erweiterte Suche
Montag, 19.09.2016

Sind wir auf dem linken Auge blind?

Mir brennt die Frage unter den Nägeln, warum in den Medien der Linksterrorismus wesentlich weniger beachtet/verachtet/verurteilt wird als der rechte Terror. Ich erfahre wenig über Ermittlungen gegen die Links-Autonomenszene oder die Brandstifter der Autos von Pegida-Demonstranten. Sind wir auf dem linken Auge blinder? Steffen Wittig

Sehr geehrter Herr Wittig,

können Sie sich noch an die Zeiten erinnern, als der Vorwurf Politik und Justiz traf, auf dem rechten Auge blind zu sein? Das war nicht nur in der alten Bundesrepublik eine ständig wiederkehrende Wendung, sondern auch in Sachsen in den 90er-Jahren. Zu Recht, wie wir heute wissen. Damals wurden rechtsradikale Entwicklungen gern verharmlost, weil sie nicht ins offizielle Sachsen-Bild passten. Ein Ergebnis: Die rechte Gewalt nahm deutlich zu, nicht zuletzt gegen Flüchtlinge. Politik, Polizei, Justiz haben jetzt jede Menge damit zu tun. Und letztlich auch die Medien. Sie berichten über die Gewalttaten, über Prozesse gegen die Täter, über traurige Statistiken und vorbeugende Maßnahmen. Die Häufung dieser Straftaten führte auch zu umfangreicherer Berichterstattung in der Sächsischen Zeitung.

Die richtige und notwendige Fokussierung der Gesellschaft auf die Bekämpfung rechter Gewalt darf nur nicht dazu führen, linke Gewaltexzesse zu verharmlosen oder gar zu übersehen – da haben Sie völlig recht. Auch wenn auf diesem Feld gegenwärtig weit weniger passiert und sich die linksextreme Szene Sachsens in Leipzig konzentriert. Ja, es gibt in der Gesellschaft Tendenzen, linke Gewalt – zum Beispiel gegen Autos – zu verharmlosen, weil sie angeblich für die gute Sache stehen und das Böse bekämpfen. Aber diese Denke ist ein Fehler und sollte nicht toleriert werden. Und warum gibt es eigentlich nur Aussteigerprogramme für Rechts- , nicht aber für Linksextreme? Insofern ist Ihre Warnung, sehr geehrter Herr Wittig, prinzipiell angebracht. Wir haben eben in Sachsen so unsere Erfahrungen, was passiert, wenn frühe Entwicklungen übersehen werden.

Bei der Sächsischen Zeitung gibt es übrigens eine klare Linie: Gewalt, von welcher Seite auch immer, lehnen wir ab. Dies werden Sie in den Kommentaren immer wieder lesen können. Und vielleicht löst Ihre Anregung in der Redaktion auch die eine oder andere Recherche zu älteren Fällen aus, die wegen der aktuellen schlicht liegen geblieben sind.

Ihr Olaf Kittel

Alle Fragen, alle Antworten: www.sz-link.de/leserfragen