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Dienstag, 16.02.2016

Stadt soll Kauf von Dynamo-Stadion prüfen

Die jetzige Situation ist nicht nur für die Sportgemeinschaft frustrierend. Rot-Grün-Rot wagt einen Vorstoß.

Von Lars Kühl

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Dynamo nutzt das Stadion Dresden, zahlt dafür genau wie die Stadt Miete, darf aber höchst selten zum Training auf den Rasen. Das soll sich ändern.
Dynamo nutzt das Stadion Dresden, zahlt dafür genau wie die Stadt Miete, darf aber höchst selten zum Training auf den Rasen. Das soll sich ändern.

© Eric Münch

Dresden. Ein Stadion, in dem Fußballern das Trainieren verboten wird – ein Unding, aber in Dresden Alltag. Am Donnerstag hatte der Betreiber, die Projektgesellschaft (PG), den Dynamo-Kickern den Zutritt aufs gepflegte Grün verweigert. Warum, weiß Trainer Uwe Neuhaus nicht. Das Verbot reichte aber für etwas Ungewöhnliches. Der ansonsten besonnene Westfale nahm Fahrt auf. Der Streit im belasteten Verhältnis zwischen Verein und der Stadionbetreibergesellschaft werde auf dem Rücken der Mannschaft ausgetragen, die um den Aufstieg in die Zweite Liga kämpft.

Der öffentliche Ausbruch des Coachs brachte zudem bei Stadtrat Thomas Blümel das Fass zum Überlaufen – wenn auch indirekt. Als ehemaliger Aufsichtsratsvorsitzender hat der sport- und finanzpolitische Sprecher der SPD eine Dynamo-Vergangenheit, kennt sich in der Materie also sehr gut aus. Hintergrund ist der Jahreszuschuss zur städtischen Stadionmiete, die laut Konzessionsvertrag mit der PG in der 3. Liga 2,3 Millionen Euro beträgt. Unabhängig von der Klasse, in der Dynamo spielt, sind 1,5 Millionen Euro vereinbart. Das Geld steht auch bereit, bestätigt Finanzbürgermeister Hartmut Vorjohann (CDU). Solange Sportgemeinschaft und Projektgesellschaft aber ihren Zwist nicht lösen, werde nicht ausgezahlt. Zankapfel ist eine Gebühr für die Instandhaltung des 2009 eröffneten Stadions. Die soll 250 000 Euro pro Jahr betragen und erst ab jetzt zurückgelegt werden – nach dem Prinzip „besser spät als nie“.

Die PG will, dass das Geld vom 1,5 Millionen-Euro-Zuschuss genommen wird, Dynamo sieht das naturgemäß anders. Trotzdem würde der Verein einlenken, wenn der Betreiber im Gegenzug seine Geschäftsbeziehungen sowie die Einnahmen und Ausgaben offenlegt. Außerdem will Dynamo über einen neuen Nutzungsvertrag, der eigentlich bis 2019 läuft, verhandeln. Zu kompliziert ist derzeit das Geflecht aus Fixkosten und Beteiligungen unter anderem an den Vermarktungserlösen. Zu klären wären noch weitere strittige Details.

Das Hickhack zwischen Dynamo und PG sowie den Stadtratsentscheidungen mit dem anschließenden Veto Vorjohanns reichte Blümel jetzt. Zusammen mit den Kooperationspartnern Linke, Grüne und Piraten plant die SPD deshalb einen Vorstoß: Dresden soll das Stadion kaufen! Der Vorschlag ist nicht neu, doch dieses Mal kann er sich einer Stadtratsmehrheit sicher sein. „Noch im Frühjahr werden wir einen interfraktionellen Antrag stellen, das in der Verwaltung zu prüfen“, erklärt Blümel. Das sei ein erster Schritt, der gesamte Prozess bis zu einer Entscheidung werde ein bis zwei Jahre dauern.

Über Summen zu spekulieren, ist im Moment unsinnig. Die PG müsste zunächst zum Verkauf bereit sein, für eine Nachfrage war dort aber niemand erreichbar. „Es wird sehr schwierig“, sagt Linken-Stadtrat Tilo Wirtz. „Wenn die nicht wollen, kriegen wir das Stadion nicht, nur zu einem Mondpreis.“ Auch sein Fraktionsvorsitzender André Schollbach ist sich der komplizierten Ausgangslage bewusst, „aber die Betreibung des Stadions ist im Moment viel zu teuer“. Die nicht unerheblichen Vorteile für die PG müssten auf den Prüfstand.

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Die ärgern auch Blümel besonders: „Das Stadion steht deshalb da, weil wir hier Fußball spielen wollen.“ Und nicht, damit eine private Gesellschaft ein gutes Geschäft mache, während Verein und Stadt nur zahlen, egal, was an Miete aufgerufen wird. Würde Dresden die Betreibung wieder selbst übernehmen, könnte viel Geld gespart werden. Der Sportstättenbetrieb sei durchaus in der Lage dazu. Die Reinigung, Energieversorgung oder Reparaturen könnten von den eigenen Stadtwerken oder regionalen Partnern erledigt werden.

