten vor?

Das Vorhofflimmern ist mit rund 800 000 Betroffenen in Deutschland am weitesten verbreitet, gefolgt von einem zu langsamen Herzschlag bei rund einer viertel Million Patienten.

Sind Herzrhythmusstörungen gefährlich?

„Das kommt auf die Ausprägung an“, sagt Kaltofen. „Ein Vorhofflimmern kann eine lebensbedrohliche Situation darstellen.“ Bei einem zu langsamen Herzschlag kann Bewusstlosigkeit eintreten, was auch Lebensgefahr bedeutet.

Die Tabelle

In unserer PDF-Tabelle erfahren Sie detailliert, wie zufrieden sächsische Patienten mit Herzschrittmacher-OPs sind. Hier finden Sie die Tabelle.

Welche Ursachen haben Herzrhythmusstörungen?

Die Störungen sind meist altersbedingt. Das natürliche Schrittmachersystem des Herzens (Sinusknoten) kann im Laufe des Lebens Funktionsstörungen aufweisen. Weitere Ursachen sind schwerwiegende Durchblutungsstörungen des Herzens, entzündliche Erkrankungen des Herzens sowie Stoffwechselerkrankungen. In sehr seltenen Fällen können Herzrhythmusstörungen auch angeboren sein.

Kann man dem Vorhofflimmern durch gesunde Lebensweise vorbeugen?

Prinzipiell ist eine gesunde Lebensweise für die Funktionsfähigkeit des Herzens förderlich. Es gibt jedoch auch Abnutzungserscheinungen des Reizbildungs- und Reizleitungssystems am Herzen, welche völlig unabhängig vom Lebensstil des Patienten auftreten können.

Bei welchen Rhythmusstörungen helfen Schrittmacher?

Herzschrittmacher kommen zum Einsatz, wenn das körpereigene Reizbildungszentrum oder die körpereigenen Herzleitungsbahnen erkrankt oder gestört sind.

Patienten mit Vorhofflimmern aufgrund eines zu langsamen Herzschlags bekommen Einkammerschrittmacher mit einer Elektrode in der rechten Herzkammer. Patienten mit Erkrankungen der Rhythmusgeber (Sinusknotens oder AV-Knoten) werden mit Zweikammerschrittmachern behandelt, bei denen eine Elektrode im rechten Vorhof und eine in der rechten Herzkammer platziert wird. Für für Patienten mit eingeschränkter Pumpfunktion gibt es Dreikammerschrittmacher mit einer Elektrode im rechten Vorhof, einer Elektrode in der rechten Herzkammer und einer Elektrode in einer Vene der linken Herzkammer.

Gibt es Altersbegrenzungen für eine ambulante Implantation?

Nein, ältere Patienten profitieren sogar in besonderem Maße davon, nur für wenige Stunden aus ihrem gewohnten Umfeld herausgenommen zu werden. Eine längere stationäre Behandlung führt bei Älteren oft zu erheblichen Komplikationen und Befindlichkeitsstörungen.

Wie erfolgt die Narkose, und gibt es Risiken?

„Die Narkose bei der Herzschrittmacherimplantation erfolgt generell als örtliche Betäubung“, sagt Dr. Kaltofen. Das heißt, es werden schmerzausschaltende Medikammente in den OP-Bereich gespritzt, der Patient braucht keine Beatmung und Allgemeinnarkose. Damit ist er während der OP in der Lage, mit dem Operateur zu sprechen und Befindlichkeitsstörungen mitzuteilen.

Wie lange bleibt der Patient in der Klinik?

„Muss ein Schrittmachersystem wegen des Ablaufs der Batterieleistung gewechselt werden, bleibt der Patient in der Regel zwei Stunden in der Klinik“, sagt der Chemnitzer Kardiologe. Patienten, die erstmals einen Schrittmacher bekommen, werden sechs bis acht Stunden nachbeobachtet. Da eine oder zwei Elektroden im Herzen platziert werden müssen, ist diese Vorsichtsmaßnahme nötig, um eventuell auftretende Komplikationen zu erfassen.

Was sollten Patienten zu Hause beachten?

Mit jedem Patienten wird vor der Entlassung ein Gespräch geführt, bei dem er über das richtige Verhalten nach dem Eingriff aufgeklärt wird. Gleichzeitig werden mögliche, wenn auch seltene Komplikationen besprochen, zum Beispiel Nachblutungen im OP-Gebiet. Jeder Patient bekommt eine Anweisung in die Hand, wie er sich in solchen Fällen verhalten muss. Zusätzlich ein Merkblatt mit Rufnummern, die er im Notfall wählen kann.

Wie erfolgt die weitere Überwachung?

Nach zwei bis drei Tagen ist Wundkontrolle, nach einer Woche werden die Fäden entfernt. Zu beiden Terminen kommen die Patienten in die Praxis.

Wie erfolgreich ist die Behandlung?

Nach dem operativen Eingriff ist aufgrund der Wunde für eine kurze Zeit die Bewegung etwas eingeschränkt. Schwere körperliche Arbeiten sind deshalb in den ersten Wochen zu meiden. Arbeiten im Haushalt wie Putzen oder Wäsche waschen sind aber von Anfang an problemlos möglich. Nach Entfernung der Fäden ist in aller Regel eine volle Belastbarkeit wieder gegeben.

Wie viel rechnen Praxen und Krankenhäuser für die Behandlung ab?

Je nach Art des Herzschrittmachers rechnen die Praxen für die ambulante Versorgung zwischen 160 und 460 Euro ab, informiert die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen. Ein stationärer Aufenthalt von sechs Tagen, inklusive Implantation kostet 4 900 Euro, so die AOK Plus.

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