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Mittwoch, 21.03.2018

Stadtindianer auf Hasenjagd

Seit 15 Jahren navigiert Lutz Müller Kindergruppen durch den Großen Garten. Jetzt startet die neue Pirsch.

Von Nadja Laske

Insgesamt 200 „Tatorte“ betreut Lutz Müller für seine Freiluftspiele. Zum Beispiel in Bäumen versteckt er Rätsel und Tipps für die fleißigen Entdecker.
Insgesamt 200 „Tatorte“ betreut Lutz Müller für seine Freiluftspiele. Zum Beispiel in Bäumen versteckt er Rätsel und Tipps für die fleißigen Entdecker.

© Sven Ellger

Wäre Lutz Müller der Osterhase, ginge er pleite. Eine so schlechte Planung, wie der Eierheld, könnte sich der Veranstalter nie leisten. Nur, weil viel zu wenige Hühner in Legelaune sind, droht Ostern auszufallen. Jetzt müssen die Kinder ran, um zu retten, was zu retten ist. Schließlich trifft sie selbst ein wenig Schuld an dem Debakel. Weil einige Mädchen und Jungen nicht an ihn glauben, gibt der Osterhase zu wenig Eier in Auftrag und trödelt beim Bemalen. Menschen nennen das Krise.

Mit dieser Geschichte lädt Lutz Müller in den Großen Garten ein. Dort ist er seit 15 Jahren mit Schulklassen, Hort- oder Kindergartengruppen unterwegs. Immer häufiger auch mit Geburtstagskindern, in Begleitung ihrer Eltern und Freunde. Bekannt wurde der 59-Jährige mit seinen Erich-Kästner-Detektivspielen – fröhliche, spannende, lehrreiche Schnitzeljagden durchs Grüne oder durch die Dresdner Neustadt. So hat der studierte Kulturwissenschaftler einst begonnen, inzwischen gesellen sich zahlreiche Outdoorspiele hinzu. Sie alle denkt sich Lutz Müller selbst aus und bereitet die Konzepte mit großem Aufwand vor.

Wer ihn auf seinem Trekkingrad durch die Stadt rollen sieht, hält ihn vielleicht für einen armen Irren. Doch der selbst ernannte Stadtindianer in leuchtend oranger Wetterjacke und mit bunt gefedertem Fahrradhelm auf dem Kopf verdient redlich sein Geld. Auch irrt er selten. Dass zu seinem Job ein bisschen Verrücktheit gehört, versteht sich. Aber eigentlich hat Lutz Müller nur gemacht, wovon andere träumen: sein Hobby zum Beruf.

„Als meine Kinder noch klein waren, habe ich mit einem anderen befreundeten Vater immer gewetteifert, wer den besten Kindergeburtstag ausrichtet“, erzählt er. Nun sind die Stepkes von einst erwachsen, doch das Faible fürs Spiel ist geblieben. Ob Ostern oder andere Feierlichkeiten – der kreative Wettstreit gehört zum Familienritual dazu. Eier nach einem bestimmten Motto zu bemalen zum Beispiel, Gedichte zu verfassen oder Eierschalen zu künstlerischen Gebilden zu verarbeiten. Hauptsache Gaudi und Hauptsache zusammen. „Meine Tochter ist 31 Jahre alt und meine geduldigste und schärfste Kritikerin“, sagt Lutz Müller. Sie lese jede neue Spielanleitung und finde die erste Version oft zu kompliziert. „Mit dem Osterspiel war sie sofort zufrieden und sagte: Papa, das ist dein bestes Spiel!“. Also steht der Rettung des Osterfestes nichts mehr im Weg. Doch dafür müssen die Kinder Verstecke aufstöbern, Aufgaben lösen und am Ende um die Mangelware Ei knobeln.

Über mangelnde Abwechslung kann sich Lutz Müller weder zu Ostern noch im übrigen Leben beklagen. Aus der Nähe von Berlin kam er zu DDR-Zeiten nach Radeberg. Dort gab es für den diplomierten Kulturschaffenden Arbeit von Amtswegen und eine dazugehörige Wohnung. Wohnraum galt damals als Mangelware wie die Ostereier im Spiel. Später wurde der politisch Unzuverlässige Dramaturg an einem alternativen Theater und war nach der Wende plötzlich dort gefragt, wo zuvor Staatstreue über Karrieren entschied: in Zeitungsredaktionen. So begann seine Lehrzeit zum Journalisten. Nach etlichen Jahren bei Presse und Fernsehen machte sich Lutz Müller mit einer Geschäftsidee selbstständig und vertrieb Stadtrundgänge im Spielkartenformat. Insgesamt acht Städte ließ er seine Kunden auf diese Weise erschließen. Heute sagt er: „Das war eine tolle Zeit, aber heute mache ich etwas noch viel Schöneres.“

Kindergruppen drei Stunden lang durch den Stadtpark zu navigieren und schließlich in begeisterte Gesichter zu sehen, ist eine dankbare Aufgabe. So glücklich wie der Stadtindianer ist aber nicht jeder über die Drachen-, Verbrecher- und Gespensterjäger in Dresdens Barockgarten. Dort herrscht die Parkordnung, die kindliche Neugier nicht immer beherrschen kann. Entdeckergeist macht vor Mauern und Lücken nicht halt, doch die Debatten darüber haben sich inzwischen beruhigt.

Schließlich sollten auch die Erwachsenen wachsame Augen haben. Lutz Müller bietet kein Rundumsorglospaket. „Eltern oder Lehrer haben ihre Aufgaben im Spiel, genau wie die Kinder“, sagt er. Mit Lageplänen und erklärenden Bildern ausgestattet geht es auf Tour. Wer Landkarte lesen kann, ist klar im Vorteil.

www.dresdner-stadtindianer.de

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