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Montag, 02.10.2017

Steine, die Leben retten

Vor einem Jahr verwüstete Hurrikan Matthew Haiti. Mit internationaler Hilfe will das ärmste Land der westlichen Welt jetzt dafür sorgen, dass derartige Katastrophen nicht immer wieder zu humanitären Katastrophen führen.

Von Philipp Hedemann

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Fabien Legype, der Tagelöhner, produziert mit seinen Kollegen Steine für den Bau von festen Häusern. Selbst leisten kann er sich die Ziegel aber nicht.
Fabien Legype, der Tagelöhner, produziert mit seinen Kollegen Steine für den Bau von festen Häusern. Selbst leisten kann er sich die Ziegel aber nicht.

Als Irma Kurs auf Haiti nahm, zog Fabien Legype sich mit seiner sechs Monate alten Tochter und seiner Frau in seine aus Holz, Lehm und Blech zusammengezimmerte Hütte zurück – und betete. Hier hatte er vor einem Jahr mit seiner damals noch schwangeren Frau Hurrikan Matthew überlebt, hier wollte er mit seiner Familie auch vor Irma Schutz suchen.

Im Radio und im Fernsehen hatten die haitianischen Behörden Fabien und all diejenigen, die nicht in festen Häusern leben, zuvor aufgefordert, sich in sichere Gebäude wie Schulen zu begeben und den Sturm dort abzuwarten. Fabien hat weder ein Radio noch einen Fernseher, von den Sicherheitsvorkehrungen hatte er jedoch von Freunden gehört. Einen Schutzraum wollte er mit seiner Familie dennoch nicht aufsuchen. „Wir haben doch fast nichts! Und ich hatte Angst, dass Plünderer uns auch noch das letzte bisschen wegnehmen, wenn wir unsere Hütte alleine lassen. Darum sind wir zu Hause geblieben“, erzählt Legype.

Nachdem Matthew in der Nacht vom 3.  auf den 4. Oktober 2016 über Haiti hinwegzogen war, waren über 1 000 Menschen tot, 750 000 benötigen humanitäre Hilfe. Vor allem im Süden des Landes wurden Felder, Ernten und Häuser zerstört. Insgesamt waren 2,1 Millionen Menschen vom Sturm betroffen. Auch Fabien musste Freunde begraben.

Wäre auch Irma – wie zunächst befürchtet – über Haiti hinweggezogen, wären er und seine Familie diesmal vielleicht selbst unter den Todesopfern gewesen. Denn schon Matthew hatte die Hütte der Familie schwer beschädigt – und Hurrikan Irma war noch kräftiger. In Fabiens Heimatstadt Petit Goâve im Südwesten Haitis überstanden fast nur solide Steinhäuser den Sturm weitestgehend unbeschädigt. Einige dieser Häuser waren aus Steinen gebaut, die Fabien selbst hergestellt hatte.

„Diese Steine können Leben retten. Allerdings nicht meins. Dafür bin ich zu arm“, sagt der Tagelöhner. Der Schweiß läuft ihm in Strömen über den muskulösen Körper, als er Sand und Zement mischt, um daraus Ziegel herzustellen. „Die Steine sind wirklich gut. Aber sie sind auch teuer“, sagt der ungelernte Arbeiter. Ein Ziegel kostet umgerechnet rund 45 Cent. Der 28-Jährige weiß nicht, wie viele Steine man braucht, um ein Haus zu bauen. Aber er weiß, dass es mehr sind, als er sich von seinen Einkommen von durchschnittlich rund 65 Euro pro Monat leisten kann.

Für Micheline Cetoute wären die Ziegel unerschwinglich. Dennoch wohnt die arbeitslose Frau mit ihren drei erwachsenen Kindern und ihrem Mann in einem winzigen Steinhäuschen. Erbaut ist es aus Ziegeln, die Fabien und seine Kollegen hergestellt haben. Statiker haben berechnet, dass die Unterkunft Wirbelstürmen wie Matthew und sogar einem heftigen Erdbeben wie dem vom 12.  Januar 2010 standhalten soll. „Ich war gerade auf dem Markt, als vor mir plötzlich die Kirche in sich zusammenbrach. Ich bin sofort nach Hause gerannt, um nach meinem Mann und meinen Kindern zu schauen. Überall lagen Tote, überall schrien Verletzte“, erinnert sich Micheline an den Tag, der vor sieben Jahren Hunderttausenden Haitianern den Tod brachte.

