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Donnerstag, 30.11.2017 Serie: Mach was für Dresden

Tatort Elbe

Heike Brauer putzt die Elbwiese, jeden Tag. Was sie findet, was sie antreibt und warum sie Angst vor Silvester hat.

Von Sandro Rahrisch

7 Mach was!

Heike Brauer lebt in Mickten und zieht jeden Tag nach der Berufsschule mit einem Müllsack los, um weggeworfene Flaschen, Taschentücher und Zigaretten von den Elbwiesen aufzusammeln.
Heike Brauer lebt in Mickten und zieht jeden Tag nach der Berufsschule mit einem Müllsack los, um weggeworfene Flaschen, Taschentücher und Zigaretten von den Elbwiesen aufzusammeln.

© Sven Ellger

Wäre das ein Tatort, dann könnte Heike Brauer eine ziemlich gute Täterbeschreibung liefern. Sie wüsste, dass der Schurke raucht – Kette, Pall Mall rot. Sie kennte seine Vorliebe für trockenen Discounter-Rotwein in Piccoloflaschen. Und angesichts der vielen Spuren, die er hinterlassen hat, hätte sie keinen Zweifel daran, dass der Verbrecher mit ihr spielt. In Wahrheit ist das nur ein Müllhaufen von vielen, hier unten am Micktener Elbufer. Damit abfinden kann sich Heike Brauer nicht. Die schmutzige Elbwiese ärgert die zierliche Rothaarige so, dass sie Tag für Tag mit einem roten Müllsack loszieht und das aufsammelt, was andere fallengelassen haben.

„Naturverbunden war ich schon immer“, sagt die 41-jährige Fotografin, deren Bilder kaum ohne Landschaft auskommen – vom Elbsandsteingebirge, das in Nebel getaucht ist, bis zur prachtvollen Kirschblüte an irgendeinem Feldweg. Um den Ekel zu überwinden, in einen Berg aufgeweichter Zigarettenstummel zu greifen, musste aber etwas passieren, das ihr Herz fast zerrissen hätte.

Wie immer nachmittags überquerte Heike Brauer vor zwei Jahren die Leipziger Straße, schlenderte am Ballhaus Watzke vorbei hinunter zur Elbe. An ihrer Seite: Hündin Stromi. Am Ufer fängt der schwarzbraune Labradormischling mit Vorliebe Tennisbälle, springt ins Wasser, holt Stöckchen. So kurz nach Silvester lagen noch mehr Scherben in der Wiese als sonst. Mit der Vorderpfote trat Stromi hinein, durchschnitt sich die Beugesehne und drohte, an der Elbe zu verbluten.

Mach was!

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Wer Müll sieht, aber nicht selbst wegmachen möchte: Meldungen zu Dreckecken können per Telefon unter der Behördennummer 115 oder per Smartphone inklusive Foto und GPS-Koordinaten gemeldet werden. Die „Dresden App“ steht für mobile Android- und Apple-Geräte in den App-Stores zur Installation kostenfrei bereit.

Wer bei der Frühjahrsputz-Aktion „Sauber ist schöner“ mitmachen möchte: Die Aktionswoche startet am 7. April 2018 und endet am 14. April mit der Elbwiesenreinigung.

Brauer schaffte es geradeso mit ihr in die Wohnung. „Ich saß da mit ganz vielen Handtüchern, drückte auf die Wunde und hatte einfach nur Panik“, erzählt sie. Eine Notoperation rettete das Tier. „Heute werde ich richtig sauer, wenn ich sehe, dass Leute ihre Flaschen in die Elbe werfen“, sagt die Hundebesitzerin. „Guck‘ mal, was passiert, wenn du das machst“, habe sie einem Werfer mal gesagt und ihm die eingegipste Pfote ihrer Hündin gezeigt. Doch Scham und Einsicht erlebt Heike Brauer selten, wenn sie auf Sammeltour geht. „Am ehesten noch bei jungen Menschen. Hauptsächlich schauen Passanten aber weg und versuchen, mich zu ignorieren.“

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Überhaupt ist das Engagement für Dresdens Umwelt mitunter gefährlich. Nicht etwa, weil sich die Dresdnerin mit ihren abgewetzten Gummistiefeln durch mannshohe Strünke kämpfen muss, die sich widerspenstig unterhalb der Ufermauer aufbäumen. Sie kennt die zugewucherten Trampelpfade inzwischen, als wären es altbekannte Wanderwege. Gefährlich sind die Hinterlassenschaften. „Ich habe mich schon oft an Scherben geschnitten“, sagt sie. Weil auch Gummihandschuhe das nicht verhindern würden, lässt sie sie ganz weg. „Ich habe zwar welche, aber man kann mit ihnen schlecht kleine Plastikteile greifen.“ Zwischen den Kieselsteinen findet Heike Brauer auch an diesem Herbstnachmittag reichlich davon – die Gabel eines Partybestecks, eine aufgerissene Mars-Riegel-Verpackung und die Kunststoff-Verschlusskappe einer Apfelschorle-Flasche. Vor allem für Enten und Schwäne seien die noch gefährlicher als Glasscherben. „Die Vögel verwechseln das mit Futter. Die denken, das ist ein Fisch, schön bunt. Aber sie ersticken daran und verbluten, wenn das Teil ihnen den Magen aufreißt.“

