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Montag, 09.01.2017

Strahlende Aussichten

Polen treibt den Bau von Atomkraftwerken voran. Das dafür nötige Uran könnte auch aus Niederschlesien kommen.

Von Arndt Bretschneider und Irmela Hennig

Windkraftanlagen wie die zwischen Pieñsk und Jêdrzychowice sind in Polen eher selten.
Windkraftanlagen wie die zwischen Pieñsk und Jêdrzychowice sind in Polen eher selten.

© obs/Deutsche Bahn AG/Bartlomiej Banaszak

Polen. Es war im Jahre 1948. Mit den Sowjets begann der Uranabbau nahe dem polnischen Kowary (Bad Schmiedeberg) im Großraum Jelenia Góra (Hirschberg). Hier konnte man auf deutsche Erkundungen aus den frühen 1940er Jahren zurückgreifen. Im Verlauf der Jahre legten sowjetische Behörden ein umfangreiches Kartennetz mit polenweit durchgeführten Probebohrungen an. In Kowary holten die Sowjets offiziell um die 600 Tonnen Uran aus der Zeche R 5. So erfahren es Besucher bei einer Führung. Inoffiziell sollen es 1000 Tonnen gewesen sein. Auch im Glatzer Bergland ließ man das Erz aus dem Berg holen. Polnische Zwangsarbeiter mussten dies tun, so ist es nachzulesen auf der Internetplattform Polish Online.

All das war lange Geschichte. Die Zeche R 5 ist ein Schaubergwerk. Doch seit einigen Jahren schwärmen erneut Suchtrupps mit den alten von den Russen übergebenen Unterlagen entlang des Iser-, Riesen-, Rehhorn- und Eulengebirges, durch das Glatzer Bergland, die Sudeten bis in die östlichen Beskiden. Polen will die Lagerstätten erkunden und – so zumindest heißt es immer wieder – auch ausbeuten. Schon 2012 sorgte das für Unruhe – vor allem bei Touristikern, Umweltschützern, aber auch vielen Bürgern im Hirschberger Tal in der Woiwodschaft Niederschlesien. Ein australisches Unternehmen beantragte die Erkundung und plante Probebohrungen.

92 Orte sind aufgelistet, an denen sich Nachforschung lohnen könnte. Bis jetzt halten sich die Aktivitäten noch in Grenzen. Unlängst wurde gerade mal eine „European mining company“ (Europäische Bergbau-Firma) aus der Taufe gehoben. „Von diesem Vehikel gehen noch keine Gefahren für den Tourismus aus“, schätzt Slawomir Stankiewicz ein, Mitorganisator eines Treffens von Kernkraftgegnern. „Aber dabei wird man es nicht belassen und wir müssen mit negativen Folgen vor allem für den Tourismus rechnen“, ergänzte er im Gespräch mit SZ.

Kur- und Erholungsorte wie Œwieradow Zdrój (Bad Flinsberg), Szklarska Porêba (Schreiberhau), Kopaniec (Seifershau), Karpacz (Krummhübel), Cieplice (Bad Warmbrunn bei Hirschberg), Wlen (Lähn am Bober), Miedzianka (Kupferberg) oder Wambierzyce (Albendorf bei Glatz) werden von den Erkundungen nicht verschont. Die hydrografischen, also den Wasserhaushalt betreffenden Auswirkungen auf die Thermalbäder sind nur sehr schwierig zu ermitteln, wenn überhaupt, so heißt es. Eine Beeinträchtigung der empfindlichen Mikroregionen Hirschberger Tal und Glatzer Bergland mit ihren derzeit sechs Millionen Touristen und Kurgästen wäre bei positivem Suchergebnis unvermeidlich. Doch die Republik Polen setzt in Zukunft auf Kernenergie. Sie unternimmt dabei zwar den Versuch, einen Energiemix aus Kohle, Kernkraft und erneuerbaren Energien auf die Beine zu stellen. Bis 2020 will man 50 Prozent des Energiebedarfs aus erneuerbaren Quellen decken. Regierungskreise lassen sich aber davon leiten, dass die strengen Klimaschutzauflagen der Europäischen Union mit der noch überwiegenden konventionellen Kohleverstromung und ein paar Windkraft-, Photovoltaik- und Biogasanlagen nicht einzuhalten sind.

