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Mittwoch, 16.08.2017

Stolpersteine vor der Präsidentenvilla?

Der Bundespräsident führt die Amtsgeschäfte in Schloss Bellevue. Er wohnt in einer Villa in Dahlem. In ihrer Geschichte gibt es dunkle Kapitel.

Von Nada Weigelt, Berlin

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Die Dienstvilla des Bundespräsidenten in Berlin-Dahlem: Das Bundespräsidialamt will angemessen an die NS-Vergangenheit des Gebäudes erinnern.Foto: dpa
Die Dienstvilla des Bundespräsidenten in Berlin-Dahlem: Das Bundespräsidialamt will angemessen an die NS-Vergangenheit des Gebäudes erinnern.Foto: dpa

© dpa

Die letzten Umzugskisten von Ex-Bundespräsident Joachim Gauck sind gerade abtransportiert, in der Dienstvilla des deutschen Staatsoberhaupts werkeln die Maler. Doch noch bevor Gaucks Nachfolger Frank-Walter Steinmeier einziehen kann, ist eine Debatte um die NS-Vergangenheit des Hauses in Berlin-Dahlem entbrannt.

Auslöser ist ein Brief des Bundestagsabgeordneten Thomas Feist an das Bundespräsidialamt, den mehrere Berliner Zeitungen aufgriffen. Darin kritisierte der Leipziger CDU-Politiker im Juni, dass weder eine Gedenktafel noch die schon 2015 gestifteten „Stolpersteine“ an die jüdischen Vorbesitzer des Anwesens erinnern. „Es gehört zu unserer Verantwortung, dass wir das Gedenken an die Opfer der dunkelsten Zeit unserer Geschichte wachhalten“, sagt Feist, dessen Familie selbst zu den Opfern von Verfolgungen gehört.

Die repräsentative Villa an der Pücklerstraße 14 hatte einst dem jüdischen Kunstperlenfabrikanten Hugo Heymann und seiner katholischen Frau Maria gehört, die dort ein großbürgerliches Leben führten. Nur acht Tage nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 verkaufte das Paar das Anwesen, nachdem der frühere SPD-Reichsinnenminister sie vor heraufziehenden „schrecklichen Zeiten“ gewarnt hatte.

Neuer Eigentümer wurde der Potsdamer Zeitungsverleger und NS-Gefolgsmann Waldemar Gerber. Heymann erhielt als Kaufpreis nicht einmal zwei Drittel seiner einst stattlichen Kosten von 150 000 Goldmark. Er selbst zog mit seiner Frau zunächst in eine andere Wohnung. Noch vor seiner 1938 geplanten Flucht vor den Nazis starb er mit 57 Jahren in Berlin – nach Angaben seiner Frau an den Misshandlungen, die er in Gestapo-Haft erlitten hatte.

Schon vor zwei Jahren sollte auf Initiative des Historikers Julien Reitzenstein ein „Stolperstein“ für das Paar vor der präsidialen Dienstvilla verlegt werden. Diese kleinen, in den Boden eingelassenen Messingtafeln erinnern in Berlin vielerorts an deportierte und ermordete Nazi-Opfer.

Doch die Initiative sagte die Verlegung selbst ab. „Wir hatten Bedenken, ob dort der richtige Ort ist, weil es nicht eindeutig der letzte Wohnsitz der Familie war“, sagt Sören Schneider von der Koordinierungsstelle Stolpersteine in Berlin.

Auch ein daraufhin vom Bundespräsidialamt in Auftrag gegebenes Gutachten kommt zu dem Schluss, der Stolperstein gehöre eigentlich vor die letzte Wohnung der Eheleute im Stadtteil Schmargendorf.

Dennoch schreibt der bekannte NS-Forscher Michael Wildt von der Berliner Humboldt-Universität zusammen mit einer Kollegin, eine Ausnahme könne sinnvoll sein, weil der Verkauf der Villa für Maria Heymann und ihren Mann besonders „symbolträchtig“ gewesen sei.

„In ihrem Erleben bildete er den schmerzlichen Auftakt einer langen und sorgenvollen Verfolgungszeit, während der ihr Mann verstarb und von deren Folgen sie sich selbst nie wieder erholte“, heißt es in einer Zusammenfassung der Ergebnisse, die der dpa vorliegt.