Scherben und Verschlusskappen sind das eine. Auf ihrer Tour entdeckt die engagierte Frau aber auch immer wieder benutzte Taschentücher, volle Windeln, Ohrstäbchen und Zellofantüten mit Hundekot. „Ekel darf man nicht mitbringen“, sagt sie. Das schlimmste, was sie jemals gefunden habe, sei eine Jumbo-Plastikflasche Bier gewesen, die über Monate in der Sonne gelegen und ordentlich gegärt haben muss. „Ich wollte sie ausschütten, weil sie in der Mülltüte so schwer war. Da habe ich mich fast übergeben.“

In gewisser Weise seien die Touren auch Erholung. „Wenn man wirklich herunterkommen will vom Alltagsstress, sollte man Müll aufheben“, sagt die Sammlerin. Sie gehe jeden Tag, auch wenn sie krank ist. „Mit dem Hund muss ich sowieso raus. Und Müll liegt immer herum.“ Immerhin stößt Heike Brauer auch auf den ein oder anderen Schatz. „Ja, ich hatte auch schon wertvolle Funde, ein Portemonnaie zum Beispiel.“ Da sei noch der Ausweis drin gewesen. „Ich habe den Besitzer ausfindig gemacht. Wie sich herausstellte, wurde es ihm geklaut.“ Der Dieb räumte die Wohnung des Mannes aus. Anschließend wollte er das Portemonnaie in der Elbe versenken.

Auf Sammeltour mit Heike Brauer:

Den Fastfood-Ketten gibt Heike Brauer eine Mitschuld am schmutzigen Elbufer. „Leere Burger-Kartons und Dönerpapier finde ich hier unten am häufigsten.“ Früher hat sie leere 240-Liter-Mülltüten ans Treppengeländer gebunden, damit Nachtschwärmer auf ihrem Weg von Burgerking zur Elbe ihren Müll ordentlich entsorgen können. Die sind sogar gut genutzt worden. Doch die Stadtverwaltung machte ihr unmissverständlich klar: Was Sie da machen, ist eine Ordnungswidrigkeit. Inzwischen hat Dresden weitere Papierkörbe aufstellen lassen. „Ja, es ist ein bisschen besser geworden“, sagt Brauer. Aber die Eimer würden regelmäßig überlaufen. Die Sammlerin selbst bekommt auf ihrer zweistündigen Tour meist eine Tüte voll. Die stelle sie dann neben den Papierkorb. Wenn‘s doch mal mehr werden, rufe sie beim Ortsamt an. „Dann werden die Tüten abgeholt.“ Inzwischen kämen die Stadt und sie miteinander klar.

In einem Monat ist Silvester. Kein schöner Gedanke für Heike Brauer. An diesem Tag müsste die Verwaltung ein Elbwiesenverbot erlassen, findet sie. „Die Menschen schmeißen alles über die Mauer – Böller, Raketen, Flaschen. Die werde ich noch im Sommer einsammeln.

Leser-Kommentare

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Insgesamt 7 Kommentare

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  1. Andi71

    ... der herumliegende Müll dokumentiert das Niveau und den Bildungsstand der dortigen Bewohner und Besucher... Andi71

  2. Pieschener

    Ich verstehe Menschen nicht, welche die Natur in Anspruch nehmen, um es sich selbst gut gehen zu lassen und dann der eigne Unrat als "Dank" zurückbleibt. Besonders im Sommer sieht man das Gras vor lauter Müll nicht - manchmal helfen mehr Müllkörbe, aber zuerst sollte der Mensch über seinen Egoismus hinaus kommen. Das ist der Grund für Verschmutzung, weil sie nur sich selbst sehen, an die Umgebung oder andere in diesem Moment nicht denken. Das fängt mit was Kleinem, wie Zigarettenstummel an und endet im Großen mit der absoluten Selbstverständlichkeit, eine Abgasschleuder zu fahren - meist allein, meist aus Bequemlichkeit und unter Garantie ohne Einsicht, das Auto in DD auch stehen lassen zu können. Frau Brauer ist ein Vorbild und es sollte mehr solche Menschen geben, die althruistisch handeln. Damit ist allen geholfen und man findet wieder den Anschluss zu etwas sehr wertvollem: die Verbindung Mensch und Natur - am besten im Gleichgewicht.

  3. Gast

    @1: Ihre Aussage ist etwas einfach, daher schließe ich auf einen nicht ganz ernst gemeinten Inhalt.

  4. Beutesachse

    @1 Kennen Sie denn jeden Einzelnen der Bewohner und Gäste, um sich ein solches Urteil anmaßen zu dürfen?

  5. Roba

    Andi71 hat im Ergebnis Recht: der soziale Bildungsstand und das entsprechende Niveau Derjenigen, die den auch von Frau Brauer aufgesammelten Unrat bewusst hinterlassen, ist als an der untersten, nicht mehr sozialverträglichen, Grenze angesiedelt zu bezeichnen. Am Elbufer "verkehren" offensichtlich viele von "der Sorte".

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