erweiterte Suche
Samstag, 13.01.2018

Technik und Frauen? Aber ja!

Noch ist der Beruf des Physiklaboranten eine Männerdomäne. Stefanie Sonntag will das ändern. Warum, erzählt sie auf der Messe Karrierestart in Dresden.

Von Gabriele Fleischer

Physiklaborantin Stefanie Sonntag am Institut für Fluiddynamik des Helmholtz Zentrums Dresden prüft, ob die Verbindungen für ihr Experiment zur Temperatursteuerung fest sind. Mit dem Oszilloskop misst sie die Daten, die im Computer gespeichert werden. Was ihren Beruf so spannend macht, erzählt sie am 21. Januar zwischen 10 und 17 Uhr auf der Messe Karrierestart in Dresden. Foto: Ronald Bonß
Physiklaborantin Stefanie Sonntag am Institut für Fluiddynamik des Helmholtz Zentrums Dresden prüft, ob die Verbindungen für ihr Experiment zur Temperatursteuerung fest sind. Mit dem Oszilloskop misst sie die Daten, die im Computer gespeichert werden. Was ihren Beruf so spannend macht, erzählt sie am 21. Januar zwischen 10 und 17 Uhr auf der Messe Karrierestart in Dresden. Foto: Ronald Bonß

© ronaldbonss.com

Sorgfältig prüft Stefanie Sonntag die Verbindungen für die Stromzufuhr. Ziel ihres Experimentes ist es, die Reaktion von Magnetfeldern bei verschiedenen Temperaturen zu messen. Am Ende der Apparatur zeigt sie auf einen Sensor. Der nimmt die Signale auf und sendet so Daten, die die Wissenschaftler am Helmholtz Zentrum in Dresden-Rossendorf für ihre Forschungen verarbeiten können. Millimeterarbeit ist dafür nötig, damit nichts verfälscht wird. Ein Messgerät, das sogenannte Oszilloskop, überträgt die Daten auf einen Bildschirm. Ziel des Experimentes ist eine Bestandsanalyse, um Sensoren, wie sie in Handys, DVD-Laufwerken, Scannern, Kameras, Bewegungs- und Rauchmeldern genutzt werden, weiter optimieren zu können und so vor allem die Materialeigenschaften zu verbessern.

Ohne die Arbeit der 24-jährigen Physiklaborantin könnte also kein Wissenschaftler Forschungen beginnen. Das Experimentierfeld ist eines von vielen, das sie aufgebaut hat und im Rahmen eines Projektes betreut. Vergangenes Jahr bestand Stefanie Sonntag ihre Facharbeiterprüfung mit Bravour, wurde Beste ihres Faches – bundesweit. Dabei wollten ihre Eltern nicht, dass sie als Mädchen einen Beruf aus den Fachgebieten der Naturwissenschaften wählt. So versuchte sie sich bei einem Praktikum als Tierpflegerin. Die Liebe zur Technik blieb. Schließlich hatte sie schon den Mathe- und Physikleistungskurs am Gymnasium erfolgreich absolviert. Also informierte sie sich, bekam Tipps von Freunden, fand für sich den Beruf des Physiklaboranten – und überzeugte ihre Eltern.

„Programmieren, Versuchsreihen aufbauen und immer wieder messen, das ist für mich abwechslungsreich. Jeder Tag ist anders“, sagt Stefanie Sonntag und schaltet ihr Temperatursteuerexperiment auf Nachtstrombetrieb um. Denn auch nachts wird gemessen. Ein Computer speichert alles für die Datenbank. Stefanie Sonntag ist eine von 20 Physiklaboranten im Rossendorfer Forschungszentrum und eine von 225 sachsenweit. Eine Männerdomäne, wie Ausbilder Joachim Wagner sagt. Und das seit 1956. So lange gibt es den Beruf. Dabei würde Stefanie beweisen, dass Frauen genauso naturwissenschaftlich interessiert sind. Denn das ist Voraussetzung, wenn man sich für die dreieinhalbjährige Berufsausbildung bewerben will. Jedes Jahr suchen die Rossendorfer zwei Kandidaten.

Allerdings würden die Bewerber geprüft. Denn die Anforderungen sind hoch. Die jungen Leute müssen selbstständig arbeiten, genau beobachten, präzise und handwerklich begabt sein. Problemlösungen dürfen für sie keine Hürde sein. Neben Physik und Mathematik sollten Elektrotechnik, Informatik und Englisch ganz oben auf der Interessenliste stehen. „Jeder, der sich bei uns bewirbt, sollte wissen wollen, was die Welt im Innersten zusammenhält“, zitiert Wagner Goethes Faust.

Er weiß es, denn er war vor zehn Jahren selbst Ausbildungsbester unter den Physiklaboranten. 80 Prozent seiner Arbeitszeit investiere ein Physiklaborant in Aufbau und Wartung. Vorher müsse er wissen, wie er eine Idee umsetzt, wo er die Materialien dafür erhält und wie er am besten zum Ergebnis kommt. Auch wenn Abiturienten im Beruf gern gesehen sind, so haben Oberschüler gleiche Chancen. „Stimmen Noten, Hobby und eventuelle Praktika, laden wir die jungen Leute zum Eignungstest ein“, sagt Wagner.

Fragen zu Widerstandsberechnung, mechanischer Bewegung und Elektrotechnik gehören ebenso dazu wie Auftreten, Gesprächsbereitschaft und Kommunikation. Die Auserwählten lernen am Beruflichen Schulzentrum Meißen-Radebeul, der einzigen Berufsschule für Physiklaboranten in Sachsen. Vom ersten bis dritten Lehrjahr werden sie dort jeweils 13 Wochen unterrichtet, im vierten sechs. Neben der Arbeit im Ausbildungsbetrieb findet ein Praxisteil bei der Sächsischen Bildungsgesellschaft für Umweltschutz und Chemieberufe Dresden statt. Die Vergütung liegt nach dem Tarif des Öffentlichen Dienstes in Rossendorf zwischen 850 Euro im ersten Lehrjahr und 1 000 im vierten. Wer die IHK-Prüfungen erfolgreich absolviert, erhält ein Einstiegsgehalt von etwa 2 300 Euro brutto – und ist begehrt, wie Wagner versichert. Bei ihm klingelt schon mal das Telefon, wenn eine Abteilung oder ein anderes Unternehmen Interesse an einem „seiner“ Lehrlinge hat. Wer sich im Helmholtz Zentrum fürs nächste Lehrjahr bewerben will, kann das bis 23. Januar. „Auch Praktika sind möglich“, sagt Kristin Krunat, verantwortlich für Aus- und Weiterbildung. Informationen gibt es in Rossendorf und auf der Messe.

Stefanie Sonntag hat noch nicht genug vom Lernen. Nebenberuflich absolviert sie eine Ausbildung am BSZ für Elektrotechnik in Dresden zum staatlich geprüften Elektrotechniker. Ein Grundstock für einen dauerhaften Arbeitsplatz in Rossendorf.