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Strahlenfänger am Flugplatz

Deutschlandweit wird nur in Görlitz radioaktives Ruthenium gemessen. Doch es gibt sofort Entwarnung.

06.10.2017
Von Ralph Schermann

änger am Flugplatz
An der östlichsten deutschen Wetterstation am Görlitzer Flugplatz wird schon seit über drei Jahrzehnten auch die Radioaktivität gemessen.

© dpa

Tobias Weiß wundert sich. Am Montag weist der Deutsche Wetterdienst den Görlitzer Beobachter an, sofort eine Sondermessung nach Radioaktivität einzuleiten. Der Meteorologe legt entsprechend neue Filter in den automatischen Luftansauger. „Sonst werden die wöchentlich gewechselt“, berichtet er.

Gleiches geschieht in den drei weiteren Wetterstationen, die im Süden Ostdeutschlands auch nach radioaktiver Belastung forschen: Zinnwald, Gera und Cottbus. Neben Wetterdaten werden die Stärken der immer vorhandenen natürlichen Radioaktivität automatisch an die Zentrale in Offenbach gesendet und von dort dem Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) zur Verfügung gestellt. Doch nur in Görlitz wird für ganz Deutschland bestätigt, was den Sonderauftrag auslöste: Spuren von Ruthenium-106. Auch in Österreich, der Schweiz und weiteren östlichen Ländern wurden sie bemerkt.

Allerdings kann Jan Lauer vom BfS sofort Entwarnung geben: Die erkannten Werte sind eigentlich kaum messbar. Die Wetterwarte Görlitz filterte über eine Woche lang einen Wert von gerade einmal fünf Millibecquerel je Kubikmeter Luft heraus, und die Sondermessung ergab keinen weiteren Anstieg. Ein Becquerel bezeichnet einen radioaktiven Zerfall je Sekunde, und der Messwert entspricht, bezogen auf die Belastung, weniger als hundert Nanosievert. Zum Verständnis: Jeder Mensch nimmt jährlich im Durchschnitt rund zwei Millisievert natürliche Radioaktivität auf, Maßnahmen zur Schadensvorbeugung sind unter zehn Millisievert nicht vorgesehen. „Der in Görlitz gemessene Wert ist hunderttausendmal kleiner als eine mögliche Gefährdung“, rechnet Jan Lauer. Er weiß auch, wieso überhaupt solche Werte erfasst werden: „Weil unsere Messgeräte und -methoden immer feiner werden.“

Dennoch müssen die erfassten Spuren eine Ursache haben. Da ausschließlich Ruthenium-106 nachgewiesen wurde, kann ein Unfall in einem Kernkraftwerk ausgeschlossen werden. Ruthenium-106 wird als Strahlenquelle in der Krebstherapie zur Behandlung von Tumoren am Auge eingesetzt und dient auch der Stromversorgung von Satelliten. „Wir versuchen, durch Rückrechnung der Ausbreitung von radioaktiven Stoffen in der Atmosphäre das Gebiet einzugrenzen, in dem die Freisetzung erfolgt sein könnte“, erklärt der BfS-Sprecher. Noch steht nichts fest, erste Berechnungen deuten auf eine mögliche Freisetzung in Osteuropa hin. Ruthenium-106 hat eine Halbwertzeit von 372 Tagen.

Neben der Luftmessung arbeiten einige Wetterstationen auch mit der Untersuchung von Regenwasser und Schnee. Solche Proben werden schonend verdampft und möglichen Ablagerungen auf Strahlung überprüft. Doch egal, wie die Messungen erfolgen: „Vor Ort treffen wir keinerlei Aussagen über die Höhe der Werte, das ist allein Sache der auswertenden Stellen“, betont der Görlitzer Meteorologe Tobias Weiß. Während übrigens Zinnwald erst 2001 damit betraut wurde, erfolgen in der Wetterwarte Görlitz Messungen von Radioaktivität schon seit DDR-Zeiten. Einen Nachweis von Ruthenium indes gab es noch nie. Vielleicht führen die Spuren tatsächlich dorthin, wie das Element heißt? Denn Ruthenium kommt vom lateinischen Rutheria – zu Deutsch: Russland.