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Freitag, 05.02.2016

Später Prozess gegen KZ-Wachmann

Der lange Atem der Ermittler führt zu einem weiteren Prozess gegen einen mutmaßlichen Mordgehilfen der Nazis. In wenigen Wochen muss in Hanau ein 93-jähriger Hesse vor Gericht. Er war einst Wachmann im KZ Auschwitz.

Von Jörn Perske

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Vor dem Landgericht in Hanau muss sich ein heute 93-jähriger ehemaliger Wachmann des Lagers Auschwitz-Birkenau wegen Beihilfe zum Mord verantworten.
Vor dem Landgericht in Hanau muss sich ein heute 93-jähriger ehemaliger Wachmann des Lagers Auschwitz-Birkenau wegen Beihilfe zum Mord verantworten.

© dpa

Hanau. Nach vielen Jahrzehnten wird Ernst T. von seiner Vergangenheit eingeholt. Als er zwischen November 1942 und Juni 1943 im Konzentrationslager Auschwitz seinen Dienst als Wachmann für die Nazis verrichtete, war er ein junger Mann, anfangs 19 Jahre alt. Im stattlichen Alter von 93 Jahren wird er nun wieder mit dem Massenmord während des Zweiten Weltkriegs konfrontiert. Der Mann aus Hessen muss sich voraussichtlich ab Mitte April einem Prozess stellen - vor der Jugendkammer, weil er zur mutmaßlichen Tatzeit so jung war. Am Freitag eröffnete das Landgericht Hanau das Hauptverfahren.

Vorgeworfen wird Ernst T. Beihilfe zum Mord. Er soll als Mitglied des SS-Totenkopfsturmbannes mitgeholfen haben, dass mindestens 1075 Menschen unmittelbar nach ihrer Ankunft grausam und heimtückisch in den Gaskammern umgebracht wurden. Die Ermittler haben für den Prozess drei Transporte herangezogen, mit denen Menschen aus Berlin, Drancy (Frankreich) und Westerbork (Niederlande) am 1. November 1942, 19. Mai 1943 und 25. Juni 1943 nach Auschwitz deportiert wurden.

Die KZ-Schergen von damals werden auch im hohen Alter noch vor Gericht geholt, wenn der Tatverdacht gegeben und die Beschuldigten noch leben und verhandlungsfähig sind. Der Prozess gegen Ernst T. ist ein Verfahren in einer Liste von Prozessen, die schon verhandelt wurden oder noch ausstehen.

Ein aufsehenerregender Fall in jüngster Vergangenheit war der von Oskar Gröning, dem „Buchhalter von Auschwitz“. Das Landgericht Lüneburg verurteilte den 94-jährigen Ex-SS-Mann im Juli 2015 wegen Beihilfe zum Mord in 300 000 Fällen im Vernichtungslager Auschwitz zu vier Jahren Haft. Das Urteil ist aber noch nicht rechtskräftig. Dem Bundesgerichtshof liegt eine Revision vor.

Mit mutmaßlichen Mordgehilfen der Nazis und hochbetagten Kriegsverbrechern setzen sich derzeit neben Hanau noch weitere Gerichte in Deutschland auseinander. Am 11. Februar beginnt in Detmold (NRW) ein Prozess gegen einen ehemaligen SS-Wachmann (94). Neben dem Detmolder Fall sind weitere Auschwitz-Beschäftigte in Neubrandenburg und Kiel angeklagt. In Kiel ist es niemand, der Juden oder andere Deportierte ins Gas schickte. Es ist eine ehemalige SS-Funkerin.

Auch frühere Auschwitz-Helfer, die womöglich nur am Rande mit dem mörderischen Geschehen zu tun hatten, müssen damit rechnen, doch noch belangt zu werden. Mord verjährt nicht. Wer seinen Teil zum Funktionieren der Tötungsmaschinerie, zum industriell organisierten Massenmord beigetragen hat, wird verfolgt.

Der Mann, der sie aufspürt, sitzt in Ludwigsburg. Wenn man so will, ist Jens Rommel (43) der oberste Nazi-Jäger. Er ist der Leiter der Zentralen Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen. Zusammen mit seinem Ermittlerteam sucht er auch mehr als 70 Jahre nach Kriegsende weiter nach Hinweisen auf NS-Verbrechen. Ein Ende ist nicht in Sicht: „Alle Fälle erledigt werden wir nie haben“, betont er. „Wir kennen noch nicht einmal alle Verbrechen - und schon gar nicht kennen wir alle Verbrecher.“

Rommel erklärt: „Ohne die einzelnen Räder in der Maschine hätte das Vernichtungssystem nicht funktioniert. Dieser Grundgedanke veranlasste auch die Zentralstelle zu neuen Ermittlungen.“ Nachdem Listen von noch lebenden ehemaligen KZ-Mitarbeitern in Auschwitz und Majdanek/Lublin überprüft wurden, nehmen sich die Ermittler nun die Lager in Bergen-Belsen und Neuengamme vor. Mit einigen Ermittlungsverfahren und Prozessen ist daher noch zu rechnen.

Zur Wirkung der späten Prozesse gegen greise Männer wie Ernst T. und andere sagt Werner Renz: Es gehe um Genugtuung und eine längst überfällige Korrektur einer empörenden Rechtsauffassung. Renz ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Fritz Bauer Instituts, das sich mit der Geschichte des Holocaust und dessen Aufarbeitung beschäftigt. „Viele Täter des Verwaltungsapparats oder Wachleute von damals sind nie belangt worden“, betont Renz. Erst mit den Ermittlungen und Prozessen der vergangenen Jahre habe sich das geändert. „Für die allermeisten ist es zu spät.“ (dpa)

Leser-Kommentare

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  1. Demokrat

    Zur Maschinerie des faschistischen Staatsapparates gehörten Richter ,Beamte oder hohe Militärs die nach dem Krieg in verantwortlichen Funktionen im Westen wie im Osten oder in den USA wirkten u.in Ruhe ihre Beamtenrente bezogen. Nun 70 Jahre nach den Ereignissen über 90ig jährige die als Randfiguren im dem Wahnsinnsgetriebe tätig waren vor Gericht zu bringen ist aus meiner Sicht aus vielen Gründen nicht vertretbar.Das hat ua der Prozess gegen Demjanjuk gezeigt der Aufwendig aus den USA eingeflogen wurde - in Israel in einem Prozess vor Jahren freigesprochen wurde u.in Deutschland im Altersheim verstarb.Auch müsste man die Frage stellen wer müsste heute für Verbrechen vor Gericht :Verantwortliche für Napalmeinsatz in Vietnam Unterstützung Diktatoren wie Pinochet in Chile,Irakkrieg die Liste wäre lang bezüglich begangener Kriegsverbrechen mit Folter wie Waterboarding Entführung Mord. Darüber sollte man nachdenken. Auch sollte man in Deutschland nun mit dem Schuldkomplex Schluß machen

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