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Mittwoch, 03.09.2014

Studie: Größte Ablehnung gegenüber Sinti und Roma

Sinti und Roma, Asylbewerber und Muslime erscheinen den Deutschen besonders „fremd“. Das stellt eine neue Studie fest. Die Antidiskriminierungsstelle findet die Ergebnisse alarmierend.

Die Studie „Zwischen Gleichgültigkeit und Ablehnung - Bevölkerungseinstellungen gegenüber Sinti und Roma“, vorgestellt auf einer Pressekonferenz am 3. September in Berlin.
Die Studie „Zwischen Gleichgültigkeit und Ablehnung - Bevölkerungseinstellungen gegenüber Sinti und Roma“, vorgestellt auf einer Pressekonferenz am 3. September in Berlin.

© dpa

Berlin. Sinti und Roma stoßen in Deutschland auf mehr Ablehnung als jede andere Gruppe. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie mit dem Titel „Zwischen Gleichgültigkeit und Ablehnung - Bevölkerungs-einstellungen gegenüber Sinti und Roma“ (Download hier), die von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde.

Bei der Frage: „Wie angenehm oder unangenehm wäre Ihnen eine bestimmte Gruppe in der Nachbarschaft?“ schnitten die Sinti und Roma am schlechtesten ab: 20 Prozent der Befragten stuften sie als unangenehme Nachbarn ein. Es folgen Asylbewerber und Muslime. Rund acht Prozent der Befragten ließen eine große Distanz zu Osteuropäern erkennen. Drei Prozent der mehr als 2.000 Befragten erklärten, sie hätten ungerne Juden in ihrer Nachbarschaft wohnen. Ein Prozent sagte das Gleiche über Italiener.

Der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, nannte die Ergebnisse besorgniserregend. Er sagte, Angehörige der ethnischen Minderheit würden für das Fehlverhalten einiger weniger haftbar gemacht: „Ein Großteil der Angehörigen der Minderheit ist nicht sichtbar, und der Rest bedient das Feindbild.“ Es sei zwar gut, dass Antisemitismus in Deutschland inzwischen geächtet sei. Wer feindliche Einstellungen gegen Sinti und Roma äußere, genieße dagegen immer noch „Narrenfreiheit“, beklagte Rose.

Die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle, Christine Lüders, kritisierte die aktuelle Debatte über „Armutszuwanderung“ von Sinti und Roma aus Südosteuropa als völlig überzogen. Sie sprach sich gleichzeitig gegen eine Einschränkung der Reise- und Niederlassungsfreiheit aus.

Hintergrund: Sinti und Roma in Deutschland und Europa

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Nach Schätzung der Europäischen Kommission leben heute in Europa zehn bis zwölf Millionen Roma, davon etwa sechs Millionen in der Europäischen Union - die meisten von ihnen in Rumänien, Bulgarien und Ungarn.

Sinti und Roma stammen ursprünglich aus Indien und machten sich vor etwa 1.500 Jahren auf den Weg nach Europa. In Deutschland wurden sie zu Beginn des 15. Jahrhunderts erstmals urkundlich erwähnt. Ihr Zentralrat geht heute von etwa 70.000 deutschen Sinti und Roma aus.

Zweite Muttersprache ist neben Deutsch Romanes, das mit dem altindischen Sanskrit verwandt ist. Sinti bezeichnet die aus West- und Mitteleuropa stammenden Angehörigen der Minderheit, Roma die aus Ost- und Südosteuropa. Außerhalb des deutschen Sprachraums wird Roma als Sammelname für die ganze Volksgruppe verwendet.

In der NS-Zeit wurden Sinti und Roma als „Zigeuner“ geächtet, schrittweise entrechtet und schließlich in Vernichtungslager deportiert. Schätzungsweise 500.000 von ihnen wurden ermordet.

Nach dem Krieg stand in Deutschland zunächst die Aufarbeitung des Völkermordes an sechs Millionen Juden im Mittelpunkt. 1982 erkannte Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) aber auch die NS-Verbrechen an Sinti und Roma offiziell als Völkermord an.

Rose sagte: „Nach unserem Recht können EU-Bürger keine Flüchtlinge sein.“ Es stehe aber jedem frei, in Deutschland Arbeit zu suchen oder ein Gewerbe anzumelden.

Besonders viel Ablehnung gegenüber Sinti und Roma äußerten Anhänger von CDU/CSU mit 26 Prozent. Die geringsten Ablehnungswerte fanden die Forscher unter FDP-Anhängern.

Die Grünen erklärten, die weit verbreiteten „rassistischen Vorurteile“ gegenüber Sinti und Roma seien „eine Schande für Deutschland“. Die Bundesregierung müsse Integrationsangebote der Kommunen für diese Gruppe konsequent unterstützen.

Auch 91 Prozent der Menschen, die für die Studie befragt worden waren, hatten „Integrationsangebote“ als Vorschlag für ein gutes Zusammenleben genannt. Gleichzeitig sprachen sich jedoch 50 Prozent für Einreisebeschränkungen aus. 22 Prozent hielten sogar „Abschiebung“ für eine geeignete Maßnahme, wobei allerdings unklar blieb, wessen Abschiebung konkret gemeint war.

Die unabhängige Antidiskriminierungsstelle des Bundes unterstützt Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft, ihres Geschlechts, ihrer Religion oder wegen ihrer sexuellen Identität benachteiligt werden. Sie formuliert in ihren Berichten an den Bundestag und die Bundesregierung Empfehlungen, wie Diskriminierung beseitigt werden kann. (dpa)