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Montag, 28.09.2015

Stasi-Geschichte ganz oben

SZ-Redaktion mit dem Deutschen Lokaljournalistenpreis geehrt – die Auszeichnung hat eine zweijährige Vorgeschichte.

Britta Veltzke, Kevin Schwarzbach und Jens Ostrowski (v.l.) nehmen den Preis in Sindelfingen entgegen.
Britta Veltzke, Kevin Schwarzbach und Jens Ostrowski (v.l.) nehmen den Preis in Sindelfingen entgegen.

© Denni Klein

Sindelfingen/Riesa. Sie hat die Riesaer Leser gereizt, erfreut, polarisiert – und jetzt hat sie gewonnen: die Serie „Die Stasi vor unserer Tür“. Die Konrad-Adenauer-Stiftung zeichnete die SZ-Lokalredaktion Riesa am Sonntag für die Artikelreihe über die Machenschaften der Stasi in der Sportstadt mit dem Deutschen Lokaljournalistenpreis aus. Der ehemalige Redaktionsleiter Jens Ostrowski, der Riesa im Juli verlassen hatte, nahm die Ehrung gemeinsam mit Reporter Kevin Schwarzbach und Stadtredakteurin Britta Veltzke in Sindelfingen bei Stuttgart entgegen. „Wir sind stolz, dass die langwierige Recherche mit dem renommiertesten Journalistenpreis in Deutschland belohnt wird“, so Ostrowski, der bereits über zwei Jahre vor der Veröffentlichung mit der Recherche begonnen hatte.

Übergeben wurde der Preis in der Stadt der Zeitung, die mit dem Hauptpreis belohnt wurde. Die Kollegen der Böblinger Zeitung/Sindelfinger Zeitung erhalten ihre Auszeichnung für ihr Infopaket „Zerreißprobe“. Sie befassten sich mit fehlerhaften Geothermiebohrungen, die in der Region Millionen-Schäden verursacht haben. Die Festrede in der Sindelfinger Stadthalle hielt Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU). Darin würdigte er den Lokaljournalismus als unerlässlichen Bestandteil der Demokratie. Er glaube trotz sinkender Auflagen an die Zukunft der Lokalzeitung, so Schäuble.

Zwölf wurden Gewinner

Knapp 500 Einsendungen gab es in diesem Jahr für den Deutschen Journalistenpreis. Die Jury kürte davon zwölf zu Gewinnern. In der Kategorie „DDR Geschichte“ fiel die Entscheidung auf die 33-teilige Serie aus Riesa, die im September 2014 veröffentlicht wurde.

Die Jury kam zu dem Urteil, dass die Serie 25 Jahre nach dem Mauerfall der Verklärung der DDR entgegen wirkt: „Seit 1989 die Mauer fiel, sind viele Kapitel der DDR-Geschichte ins Licht der Öffentlichkeit gerückt. Im lokalen Raum steht aber bis heute oftmals noch eine Mauer des Schweigens, wenn es um die Stasi geht. Die Zeitung nimmt sich des heißen Themas an. Vorausgegangen sind zweieinhalb Jahre Planung und Recherche, teils gegen erhebliche Vorbehalte bei potenziellen Gesprächspartnern. Die Zeitung wird ihrem Auftrag gerecht, Öffentlichkeit herzustellen – auch wenn es wehtut.“

Für die fünfwöchige Serie sichtete die Lokalredaktion 4 000 Seiten Aktenmaterial, fuhr 8 000 Kilometer zu Zeitzeugen und Archiven, führte über 30 Interviews mit Opfern, Tätern, Stasi-Experten und Psychologen. Schon während der Recherchen, aber besonders während der Veröffentlichungen kam es immer wieder zu Anfeindungen von Menschen, die das Thema lieber unter Verschluss gesehen hätten.

Auf offene Türen hingegen stieß die Redaktion bei den Verfolgten der Staatssicherheit. Viele haben bis heute mit psychosomatischen Störungen zu kämpfen. Ihnen hilft es, wenn das Unrecht anerkannt wird, das ihnen widerfahren ist. Die Redaktion erkannte darin eine besondere Aufgabe innerhalb der Aufarbeitung.

Dagmar Hovestädt, Sprecherin der Stasi-Unterlagenbehörde, betonte schon damals: „Es ist nicht alltäglich, dass eine Lokalredaktion sich der Herausforderung stellt, im Archiv der Stasi-Unterlagen-Behörde die Vergangenheit des eigenen Ortes zu recherchieren. „Die Stasi vor unserer Tür“ ist daher ein besonderes Projekt, engagiert und umfassend recherchiert, das ein Vorreiter ist. Die Stasi-Unterlagen eignen sich auf eine ganz spezielle Art dazu, eine „politische Heimatgeschichte“ zu schreiben, die gerade auch in der Lokalzeitung zur Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte besonders anregen kann.“ Das sah auch die Jury der Konrad-Adenauer-Stiftung so. (SZ)

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