Deshalb hat man bis 2035 den Bau zweier Atommeiler an der Ostseeküste mit einer installierten Leistung von zusammen 6000 Megawatt ins Auge gefasst. Die bevorzugten Standorte sollen im Laufe des Jahres bekannt gegeben werden. Das nach der Tschernobylhavarie stillgelegte erste polnische Kernkraftwerk Zarnowiec, nordwestlich von Danzig, ist noch nicht aus dem Rennen. Im Volksmund wurde es ¯arnobyl (sprich: Scharnobyl) genannt. Eine Anspielung auf den Unglücksreaktor in der heutigen Ukraine. Der kleine Ort Gaski (Gonsken, dann Herzogskirchen) an der Pommerschen Küste ist seit Sommer 2016 vom Kernkraftwerk-Vorhaben befreit. Dagegen spitzt sich alles auf die pommersche Ortschaft Choczewo (Chottschow) zu. Über zwei Dutzend polenweit verteilter Standorte sind bereits verworfen worden, kann man in jüngsten Veröffentlichungen einer Tochter des Energiekonzerns PGE nachlesen, der auch Braunkohletagebau und Kraftwerk in Turów bei Zittau betreibt.

Der Preis des Kernbrennstoffs Uran ist auf dem Weltmarkt in letzter Zeit etwa um das Fünffache gestiegen. Unter solchen Bedingungen scheint eine geologische Rohstofferkundung in Polen durchaus lohnenswert. Prinzipiell kommen drei Gewinnungsverfahren in Betracht. Zum einen der mechanische Abbau in Stollen durch mehr oder weniger automatisierten Vortrieb. Das Verfahren hat Haldenbildung zur Folge. Geröllhalden mit erhöhter natürlicher Radioaktivität in sensibler Gegend sind heute ein Ding der Unmöglichkeit.

Die zweite Methode wäre die Verpressung von hochkonzentrierter Säure in die betreffenden uranführenden Schichten. Hier entstehen zwar keine radioaktiven Resthalden, dafür aber gefährliche Schlämme. Diese Verfahrensweise lässt sich aber nicht anwenden, wenn das Uran in hartem Gestein vorkommt. Das dürfte am Fuß der Gebirgskette fast überall der Fall sein.

Variante drei, die in den großen Flächenländern beziehungsweise auf Kontinenten genutzt wird, ist der Uranabbau im Tagebauverfahren. Der kommt in Polen kaum in Betracht. Zwei Lagerstätten in den Wojewodschaften Podlasie und Warmiñsko-Mazurskie im Nordosten des Landes erwiesen sich als ergiebig genug für die zu planenden Kraftwerke. Und sie sind angeblich chemisch abbauwürdig. Ihre Lage geht aber aus keinem veröffentlichten Schriftstück hervor. Eines aber ist gewiss, diese Nachricht beruhigt die Gemüter in der südpolnischen Touristenregion. Doch ob sie von der Erkundung wirklich verschont bleiben, ist offen.

Ende Oktober 2016 fand in Warschau unter Schirmherrschaft des früheren polnischen Ministers für Staatsvermögen, Mikolaj Budzanowski, die Gründung einer Vereinigung zum Bau des ersten Kernkraftwerks statt. Er sagte unter anderem, er sei fest davon überzeugt, dass die vier vorgesehenen Gesellschaften PGE EJ 1, KGHM, Tauron und Enea – alle sind polnische Bergbau- und/oder Energieunternehmen – in der Lage sind, die Inbetriebnahme des Kernkraftblocks zu schaffen.

Ebenfalls Ende Oktober fand die Tagung „Atom für die Wissenschaft“ vom Ministerium für Wissenschaft und Schulwesen gemeinsam mit dem Ministerium für Energie, dem staatlichen Kernforschungszentrum und dem Institut für Kernphysik an der Polnischen Akademie der Wissenschaften statt. Vorwiegend junge Forscher, Studenten sowie Gymnasiasten waren dazu eingeladen. Ein Beweis mehr, dass es der polnische Staat mit der Hinwendung zu einer Kernenergiewende wohl ernst meint.