erweiterte Suche
Samstag, 13.01.2018

Städtebahn zieht Notbremse

Auf einer Trasse ruht jetzt der Verkehr, weil immer wieder Bäume die Gleise blockieren. Für die Kamenzer Strecke soll ein Video die Brisanz zeigen.

Von Reiner Hanke

Bild 1 von 2

Immer wieder blockieren Bäume die Bahnstrecken auch im Raum Kamenz.
Immer wieder blockieren Bäume die Bahnstrecken auch im Raum Kamenz.

© SBS

  • Immer wieder blockieren Bäume die Bahnstrecken auch im Raum Kamenz.
    Immer wieder blockieren Bäume die Bahnstrecken auch im Raum Kamenz.
  •  Bei Pulsnitz demolierte ein Baum das Cockpit.
    Bei Pulsnitz demolierte ein Baum das Cockpit.

Kamenz. Die Wortwahl in der Chefetage der Städtebahn Sachsen (SBS) wird immer schärfer im Streit mit der Deutschen Bahn AG. Es sei „nur noch eine Frage der Zeit“ bis die Situation auf Strecken um Dresden Todesopfer fordere. So beschreibt Städtebahngeschäftsführer Torsten Sewerin die Lage. Die Gefahr gehe von der Vegetation, insbesondere von den Bäumen links und rechts der Gleise aus, so auch auf den Strecken nach Kamenz und Königsbrück. Die Vegetation würde von der Deutschen Bahn AG nicht im erforderlichen Maß zurückgeschnitten, bemängelt die SBS.

Bereits Mitte Dezember schlug die Städtebahn energisch öffentlich Alarm. Am Ortseingang von Pulsnitz krachte im Vormonat ein Zug aus Richtung Kamenz gegen einen Baum. Der ragte in den Gleisbereich. Zum Glück habe der Lokführer blitzschnell reagiert. Ansonsten hätte es auch Todesopfer geben können, schätzt Städtebahn-Geschäftsführer Torsten Sewerin ein. Das weckte Erinnerungen an einen Crash fast genau zwei Jahre zuvor ebenfalls in Pulsnitz. Damals wäre der Zug wegen eines Baumes auf den Gleisen um ein Haar mit einer Brücke kollidiert. Die Situation könne so nicht hingenommen werden. Die Züge seien wie in Baumtunneln unterwegs, kritisiert die Städtebahn. Allein in den letzten zwei Jahren zählte die Städtebahn Sachsen zehn Crashs mit umgekippten Bäumen auf ihren Strecken. Allein rund eine Million Euro an Reparaturkosten sei angefallen, den Unfall in Pulsnitz noch nicht mitgerechnet. Der Zug werde gerade begutachtet. Sewerin rechnet mit einem Schaden von bis zu einer Million Euro.

Für die Strecke zwischen Heidenau und Altenberg zog die Städtebahn nun die Notbremse. Dort wurde der Zugverkehr eingestellt. Die Sicherheit sei nicht mehr gewährleistet. Drei schwere Kollisionen Anfang der Woche hätten zu dieser Entscheidung geführt. Aber die Deutsche Bahn AG reagiere nicht auf die wiederholten Aufforderungen der SBS, die Strecken sicher zu machen, so Torsten Sewerin gegenüber der SZ. Und damit Gefahren für Leib und Leben der Passagiere abzuwenden. Nach Kamenz und Königsbrück rollen die Züge noch. Auf der Kamenz-Pulsnitzer Strecke sei jetzt ein Videomitschnitt gemacht worden, der die unhaltbare Situation dokumentieren soll. Solche Videos sollen noch von anderen Strecken folgen. Man wolle jetzt die Reaktion der Deutschen Bahn abwarten, bevor weitere Schritte eingeleitet würden.

Mit der Entscheidung zur Altenberg-Strecke wächst freilich der Druck auf die Deutsche Bahn. Letztlich ebenso wie auf den Verkehrsverbund Oberelbe und dessen kommunalen Zweckverband mit Landrat Michael Harig an der Spitze, sich in den Streit einzuschalten. Von Druck will der SBS-Chef seinerseits nicht sprechen: „Die Sicherheit der Fahrgäste und unserer Mitarbeiter sollte immer an oberster Stelle stehen“, betont er.

Die Deutsche Bahn AG hat die Vorwürfe allerdings wiederholt zurückgewiesen. Sie halte sich beim Rückschnitt an Recht und Gesetz. Auf den großen Hauptstrecken möge das so sein, schätzt die SBS ein. Auf den Nebenstrecken, insbesondere dort wo andere Unternehmen auf DB-Gleisen unterwegs seien, bezweifelt das der SBS-Chef und pocht auf entsprechende Nachweise. Sewerin verweist auch auf Schreiben der Rechtsanwälte des Unternehmens an die Deutsche Bahn. Es habe sich nichts getan.

Die Bahn argumentierte laut SBS zuletzt wohl auch mit dem stürmischen Wetter und fordere auf, die Geschwindigkeit auf 80 km/h zu drosseln. Dazu sagt Sewerin: Der Wind sei noch im normalen Rahmen geblieben. Und schneller führen die Regionalzüge in der Regel ohne hin nicht. Im Gegensatz zu den Hauptstrecken seien aber die Kurven regional deutlich enger und die Strecken schlechter einzusehen. Das müsse doch bei den Schnittarbeiten berücksichtigt werden. Im Gegensatz zu den Informationen der Deutschen Bahn, die gern den enormen Einsatz von Mitarbeitern und Geld für den Grünschnitt betont, zweifelt man bei der SBS auch daran. Der Regionalbereich Südost der DB Netz AG sei überfordert und weder finanziell noch personell so ausgestattet, um den erforderlichen Vegetationsrückschnitt vorzunehmen, schätzt der SBS-Geschäftsführer ein. Die Bahn sei aber nach dem Eisenbahngesetz dazu verpflichtet. Das sieht auch die Verbandsspitze des VVO (Verkehrsverbund Oberelbe) so. Sie erwartet von der DB Netz AG „die Bereitstellung sicherer Eisenbahnstrecken, auf denen durch die Städtebahn Sachsen ein sicherer Betrieb erfolgen kann.“ Das machte sie gestern auf SZ-Nachfrage in einem Schreiben deutlich. „Aus diesem Grund haben wir vom Konzernbevollmächtigten der Deutschen Bahn für Sachsen eingefordert, sich zu klärenden Gesprächen mit der Städtebahn Sachsen zu treffen.“ Es liege jetzt die Zusage der Deutschen Bahn vor, dies kurzfristig zu tun.

Nach neusten Informationen der Städtebahn sei in der kommenden Woche außerdem eine gemeinsame Streckenerkundungsfahrt von DB Netz AG und Städtebahn geplant, schreibt SBS-Marketing-Leiterin Gabriele Clauss. Die DB Netz habe nun festgestellt, dass akuter Bedarf an Fällungen von Bäumen besteht, die nicht mehr standsicher sind und eine Gefährdung des Fahrbetriebes darstellen würden.