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Tausend Meter überm Fjord

Die Überschreitung des Romsdalseggen ist eine echte Gratwanderung. Oben wartet eine fantastische Aussicht – vorausgesetzt, man bringt genug Mut und Kondition mit.

23.09.2017
Von Birgit Hilbig

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eter überm Fjord
Geschafft: Unsere Autorin auf dem Mjølvafjellet, dem höchsten Punkt der Tour.

Durchtrainierte Bergsteiger auf einem schwindelerregenden Grat: Das Video, das wir im Bergsportzentrum von Åndalsnes sehen, flößt selbst erfahrenen Wanderern Respekt ein. Der Auftritt von Marketingchefin Hilde G. Bakke macht es nicht besser. Zwar nennt sie sich selbst die „Mutter des Romsdalseggen“ und schwärmt in den höchsten Tönen für die Tour an der Wiege des skandinavischen Alpinismus. „Doch beim ersten Mal bin ich auf Knien über die Schlüsselstelle gekrochen“, gesteht sie.

Den Rest an Selbstvertrauen raubt uns Bergführerin Urpu, als sie die richtige Ausrüstung demonstriert. Stück um Stück zieht sie aus ihrem Rucksack hervor, darunter Mütze und Handschuhe und so viele Jacken, wie ein Gelegenheitsbergsteiger nicht mal zu Hause im Schrank hat. Andererseits: Alljährlich kraxeln Tausende über die Bergkette in Fjordnorwegen, was hier einen ähnlichen Status genießt wie die Watzmann-Überschreitung in den Alpen. Zwar sind die Norweger angeblich etwas härter im Nehmen als wir Deutschen: Doch Angst machen gilt nicht!

Der große Tag beginnt mit wolkenlosem Himmel und Gewusel im Hotel: Auch einheimische Grat-Aspiranten stärken sich beim Frühstück und schmieren ihre „Bemmen“ für unterwegs – die meisten von ihnen drahtig und nach der neuesten Outdoor-Mode gekleidet. Wir verschaffen uns einen kleinen Vorsprung und starten schon um acht zum Ausgangspunkt der Wanderung im zehn Kilometer entfernten Vengedalen. Das Hotel organisiert ein Auto für uns; es geht aber auch mit öffentlichen Bussen, die in der Saison vom Bahnhof abfahren.

Unser Weg ist vom Start an gut ausgeschildert. Er führt zunächst durch das üppige Grün eines von Bächen durchflossenen Hanges. Vorn marschiert Iselin, eine fitte Touristikerin aus Bergen, hinten Torunn, die „Lokalmatadorin“ aus Molde. Sie ist die Einzige, die die Tour bereits kennt und das Ganze daher am gelassensten angeht. „Ich hab’s schon viermal geschafft“, sagt sie aufmunternd.

Nach rund 400 Höhenmetern tritt der Wald zurück, und wir stehen unvermittelt auf einem steinigen Hochplateau. „Trinkpause“, mahnt Torunn, „gleich wird es ernst.“ Und tatsächlich bleiben nur noch ein paar Schritte zum „Anlauf nehmen“: Dann führt der Weg über Steinstufen und Blöcke gen Grat. Der Atem geht schneller, die Gespräche verstummen, ab und an müssen wir die Hände zu Hilfe nehmen.

Mehrmals sieht es so aus, als seien wir bereits oben. Doch hinter der Kante taucht immer nur eine weitere Steilpassage auf. Irgendwann geht es dann aber wirklich nicht mehr weiter hinauf. Der Grat ist erreicht und an dieser Stelle noch beruhigend breit. Der erste vorsichtige Blick über den Rand fällt allerdings in schwindelerregende Tiefe: Reichlich tausend Meter unter uns windet sich der Fluss Rauma durchs breite grüne Romsdalen zum Fjord.

Wir folgen dem Grat, der rasch schmaler wird und schon bald die erste Schlüsselstelle bereithält: Auf luftigen Zacken geht es hinunter in eine Scharte und gleich ebenso steil wieder hinauf. Einige kurze Passagen sind mit Ketten gesichert. Trotzdem halten wir uns meistens direkt am Fels fest, suchen vorsichtig nach dem nächsten sicheren Tritt für den Fuß. Welch ein Glück, dass der Untergrund trocken und der Stein richtig griffig ist!

Um die Mittagszeit sind wir am höchsten Punkt unserer Tour angelangt, genau 1 216 Meter über dem Meeresspiegel – ziemlich exakt so hoch wie der höchste Berg in Sachsen, der Fichtelberg. Alpen-Kennern mag das mickrig vorkommen, doch in dieser Gegend liegt der Ausgangsort auf „normal Null“. Statt eines Gipfelkreuzes steht eine Säule aus aufgeschichteten Steinen auf dem Mjølvafjellet. „Hier hat man den Orchesterplatz“, erzählen die Touristiker begeistert, „man sieht über die markantesten Gipfel von Romsdals: den Trollveggen, das Romsdalshorn und den Vengetindene.“

Eine Weile genießen wir ungefährlicheres Terrain – doch aus der Ferne grüßt schon die nächste Schneide. Wieder volle Konzentration bei jedem Schritt, wieder Kletterstellen und Ketten. Diesmal erscheint uns der Balanceakt jedoch nicht mehr so furchterregend. Ist es die Gewöhnung? Oder die allmählich einsetzende Müdigkeit? An der Steinhütte auf Nesaksla haben wir es dann offenbar endgültig geschafft, denn hier begegnen uns auch weniger bergtüchtig wirkende Ausflügler. Mit ihnen betreten wir die Romsdalstrappa, eine von nepalesischen Sherpas erbaute Felstreppe. Steil und direkt führt sie hinunter nach Åndalsnes: eine Herausforderung für Oberschenkel und Knie.

Auf ungefähr halber Strecke liegt der Aussichtspunkt Rampestreken, einer der meistfotografierten Punkte der Tour. „Fühle die Luft unter deinen Füßen“, heißt die Devise, wenn es auf Gitterrosten über den Abgrund geht. Und der kleine Nervenkitzel scheint zum Pflichtprogramm zu gehören: Kaum jemand lässt ihn aus, nicht mal die abgeklärtesten einheimischen Bergsteiger. Brav stellen sie sich in die Schlange mit jenen, die nur für ein Selfie heraufgepilgert sind.

Auf den letzten 500 Höhenmetern zieht sich die Gruppe weit auseinander; jeder lässt die Tour in seinem eigenen Tempo ausklingen. Die Schritte werden schwer, manchem ist die Qual schon ein bisschen anzusehen – doch viel stärker ist jetzt der Stolz. Erhobenen Hauptes schlendern wir zwischen den sportlichen Norwegern durch das Bergsteigerdorf. Hilde G. Bakke hat zweifellos recht gehabt: „Beim ersten Mal muss man die Angst überwinden. Doch dann will man jedes Jahr über den Romsdalseggen gehen.“