Damals lebte sie mit ihrer Familie noch in einer windschiefen Hütte. Doch als die Erde nach 37 Sekunden aufhörte zu beben, war davon nur noch ein Haufen Schutt übrig. „Meine Kinder, mein Mann und ich hatten überlebt, aber außer unseren Leben hatten wir alles verloren“, berichtet Micheline. Drei Monate schlief sie mit ihrer Familie nur unter einer Plane, dann fünf Jahre in einer provisorischen Notunterkunft. Schließlich baute die Welthungerhilfe gemeinsam mit der Bevölkerung für Micheline und 161 weitere Familien aus Petit Goâve, die beim Beben alles verloren hatten, einfache, aber solide Steinhäuser.

„Ich habe mit meiner Familie selbst das Fundament ausgehoben und war jeden Tag auf der Baustelle. Ich habe gesehen, dass in unserem Haus viel mehr Eisen und Zement verbaut worden sind als bei den meisten anderen Häusern“, erzählt Micheline. Auf gerade mal 24 Quadratmetern lebt sie jetzt mit ihren drei Kindern und ihrem Mann. „Vor einem Jahr hat Matthew die Häuser unserer Nachbarn zerstört. Dabei waren sie auch erst nach dem Erdbeben gebaut worden. Aber bei uns hat nichts gewackelt. Es ist zwar eng, aber dafür leben und schlafen wir hier, ohne uns zu fürchten“, berichtet Micheline.

Viele Haitianer hingegen leben auch ein Jahr nach Wirbelsturm Matthew und sieben Jahre nach dem Erdbeben noch in Angst. „Oft wurden die Häuser nur sehr notdürftig repariert oder in schlechter Qualität neu gebaut. Einem erneuten Beben oder einem starken Hurrikan würden viele nicht standhalten. Vor allem für die Ärmsten kann eine Naturkatastrophe so leicht wieder zu einer humanitären Katastrophe werden“, sagt ein Architekt, der in den letzten sieben Jahren für verschiedene Hilfsorganisationen in Haiti gearbeitet hat, seinen Namen jedoch nicht in der Zeitung lesen will.

Ohne internationale Hilfe wären in dem Land, das auf dem Entwicklungsindex der Vereinten Nationen den 163. von 188 und im Welthungerindex den 115. von 118 Plätzen belegt, nach dem Erdbeben und Hurrikan Matthew wohl noch viel mehr Menschen gestorben. Doch beim Wiederaufbau wurden Fehler gemacht – auch von den ausländischen Helfern.

„Das Erdbeben war eine Katastrophe. Die Reaktion auf das Beben war die nächste Katastrophe. Der Staat war völlig unvorbereitet und handlungsunfähig“, sagt Gabriel Frederic, Programm-Koordinator der Welthungerhilfe in Haiti. Überstürzt ins Land strömende Hilfsorganisationen füllten das Vakuum, das der Staat hinterlassen hatte, und arbeiteten völlig unkoordiniert nebeneinander her.

Mittlerweile ist der Staat etwas besser auf die immer wieder auftretenden Katastrophen wie Wirbelstürme und Überschwemmungen vorbereitet. So warnen unter anderem neu geschaffene Katastrophenschutzkomitees die Bevölkerung bei drohender Gefahr, doch noch immer gibt es viel zu wenig sichere Zufluchtsorte. „Die Zivilgesellschaft muss von der Regierung endlich einfordern, dass sie mehr zum Schutz der eigenen Bevölkerung tut“, regt Gabriel Frederic sich auf.

Doch in einem Land, in dem ständig politischer Ausnahmezustand herrscht, Korruption allgegenwärtig ist und kleptokratische Politiker sich oft lediglich um ihr eigenes Wohl kümmern, wird viel versprochen und wenig gehalten. „Nach dem Erdbeben und nach Matthew sind hier ein paar Leute von der Regierung aufgetaucht. Sie haben schöne Reden geschwungen, aber danach ist nichts passiert. Von Politikern erwarte ich seitdem gar nichts mehr“, sagt Fabien während einer Arbeitspause. Stattdessen verlässt er sich lieber auf seinen Gott. „Das Beben und die Stürme waren Gottes Strafe. Denn in unserem Land wird so viel gestohlen und getötet. Doch jetzt hat er unsere Gebete erhört. Sonst wäre Irma nicht an uns vorbeigezogen.“

Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. Namenlos

    Ich bin mir sicher: Diesen Menschen hülfe ein allgemeines Burkaverbot, dann würden ihre Gebete noch besser erhört und ihre kulturelle Identität nicht gefährdet

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