Das Präsidialamt will die Renovierung der Villa nutzen, um über die „geeigneten Formen des Gedenkens“ zu entscheiden, wie eine Sprecherin sagte. Auch der Abgeordnete Feist will noch einmal nachhaken. „Ich glaube schon, dass der jetzige Bundespräsident sehr sensibel mit dem Thema umgeht. Vielleicht kommt der Brief ja jetzt direkt auf seinen Schreibtisch.“ (dpa)

Leser-Kommentare

Insgesamt 4 Kommentare

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  1. Claudia Schiller

    Verstehe ich das richtig, dass der Stolperstein nicht verlegt werden soll, weil Herr Heymann nicht "ausreichend vertrieben" wurde? Es ist ja wohl nicht zu bestreiten, dass er die Villa nur auf Grund der Verfolgung durch die Nazis verkauft hat. Jetzt zu behaupten, die Wohnung - die er in der Zeit in der er von den Nazis nicht aus dem Land gelassen wurde, um auch noch das letzte Bisschen seines Vermögens einzuheimsen - bewohnte sei sein letzter freiwilliger Wohnsitz ist eine Farce! Es entsteht der Eindruck, dass gerne überall im Land Stolpersteine verlegt werden dürfen, nur nicht an der Pücklerstraße 14.

  2. Dr. Bernd Dammann

    In Berliner Zeitungen wird die zuständige Bezirksbürgermeisterin im Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf Cerstin Richter-Kotowski (CDU),das die Stolperstein-Verlegung vor der Dienstvilla des Bundespräsidenten genehmigen müsste, mit den skeptischen Worten zitiert, 'Stolpersteine seien für deportierte und ermordete Nazi-Opfer gedacht. Dieses Prinzip wolle sie nicht aufweichen!' - Wo sie Recht hat, hat sie wirklich Recht, die prinzipientreue CDU-Bürgermeisterin.

  3. Dr. Bernd Dammann

    Der Stolperstein des Leipziger CDU-MdB Dr. Thomas Feist- die Mär vom Nazi-Notar Über HugoHeymann (1881-1938) heißt es bei Wikipedia im Abschnitt über die „Villa Wurmbach“, dass der Vertrag über den Verkauf dieser Villa von dem Notar Georg Lehmann (1887-1974) ausgefertigt wurde. Unter diesem Gesichtspunkt ist zu den dazu verbreiteten fake-news in manchen Zeitungsartikeln (die Mär vom Nazi-Notar) eine wichtige Feststellung zu treffen. In dem Wikipedia-Eintrag über Lehmann (1887-1974) heißt es dazu: „Nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten verließ Georg Lehmann Deutschland und emigrierte 1940 nach Argentinien. ..... Mit der Novellierung des Reichsbürgergesetzes wurde ihm im November 1941 die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde er beim Kammergericht in Berlin wieder als Rechtsanwalt zugelassen ... ." „Schwerpunkt seiner anwaltlichen Tätigkeit war die Vertretung von jüdischen Emigranten zu Fragen der Wiedergutmachungsgesetzgebung."

  4. Dr. Bernd Dammann

    Berliner Geschichtsprofessor will keinen Stolperstein mehr In einem Beitrag über „Hugo Heymann und die Dienstvilla des Bundespräsidenten“ schreibt der Berliner Historiker Prof. Dr. Michael Wildt am 27. August 2017 auf seiner Homepage: „Zu diesem Fall haben Frau Dr. Julia Hörath und ich im Auftrag des Bundespräsidialamtes ein Gutachten verfasst, das die Umstände des Verkaufs und das weitere Schicksal des Ehepaars Heymann im NS-Deutschland untersucht. (…..) Im Gutachten empfehlen Frau Hörath und ich die Initiative des Historikers Julius Reitzenstein aufzugreifen und einen Stolperstein vor der Dienstvilla zu verlegen. Inzwischen denke ich, dass eine Gedenktafel angemessener ist, weil sie größeren Raum bietet, um an die Verfolgungsgeschichte von Hugo Heymann zu erinnern.“

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