Dass ein Stadion mit deutlich geringeren Kosten als in Dresden betrieben werden kann, zeige die Red-Bull-Arena in Leipzig. Mit deren Betreiber Michael Kölmel hatte sich Blümel darüber unterhalten. Und noch eine Fügung lässt ihn zuversichtlich in die Zukunft schauen. Ralf Gabriel, derzeit noch Technischer Direktor bei Dynamo, gilt als aussichtsreichster Kandidat für die vakante Stelle des Sportstättenbetriebsleiters. Für das Amt hatte er früher bereits gearbeitet. Möglichst bald soll Gabriel berufen werden. Er ist ein ausgemachter Insider und jetzt schon in Verhandlungen involviert, wenn es um Anpassungen in den Stadionverträgen geht.

Gesetzt den Fall, mit der PG kann eine Einigung erzielt werden, müsste die Stadt die Raten des 46 Millionen-Euro-Neubaus übernehmen. Derzeit laufen dabei jährlich auch mehrere Hunderttausend Euro für Zinsen auf, sagt Blümel. Viel zu viel.

Ein möglicher Stadionkauf erhält selbst aus den Reihen der Opposition positive Signale. „Wir werden uns mit dem Thema beschäftigen“, sagt Gunter Thiele, der baupolitische Sprecher der CDU. „In Abhängigkeit der Rahmenbedingungen werden wir schauen, ob man das finanziell darstellen kann. Es muss sich aber in die Prioritäten in der Stadt einordnen lassen.“

Und Dynamo, wie steht der Verein zum Vorstoß, der viele Probleme lösen würde? „Wenn sich solche Pläne konkretisieren, unterstützen wir das natürlich“, sagt Geschäftsführer Robert Schäfer. (mit SZ/-ler)

Leser-Kommentare

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Insgesamt 23 Kommentare

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  1. Dresdner Gewissen

    Ich bin der Auffassung, dass sich ein Kauf solange verbietet, wie die Stadt Mühe hat Ihre Pflichtaufgaben: - Bau und Sanierung von Schulen - Bau und Sanierung von KiTas - Instandhaltung und Sanierung von Gehwegen, Fahradwegen und Straßen - Integration von bewilligten Asylanten - Fertigstellung der Kulturbauten zu erfüllen. All das hat Vorrang.

  2. Dresdnerin

    Wieso soll Dresden das Stadion kaufen? Wieso muss Dresden auf immer und ewig diesem Verein Geld zuschießen? Dynamo Dresden spielt in der Profi-Liga. Soll doch Dynamo das Stadion selbst kaufen. Warum ständig Steuermittel der Stadt in Größenordnungen für diesen Verein?

  3. Urbanisator

    Die Stadt hat damals ein Konstrukt gewählt, wo sie keine Haushaltsmittel zuschießen muss. Der Bau wurde von der Projektgesellschaft mittels Kredit finanziert. Die Kreditkosten sollten die Nutzer bezahlen, die Stadt steht als Bürge bereit. Da der Hauptnutzer die Kosten nicht tragen kann, muss die Stadt nun zuschießen, so wie sie bei einer Eigenfiunanzierung Kreditraten zahlen müsste. Dazu kommen halt Betriebskosten etc. Was mich wundert: Die Projektgesellschaft legt die Betriebskosten (die deutlich mehr beinhalten als das, was ein Wohnungsmieter an Betriebskosten übernehmen muss) nicht offen, sagt aber jetzt, dass man die Instandhaltungskosten darin vergessen hat und fordert einen Nachschlag. Und die Stadt ist erstmal bereit, dieses Geld vorzuschießen. Der Verdacht liegt nahe, dass sich hier im Hintergrund jemand auf Steuerkosten eine goldene Nase verdient - sonst könnte man die Zusammensetzung der Betriebskosten ja offenlegen.

  4. Bruno

    @Dresdner Gewissen, das ist richtig, was Sie schreiben. Sie vergessen aber den Städtischen Zuschuss in Höhe von mindestens 1,5 Millionen. Wenn dieses Geld (teilweise) für die Abbezahlung des Kredit eingesetzt wird, ist es eine sinnvollere Investion, als dieses Geld jedes Jahr einer Projektgesellschaft an den Hals zu werfen. Aus meiner Sicht hätte das Stadion von Anfang an durch die Stadt gebaut und betrieben werden müssen. Aber dafür gibt es andere Hintergründe und wir müssen nun positiv in die Zukunft sehen.

  5. Berg

    Die allgemeine "Große Freiheit Nr. 7" für alle und jeden hat dazu geführt, dass sich die beteiligten Männer (keine Frau dabei?) durch das jahrzehntelang geknüpfte Vertragsnetz nicht mehr durchfinden. Ein bisschen Planwirtschaft und etwas weniger Gewinn- und Sparstreben wäre besser gewesen. - Ob ausgerechnet Fußwege Priorität haben, ist durchaus Ansichtssache. Ein Stadion ist der am meisten und von den meisten Bürgern genutzte Veranstaltungsort einer Stadt, übrigens auch mit Fußwegen. Da darf es nicht passieren, dass die im Rhythmus springenden Zuschauer die Resonanzdrequenz der Tribüne erwischen....

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