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Montag, 09.11.2015

Teil 3: Abgeklemmter Nerv in der Hand

Kein Gefühl in den Fingern? Das kann ein Karpaltunnelsyndrom sein. Nicht alle OP-Verfahren zahlt die Kasse.

Von Stephanie Wesely

Die Tabelle

50 bis 70 Jahre alt sind die meisten Patienten mit Karpaltunnelsyndrom. 20 Prozent der Frauen leiden daran, aber nur 7 Prozent der Männer. 4 Wochen, besser sogar 6, sollte die Hand nach der OP geschont werden.
50 bis 70 Jahre alt sind die meisten Patienten mit Karpaltunnelsyndrom. 20 Prozent der Frauen leiden daran, aber nur 7 Prozent der Männer. 4 Wochen, besser sogar 6, sollte die Hand nach der OP geschont werden.

© imago

Entzündete Sehnenscheiden sind oft eine Auswirkung von schwerer und einseitiger Arbeit mit den Händen. Durch die Schwellung wird ein Nerv im Handgelenk – im Karpaltunnel – abgedrückt. In vielen Familien tritt das Karpaltunnelsyndrom aber auch ohne diese Ursachen gehäuft auf.

Die größte Erfahrung bei der Operation des Karpaltunnels hat in Sachsen die chirurgische Gemeinschaftspraxis Schwarzenberg. Dr. Ullrik Meinhold und sein Team führen die Eingriffe nahezu täglich aus. Mehr als 400 OPs kamen 2014 zusammen. Meinhold erklärt, was beim Behandeln des Syndroms zu beachten ist.

Wie bemerkt der Patient ein Karpaltunnelsyndrom?

„Die meisten Patienten spüren ein Kribbeln oder Einschlafen der Fingerkuppen, sodass zuerst der Tastsinn beeinträchtigt ist“, sagt Ullrik Meinhold. Betroffen seien immer nur Daumen, Zeige- und Mittelfinger sowie die daumenseitige Hälfte des Ringfingers auf der Hohlhandseite. Das entspräche genau dem Versorgungsgebiet des Mittelnervs, so der Chirurg. Denn der Mittelnerv der Hand wird durch das Anschwellen der entzündeten Sehnenscheiden abgedrückt. Es kommt es zu einer schlechteren Durchblutung des Nerven. Die elektrische Leitfunktion wird beeinträchtigt. Bei lange bestehender Nervenkompression ist zusätzlich oft die Muskulatur des Daumenballens verkümmert, auch die Greiffunktion der Hand ist eingeschränkt, obwohl die Finger meist gut beweglich sind. „Schmerzen spüren die Patienten in der Nacht, und das oft so stark, dass an Schlaf nicht mehr zu denken ist. Deshalb kommen sie dann auch zum Arzt.“

Welche Untersuchungen führt der Arzt durch?

Der Hausarzt überweist den Patienten zunächst an den Neurologen. Dieser misst die Leitfähigkeit des Nervs abschnittsweise über Hautelektroden. Der Ort und der Grad der Nervenschädigung kann dabei exakt festgestellt werden.

Die Tabelle

In unserer PDF-Tabelle erfahren Sie detailliert, wie zufrieden Patienten in Sachsen mit ambulanten Karpaltunnel-OPs sind. Hier finden Sie die Tabelle.

Muss jedes Karpaltunnelsyndrom operiert werden?

„Nein. Frühstadien der Erkrankung mit nur gelegentlichen Beschwerden ohne nächtlichen Schmerz können konservativ durch Schonung und entzündungshemmende Medikamente behandelt werden“, so Dr. Meinhold. Diese Patienten erhalten außerdem eine spezielle Lagerungsschiene, die über Nacht angelegt wird. Physiotherapeutische Behandlungen mit Ultraschall können auch lindernd wirken. Die medikamentöse Behandlung sollte aber nur über einen kurzen Zeitraum hinweg erfolgen. In den meisten Fällen ist eine Operation nicht zu vermeiden. Ullrik Meinhold: „Es ist auch nicht einzusehen, warum durch Hinauszögern der OP dem Nerven ein größerer Schaden zugefügt werden soll.“ Je früher operiert werde, umso eher erhole sich der Nerv wieder.

Kann der Eingriff immer ambulant erfolgen?

In den allermeisten Fällen. Ausnahmen sind ernsthafte Begleiterkrankungen des Patienten. Auch wenn sehr viele Medikamente einzunehmen sind oder die Betreuung zu Hause nicht gesichert ist, wäre eine stationäre Behandlung besser. Deshalb ist immer vom Operateur persönlich zu prüfen und einzuschätzen, ob eine ambulante OP vertretbar ist. Die Verantwortung ist nicht delegierbar. Deshalb findet vor einer OP ein ausführliches Aufklärungsgespräch mit dem Patienten und bei Bedarf mit den Angehörigen statt.

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Wie erfolgt die Narkose? Gibt es Risiken?

Der Eingriff erfolgt überwiegend in Regionalanästhesie. Das ist die ausschließliche Betäubung des entsprechenden Armes. Dabei wird der Bereich ruhig gestellt und der Blutfluss unterbunden. Meinhold: „Wir bevorzugen bei mehr als 95 Prozent der Patienten die Regionalanästhesie.“ Die anderen bekommen eine Vollnarkose. Der Vorteil der Regionalanästhesie ist das deutlich geringere Gesamtrisiko der Schmerzausschaltung, da die Narkosemittel nur im operierten Arm wirken und nicht in den Blutkreislauf des Patienten übergehen. Ob Regionalanästhesie oder Vollnarkose besser ist, wird im OP-Vorgespräch individuell diskutiert und festgelegt. Ein sehr geringes Restrisiko wird aber immer bestehen bleiben. „Das ist gemeinsam vom Patient und vom Operateur zu tragen“, sagt er.

Wie geht es nach dem Eingriff für den Patienten weiter?

Die OP dauert mit dem von uns bevorzugten minimalinvasiven endoskopischen Verfahren rund 20 Minuten. Die Schmerzausschaltung besteht etwa 30 Minuten. Eine Nachbeobachtungszeit von selten mehr als zwei Stunden ist ausreichend. Der Patient ist dann wieder im Besitz der vollständigen Kontrolle über seinen Arm und kann die Praxis verlassen. Er darf allerdings nicht allein nach Hause gehen. Er sollte den Rest des Tages auch nicht alleine in seiner Wohnung sein. Der Verband und die Wunde werden am nächsten Tag vom Operateur oder dem Hausarzt kontrolliert. „Da wir selbstauflösende Fäden verwenden, muss das Nahtmaterial nicht entfernt werden.“ Die Wunden sind nach vier bis fünf Tagen keim- und wasserdicht, sie brauchen dann keinen Verband mehr. Nach drei Monaten sollte der Neurologe die Nervenleitfähigkeit erneut prüfen.

Ist die Operation eine Kassenleistung?

„Die herkömmliche, offene Operation ja. Die endoskopische nicht. Dennoch behandeln wir meist endoskopisch, da die Ergebnisse besser sind. Die Mehrkosten stellen wir gesetzlich Versicherten nicht in Rechnung“, sagt der Chirurg. „Für gesetzliche Versicherte bekommen wir knapp 300 Euro pro OP, für Privatpatienten 650 Euro, weil es dort keine Einschränkungen in der Bezahlung gibt.“ Die stationäre Behandlung mit zwei Tagen Krankenhaus kostet laut AOK Plus 1 436 Euro.

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