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Donnerstag, 14.09.2017

So viel Stundenausfall wie noch nie

Schon kurz nach Schuljahresstart ist klar: Im Landkreis kann der Unterricht nicht mehr vollständig abgedeckt werden.

Von Jana Ulbrich

Das neue Schuljahr ist fünf Wochen alt – und die Unterrichtsversorgung so schlecht wie noch nie. Noch immer werden für 50 freie Stellen Lehrer gesucht. Mehr als 100 Stellen sind ebenfalls noch nicht besetzt, weil die eingestellten Seiteneinsteiger erst einmal qualifiziert werden müssen.
Das neue Schuljahr ist fünf Wochen alt – und die Unterrichtsversorgung so schlecht wie noch nie. Noch immer werden für 50 freie Stellen Lehrer gesucht. Mehr als 100 Stellen sind ebenfalls noch nicht besetzt, weil die eingestellten Seiteneinsteiger erst einmal qualifiziert werden müssen.

© dpa

Bautzen. An der Grundschule Hermsdorf bei Ottendorf-Okrilla ist noch eine Stelle frei. Die Klasse 2b wartet sehnsüchtig auf einen Lehrer. Die Stelle ist jetzt sogar „schulscharf“ ausgeschrieben. Aber bisher hat sich noch niemand beworben. „Das ist wirklich eine ziemlich schwierige Situation“, sagt Schulleiterin Carmen-Regina Brodengeier. Dabei tun sie und ihre Kolleginnen, was sie können. Sie teilen sich die Klasse auf, übernehmen zusätzlich Stunden, verteilen den Ausfall gleichmäßig auf alle Klassen. „Ich bin sehr froh, dass die Eltern so viel Verständnis haben“, sagt die Schulleiterin. Aber auch die Eltern wissen ja, dass die Schule nichts für die Lage kann.

Dabei liegt Hermsdorf noch im Speckgürtel von Dresden, dort wo die Personalsituation zwar schwierig, aber noch nicht annähernd so angespannt ist wie in den Dörfern der Oberlausitz. Noch immer sind hier über 50 Stellen unbesetzt. Aber auch über 100 neu eingestellte Seiteneinsteiger stehen bisher noch nicht vor den Klassen, weil sie erst einmal eine dreimonatige Schnell-Qualifizierung durchlaufen. Neben der Grundschule Hermsdorf suchen momentan auch noch 13 weitere Schulen in der Region jetzt auf direktem Wege und zum schnellstmöglichen Zeitpunkt Lehrer.

Es ist nur noch ein Zerren und Wenden, so beschreibt Petra Müller, Oberschullehrerin in Neusalza-Spremberg und stellvertretende Vorsitzende des Sächsischen Lehrerverbands die Personalsituation an den Schulen. Im Moment, sagt sie, fallen in den Kreisen Bautzen und Görlitz so viele Unterrichtsstunden aus wie noch nie.

Die Situation sei noch schwieriger als im vergangenen Schuljahr mit dem bisher höchsten Stundenausfall seit der Wende. Die Zahlen für das letzte Schuljahr hat das Kultusministerium jetzt veröffentlicht. Es gibt Schulen, an denen jede zehnte Stunde ersatzlos ausgefallen ist. Noch gar nicht dazugerechnet sind da die Stunden, in denen die Schüler Vertretung in einem anderen Fach hatten oder mit Aufgaben beschäftigt worden sind.

Den Mangel verteilen

In diesem Schuljahr, sagt Gewerkschafterin Petra Müller, ist es zum ersten Mal nicht mehr die Ausnahme, dass die Stundentafel gleich von vornherein gekürzt werden muss, dass eine Klasse zum Beispiel von vornherein eine Stunde weniger Mathe, Deutsch oder Englisch pro Woche hat, als der Lehrplan das eigentlich vorsieht. „Der Mangel wird gleichmäßig verteilt“, sagt Petra Müller. „Wir haben auch keinerlei Puffer und Reserven mehr.“ Inzwischen seien fast alle Schulen mehr oder weniger stark betroffen.

Verteilt wird der Mangel beispielsweise mit ganzen oder stundenweisen Abordnungen von Lehrern an andere Schulen. „Erstmalig sind in diesem Schuljahr selbst Gymnasiallehrer an Grundschulen abgeordnet worden“, bestätigt Petra Müller. Vermehrt würden auch Kurse und Klassen zusammengelegt, Klassenstärken überschritten und der Unterricht in A- und B-Wochen eingeteilt: In der A-Woche fällt Physik in der einen Klasse aus, in der B-Woche in der anderen. In der Bautzener Bildungsagentur spricht man in solchen Fällen von „Anpassungen“. Wie viel Unterricht derzeit tatsächlich ausfällt, sagt Bildungsagentur-Sprecherin Angela Ruscher nicht. Sie erklärt, dass in ihrer Behörde dazu keine aktuelle Statistik geführt wird. „Wir arbeiten auf Hochtouren, um die offenen Stellen so schnell wie möglich besetzen zu können“, sagt die Sprecherin.

Petra Müller vom Lehrerverband macht noch etwas anderes große Sorgen: Die ohnehin schon schwierige Personalsituation wird durch einen hohen Krankenstand noch zusätzlich verstärkt. „Wir haben derzeit eine rasante Zunahme an schwerbehinderten und langzeiterkrankten Kollegen“, weiß sie.

Unterrichtsausfall 2016/17
Schulart Ausfall
Grundschulen 3,2
Oberschulen 5,3
Gymnasien 5,3
Berufsbild. Schulen 7,1
Förderschulen 6,9
Angaben in Prozent, Durchschnitt in den Kreisen Bautzen und Görlitz Quelle: Kultusministerium